
Von Rosmarie Thüminger (5.9.2008)
Ich kenne Renate schon lange, eine engagierte Frau, Bibliothekarin, Leiterin
eines Laientheaters, Feministin. Zu jedem Internationalen Frauentag organisiert
sie in Landeck eine Frauendemo. Als ich sie im Juni dieses Jahres wieder traf,
war sie verzweifelt. Ihr Sohn Chris war einer von jenen zehn TierschützerInnen,
die seit Wochen in Untersuchungshaft sitzen. Anfang August wurde es als einziger
entlassen, muss aber unter der Drohung einer jederzeit möglichen
Wiederverhaftung leben.
Chris hat zwei kleine Kinder, die unter der Trennung vom Vater sehr litten, er
selbst ist seit der Haft traumatisiert.
Nun sind die TierrechtsaktivistInnen endlich freigekommen. Die zahlreichen
Solidaritäts-Aktionen zeigten Wirkung. Doch lassen sich 105 Tage
Untersuchungshaft nicht einfach wegwischen. Zudem besteht der Vorwurf der
Bildung einer kriminellen Organsitation noch immer. Wie ist die finanzielle Lage
der so lange festgehaltenen Menschen? Sicher ebenso prekär wie jene von Chris,
dessen KollegInnen und FreundInnen tätig Solidarität übten, indem sie Anfang
August im Kunstraum Pettneu eine Auktion veranstaltete, um finanzielle Mittel
aufzubringen und ihm und seinen Mithäftlingen auch moralische Unterstützung
zukommen zu lassen.
Die Causa ist bekannt. Als am 21. Mai 2008 Beamte Wohnungen in Wien,
Niederösterreich und Tirol stürmten und zehn Verhaftungen vornahmen,
begründetet sie die mit dem Vorwurf der Bildung einer kriminellen Organisation
gemäß §278a StGB. Dieser Tatbestand wurde 2002 aufgrund des so genannten
Aktionsplans gegen Terrorismus des EU-Rates in das österreichische Gesetzbuch
integriert. Bereits damals haben die Richter in einer Stellungsnahme ihre
Bedenken formuliert, über die sich die schwarzblaue Regierung kaltschnäuzig
hinweggesetzt hat.
Die Solidarität mit den Untersuchungshäftlingen ging weiter. Am 21. August
startete die 24 Stunden-Mahnwache vor der Annasäule in Innsbruck. In
Flugblättern und Ansprachen wurden die Passanten auf den Skandal dieser
staatlichen Freiheitsberaubung aufmerksam gemacht. Tags darauf folgte eine
eindrucksvolle Demonstration, geleitet von Renate, die bei Einheimischen und
Fremden große Aufmerksamkeit erregte.
Im September werden weitere Aktionen folgen. Das ist gut so. Die Solidarität
muss weitergehen. Im Interesse der Untersuchungshäftlinge, aber auch im
ureigensten Interesse all jener, die gegen die Macht von Markt und Kapital
agieren, denn heute trifft es die TierschützerInnen, morgen kann es die
FriedensaktivistInnen, die KämpferInnen für Frauenrechte, die
GewerkschaftlerInnen treffen. Widerstand gegen den Paragraphen 278 ist
höchst notwendig.