
Von Michael Graber (16.10.2008)
Das führende deutsche Bourgeois-Blatt, die „Frankfurter Allgemeine“ versuchte es mit Galgenhumor. Auf einer Karikatur im Wirtschaftsteil waren Lafontaine und seine Anhäger (darunter Karl Marx) als Demonstrationszug und verängstigte Menschen vor dem Bankomat zu sehen. Die Schilder, die sie hochhielten lauten: „Verluste privatisieren Gewinne sozialisieren“, „zuerst nahmen sie mein Geld, jetzt bekommen sie meine Steuern“, „wo ist mein Kapital“, „Bankräuber“, „vertraue nie deiner Bank“ und „Freiheit statt Kapitalismus“.
Wie könnte man/frau die Legitimationskrise des Kapitalismus besser zum Ausdruck bringen? Kann sich wirklich jemand heute vorstellen, daß eine Partei mit dem Slogan „Freiheit statt Sozialismus“ wie seinerzeit in der BRD eine Wahl gewinnt?
Ja, Freiheit statt Kapitalismus. Freiheit von Ausbeutung und Unterdrückung, Freiheit von prekarisierten Lebens- und Arbeitsverhältnissen, Freiheit von sozialer und existenzieller Unsicherheit. Das ist angesichts der ungeheuren Krise, die sich weltweit aufgebaut hat, für Millionen Menschen verständlich, die sich noch vor wenigen Monaten über so einen Spruch gewundert, geärgert oder ihn gar nicht verstanden hätten.
Da muß natürlich gegengesteuert werden. Die gleiche „Frankfurter“ schiebt deshalb einen Kommentar nach in dem es u.a. heißt: "Einige Banker haben, da gibt es nichts zu beschönigen, mit risikoreichen Konstruktionen und unter Verletzung aller goldenen Regeln das Weltfinanzsystem an den Abgrund gebracht und das Vertrauen in die Banken und den Markt nachhaltig erschüttert … Solche Rückschläge gehören dazu. Sie sind kein Grund, an der grundsätzlich segensreichen Wirkung der Marktwirtschaft zu zweifeln.
Auf Dauer kann es der Staat nicht besser, das haben die vergangenen Jahrzehnte bewiesen, und das wird auch wieder gelten, wenn sich der Pulverdampf verzogen hat."
Doch scheint diese Art von Selbstvergewisserung auch dem Autor nicht zu genügen, weshalb er noch mit dem Holzhammer nachschlägt: „Wer ernsthaft glaubt, die DDR sei die bessere Lebensform, der möge sich melden und hernach nach Nordkorea auswandern.“ (Übrigens glauben inzwischen 43% der Ostdeutschen, also eine relative Mehrheit, daß der Sozialismus die bessere Lebensform sei, ohne nach Nordkorea auswandern zu wollen.)
Die kapitalistischen Großmächte (Rußland inklusive) haben in den letzten Wochen zusammengerechnet offiziell zumindest 3.000 Milliarden Euro (41.000 Milliarden Schilling) mobilisiert, bezahlt oder bereitgestellt um den Zusammenbruch des kapitalistischen Finanzsystems zu verhindern. Denn es ging nicht nur um die Banken, sondern auch um die Legitimation des herrschenden Systems. Man weiß jetzt wieviel auch letzteres ihnen wert ist.