
Von Juri Flow (13.5.2008)
Der Vorteil von Wien ist:
Es ist (fast) alles da, was mensch zum glücklichen Leben braucht.
Der Nachteil von Wien ist:
Es ist (fast) alles dort, wo es nicht zum Glück von allen verwendet werden
kann. Das wäre ein Unglück, gäbe es nicht die NOEURO Bewegung.
Zum Glück kümmert sich diese, ihre AktivIstInnen, ihre Fans, ihre Freunde und
eine zunehmend interessierter werdende Öffentlichkeit um die öffentlichen
Belange.
Zum Beispiel um den öffentlichen Verkehr.
In einer Welt, in der Mobilität und Kommunikation entscheidende Faktoren für
das (Über)leben der Kollektive und des Einzelnen sind, hat eine Stadt mit einem
gut entwickelten U-Bahnnetz gute Karten.
Dass diese nicht für alle in dieser Stadt optimal ins Spiel gebracht werden,
zeigt ein Vergleich der europäischen Städte, in dem Wien zwar einerseits mit
1,33 Millionen U-Bahn Passagieren pro Tag unter den Top 5 liegt, andererseits
noch immer hinter Prag, das im tiefsten Stalinismus sein U- Bahnsystem zu bauen
begann und damit indirekt zum Geburtshelfer der Wiener U-Bahn wurde. (Wans die
Kummerl ham, müss ma des a machen – wa ja glacht).
Warum bleibt Wien hinter seinen Möglichkeiten zurück?
Was führt dazu, dass nicht erkannt wird, dass erst ein optimal die U-Bahn
ergänzendes Straßenbahn- und Busnetz einen für alle StadtbewohnerInnen
wirksamen Fortschritt bringt. 21er abschaffen und so.
Was führt dazu, dass nicht erkannt wird, dass Straßenbahnlinien ähnlich den
Gemeindebauten identitätsbildend für die Wiener Arbeiterklasse sind und warum
muss ein ausgezeichneter Artikel über die Mentalität der NOEUROs ausgerechnet
in der bürgerlichen PRESSE erscheinen und nicht in einer der
Hochglanzbroschüren der Stadtverwaltung?
Was führt dazu, dass die ökologisch notwendigen Maßnahmen weit hinter der
Marketingleistung einer Hundertwassermüllverbrennungsanlage her hinken?
Wer hindert die klugen Umwelt- und VerkehrsexpertInnen, die es wohl gibt und
die wahrscheinlich sensationelle Vorschläge für eine ökologisch und
verkehrstechnisch optimierte Sozialstadt jederzeit ins Spiel bringen könnten,
daran, es zu tun?
Wer kleckert mit einem Gratisfahrschein zur U2 Eröffnung, wenn jetzt Klotzen
mit einer radikalen Tarifreform bei den Wiener Linien angesagt ist?
Und wer versteht eigentlich nicht, dass es keinen besseren Anlass als das
Jahrhundertereignis der Euro 2008 gibt, mit diesen notwendigen, wenn auch
kühnen Steilpässen in den Raum der Zukunft im weitesten Sinne sozialen
Fortschritt einzuleiten?
Ursachen dafür gibt es genug.
Das neoliberale kapitalistische System, eine ideologisch verBAWAGte
Sozialdemokratie, deren Spitzenleute noch mit Geldpackerl im BILLA-Sackerl ihre
desaströs versagt habenden Haberer aussteuern, ein Bürgermeister, der nur
mehr mit dem Schriftzug: Wien war anders glaubwürdig wirkt, eine technische
Intelligenz, die den Konflikt scheut, weil auch die Jobs in Wien nicht
unbegrenzt sind, Journalisten, die sich Vorteile aus der Hofberichterstattung
erhoffen und fallweise sogar haben, und so weiter und sofort. Ein weites Feld
der Forschung und der Doktorarbeiten, die keiner lesen will und wird, tut sich
auf.
Andererseits:
Das Ende des Neoliberalismus hat soeben begonnen. In dem Augenblick, in dem der
unmittelbarste Bereich täglicher, menschlicher Reproduktion, das Essen und
Trinken, auch für hier lebende NOEUROs spürbar, prekarisiert, also
verunsichert wurde, schreien die Propheten des Neoliberalismus, nachdem in den
letzten Monaten eine Billion Dollar auf den Finanzmärkten verbrannt wurde, nach
einer staatlichen Finanzkontrolle.
Mit dem Latein ist das System am Ende.
Dass es die Fähigkeit hat, noch Hundert Jahre dahinzustottern, wissen wir.
Welche neuen Sprachen in Zukunft mehr oder weniger fliessend, gesprochen werden
können liegt nicht mehr ausschließlich an internationalen Roulettespielern,
lokalen Monopoly City Bürgermeistern und unfreundlichen Schwarzkapplern.
Zunehmend gefragt sind verständliche Botschaften in dieser babylonischen Welt
und Stadt.
DAHER MACHT die NOEURO BEWEGUNG (hoffentlich nicht salzamtlich) KUND:
In der Zeit von 8. – 28. Juni herrscht in der Freizone Wien der
Nulltarif.
EINS ZU NULL oder für unsere englischsprachigen Gäste 140 (one four zero) kann
den Millionen die sich in Wien aufhalten werden vermitteln: In dieser Stadt gibt
es fortschrittliche und kluge Kräfte, die den Interessen der großen Mehrheit
dienen und sich nicht der Mehrheit bedienen.
Die Erfahrungen aus diesem dreiwöchigen Feldversuch sollen ab dem 29. Juni
evaluiert werden und in einer breiten öffentlichen Diskussion sollen dann
Lösungen gefunden werden, die einerseits den sozialen, ökologischen und
verkehrstechnischen Notwendigkeiten entsprechen und die andererseits von der
großen Mehrheit dieser Stadt getragen und gelebt werden können.
Wenn die Stadtregierung, was wir hoffen, dieses Programm mitträgt, werden wir
eher früher als später einen Volltreffer für die Zukunft der Stadt
erzielen.
Sollte aus irgendwelchen Gründen (ziemlich unwahrscheinlich aber: alles ist
möglich) diese historische Chance verHÄUPLt, verLASKAt oder verBRAUNERt oder
sonstwie versemmelt werden, wird das ein NACHSPIEL haben.
Es sind schon Hausherren gestorben, Bürgermeister haben Wahlen verloren und
Parteien haben sich neu programmiert.
Wie man sieht.
Die Zukunft liegt in den Händen der NOEUROs.
Jetzt muss sich nur mehr die Bewegung bewegen.