
Von Claudia Krieglsteiner (14.2.2011)
Jedes Sozialforum muss sich neu erfinden und aufbauen. In einem, über den Internationalen Rat organisierten und fast zwei Jahre dauernden Prozess werden die thematischen Achsen festgelegt und der methodische Rahmen ausgehandelt: Seminare, Workshops, Foren, Verschränkungsforen.
Und aufbauen meist im buchstäblichen Sinn des Wortes: am Campus der UNI von Dakar stehen überall Gruppen großer Zelte für Veranstaltungen, im Zentrum ist eine richtige Zeltstadt für die Infostände der beteiligten Organisationen entstanden. Die Beteiligung von Gruppen und Organsiationen aus dem Land ist unüberschaubar. So gibt es auch gleich zu Beginn des Forums Unstimmigkeiten, weil mehr Infostände angemeldet sind, als aufgebaut werden konnten. Es finden sich Lösungen Organisationen, die auch sonst kooperieren, wie Transform! und die Rosa Luxemburgstiftung teilen sich ihren Stand.
Die Beteiligung am Forum ist sehr von den Menschen aus Senegal geprägt. Fünf Caravanen zogen mehr als ein Monat lang durch Afrika und brachten einerseits sehr vielen Menschen die Ideen der Sozialforumsbewegung, aber auch sehr viele Menschen aus kleinen Städten und Dörfern zum Forum. Auch aus den Nachbarländern Mali und Camerun sind viele TeilnehmerInnen angereist. Die Beteiligung aus Süd- und Ostafrika ist, wegen der hohen Reisekosten, die die Menschen kaum aufbringen können, dagegen relativ gering.
EuropäerInnen und LateinamerikanerInnen sind durchaus präsent, dominieren aber nicht die Veranstaltungen.
Am Beginn des Welt Sozialforums in Dakar stand der Erfolg der Bewegungen in Tunesien, bei der Essemblea der Essembleas konnte Mahmoud aus Ägypten auf der Bühne überglücklich verkünden, dass Moubarack das Land nun tatsächlich verlassen hat und obwohl die Bewegungen und Veränderungen in Tunesien und Ägypten nicht die dominanten Themen des Forums waren, werden sie mit diesem WSF verknüpft bleiben. Der – von Seiten der Bewegungen aus – vollständig friedlich erkämpfte Sieg erzeugt ein Selbstbewusstsein einer neuen Generation in ganz Afrika, dessen Tragweite überhaupt noch nicht einzuschätzen ist. In den Diskussionen und Berichten zu diesen Bewegungen wurde jedenfalls deutlich, dass das, was als „seltsame Form der Mobilisierung“ über Internet und Handy und ohne grosse zentrale Organisation im Vordergrund einer Bewegung zu Beginn dieses Jahrtausends zum Beispiel in Seattle, aber auch bei der Bewegung gegen SchwarzBlau in Österreich bestaunt wurde, unter bestimmten Bedingungen eine durchsetzungsfähige Mächtigkeit erhält.
Eine starke Delegation aus Marocco von über tausend TeilnehmerInnen trug auch ihre Widersprüche in das Forum: ein Teil der Delegation, der von der Regierung finanziert wurde, attackierte eine Veranstaltung zur Solidarität mit Westsahara gewaltvoll. Dies wurde von allen TeilnehmerInnen, vom Internationalen Rat und auch von der Versammlung der Delegation der Europäischen Linkspartei, der auch der neue Vorsitzende Pierre Laurent angehörte, scharf verurteilt und als Angriff auf das Sozialforum als solches gewertet.
Die ohnehin grossen organisatorischen Herausforderungen für die lokalen OrganisatorInnen wurden durch einen Umstand, dessen Hintergründe sich nicht völlig klären liessen, über ihrer Möglichkeiten hinaus angespannt. Der Rektor der Universität, mit dem alle Bedingungen ausverhandelt waren, wurde ersetzt, der neue fühlte sich nicht an die Vereinbarungen gebunden. Manche glaubten einen direkten Eingriff des Präsidenten Wade, der sich nicht für das Forum ausgesprochen hatte, zu erkennen, andere interpretierten den Wechsel als Ergebnis anhaltender Auseinandersetzungen an der Universität: Sie ist ursprünglich fuer 17.000 Studierende gebaut worden, heute studieren 70.000 junge SenegalesInnen dort. Jährlich müssen Tausende abgewiesen werden, was ebenso wie die schlechten Bedingungen für die angenommenen, immer wieder zu Demonstrationen und Protesten führt.
Jedenfalls standen für das Sozialforum immer wieder Säle für Veranstaltungen nicht zur Verfügung, die fix eingeplant waren. Es mussten täglich neu Orte für Versammlungen ausverhandelt – und kommunuziert – werden. Dies war für bereits vernetzte Initiativen und grössere Organisationen auch möglich, für andere aber nicht. So fanden geplante Seminare nicht statt, oder wurden von Vielen nicht gefunden. Das schaffte Unmut und hinterliess ein Gefühl der Verlorenheit bei TeilnehmerInnen ohne gute Verankerung.
Davon relativ unberührt waren die GewerkschafterInnen, die in einem eigenen grossen Zelt ihre – hier besonders stark von Nordafrika und Brasilien geprägten – Veranstaltungen anboten, aber auch die Frauen.
Auf dem zentralen Platz der Uni war das größte Zelt – und auch das am schönsten gestaltete – das der Frauen. Täglich gab es mehrere internationale Diskussionen mit TeilnehmerInnen vorallem aus Afrika, Asien und Lateinamerika, die ihre Projekte, Bewegungen und Forderungen vorstellten. Die Themen waren nicht neu, vom Fehlen der einfachsten Menschenrechte wie das der körperlichen Unversehrtheit, oder dem Recht auf Landbesitz bis zu Fragen der verschiedenen Möglichkeiten politischer Partizipation wurden besprochen. Neu war aber die Erfahrungen der Intensität der Veranstaltungen und der permanenten Beteiligung von über 400 Frauen.
An diesem Wochenende tagte der Internationale Rat, wird seine Einschätzungen und Schlussfolgerungen veröffentlichen und den Prozess einleiten, in dem entschieden wird, wann und wo auf dieser einen Welt ein nächstes Weltsozialforum stattfinden kann.
Zu hoffen ist, dass es auch in Europa gelingt von den Bewegungen in Nordafrika zu lernen und auch hier zu „moubaracken“, ein längst überfälliger Kandidat, Berlousconi, ist ja wieder einmal in Bedrängnis.
Claudia Krieglsteiner, Dakar