
Von Mirko Messner (12.12.2007)
Vor einigen Tagen wurde an dieser Stelle die Frage gestellt, was denn mit
unserer Privatsphäre geschieht, wenn permanent Arbeitsleistungen für
Unternehmen darin Einzug halten. Hatte die Frage bis heute für etwas
übertrieben gehalten. Jetzt nicht mehr.
Mein Handy hatte den Geist aufgegeben. Zum zweiten Mal innerhalb eines Jahres.
Mein Gegenüber konnte mich hören, ich es nicht. Musste auf Lautsprecher
schalten, was sich auf die Laune der Umstehenden oder im selben Raum
Befindlichen nicht unbedingt positiv auswirkte. Gehe also heute zum A1-Shop.
Erkläre mein Problem, und dass ich das Handy bitteschön endlich loswerden und
ein anderes haben will. Das könne hier nicht entschieden werden, ich solle im
Service-Zentrum anrufen, vielleicht sind die so kulant. Mache ich, gleich vor
Ort. Gerate an Antwortautomaten, höre mir zunächst Werbung an, dann folge ich
zwei oder drei Anweisungen und drücke brav die internen Nummern.
Kundenbetreuerin meldet sich, mit langen Einleitungssätzen, schließt mit Frage
ab: Was kann ich für Sie tun? Mir ein neues Handy verschaffen,
bitteschön ist meine falsche Antwort, Rache folgt umgehend, freundlich im
Ton, unerbittlich in der Sache: Ihr Kundenkennwort, bitte. Keine Ahnung.
Ersuche um den Namen meiner Gesprächspartnerin, damit ich sie umgehend wieder
anrufen kann, denn ich muss zuerst woanders anrufen, um mein Kennwort zu
erfahren. Namen seien nicht nötig, ich solle einfach wieder anrufen, jede
Kundenbetreuerin sei in der Lage, mein Anliegen zu behandeln. Mache ich. Bringe
mein Kundenkennwort in Erfahrung, knipse mich anschließend wieder durch (siehe
oben), gerate an eine andere Kundenbetreuerin; erfahre jetzt, dass das Gerät
auf jeden Fall zuerst in Reparatur muss. Also wende ich mich an den Verkäufer;
der bietet mir ein Ersatz-Leihgerät an und exportiert freundlicherweise meine
Telefonnummer aus dem alten Handy ins Leihgerät. Fahre erleichtert ins Büro.
Merke dort, dass viele Nummern fehlen; kann jedem passieren, der mit diversen
Datenquellen arbeiten muss, denke ich mir, und will schnell im Verkaufsstandl
anrufen, um die im Speicher meines kaputten Handys verbliebenen Rufnummern vor
dem Nirwana zu bewahren. Versuche Telefonnummer zu eruieren; seltsam, keine
Nummer, weder im Internet noch im Telefonbuch. Rufe wieder Service-Zentrale an,
frage nach der Nummer des hiesigen Verkaufsstandls. Und erfahre jetzt, dass
dieses keine Telefonnummer hat. Wie das? Ein Geschäft, das Telefone
verkauft, aber selber kein Telefon hat? Ja, das ist so, und zwar deswegen,
weil die Verkäufer & Verkäuferinnen nicht von ihrer Arbeit
abgelenkt werden sollen, und ich solle bitteschön die Sache vor Ort
regeln, also mich wieder auf den Weg zum Verkaufsstandl machen. Ich versuche der
(dritten) freundlichen Kundenbetreuerin klarzumachen, dass ich nicht bereit bin,
für das Wohlergehen von A1 unbezahlte Arbeit zu leisten, und ihrer
Geschäftsführung auszurichten, dass sie unter solchen Umständen besser
Zwetschken verkaufen sollten (etwas Besseres fällt mir einfach nicht ein).
Und bevor mich die Wut über die verlorenen Telefonnummern zu schütteln
beginnt, setze ich mich hin und schreibe diesen vorweihnachtlichen Text, mit
vertieftem Verständnis dafür, was das Prinzip Selbstbedienung bedeutet und wie
es aussieht, wenn KonsumentInnen zu einem Teil der betrieblichen Wertschöpfung
werden.