KOMMUNISTISCHE PARTEI ÖSTERREICHS

Mahnwache!

Von Dagmar Schulz (12.11.2008)

Am 9. 11. gedenken AntifaschistInnen an verschiedenen Orten des Novemberpogroms vor 70 Jahren. Ich stehe wie immer am „Platz der Deportierten“ an der Stelle des ehemaligen Aspangbahnhofs. Zehntausende Jüdinnen und Juden hat man an dieser Stelle in Viehwagen gezwängt, erniedrigt, gedemütigt, beraubt, verletzt und in die Vernichtungslager im Osten geschickt.

Es ist schwer, sich all dies heute vorzustellen. Noch schwerer ist es, zu begreifen, dass die BewohnerInnen der umliegenden Häuser – einige von ihnen leben wohl noch – nicht nur tatenlos zugesehen, sondern sich beteiligt und am Eigentum der Geschundenen vergriffen haben. Ich war heuer zu Ostern in Oswiecim (Ausschwitz-Birkenau) und habe dort die Koffer, Kleidungsstücke und Haare der in diesem KZ Ermordeten gesehen. Auf vielen Koffern waren Wiener Adressen zu lesen. Diese Koffer sind wohl am Aspangbahnhof in die Züge geworfen worden. (Leider war ich auch in der österreichischen Gedenkstätte in Ausschwitz-Birkenau und habe mich für die offizielle Darstellung der „Opferrolle“ geschämt.)

Vor einigen Jahren war der „Platz der Deportierten“ eine verlassene „Gstätten“ und hatte keinen Namen. Dass nunmehr wenigstens eine kleine bescheidene Parkfläche, eine Gedenktafel und einige Chrysanthemen den Ort des Grauens zu einer würdevolleren Stätte machen, ist einer Frau geschuldet, die heuer erstmalig nicht bei der Mahnwache anwesend ist, weil sie leider im Sommer verstorben ist: Johanna Pils.

Hanni, unermüdliche Kämpferin, Gründerin der „Initiative Aspangbahnhof“ war sich nicht zu gut, alle zuständigen Stellen mit Anrufen, Bitten, Drohungen und wohl auch Beschimpfungen (Ihre Anrufe im Innenministerium und bei Ö1 sind legendär!) so lange zu traktieren, bis sie diesen Erfolg verbuchen konnte.

Ihre Beharrlichkeit im Kampf gegen Faschismus und Rassismus kann für uns alle ein Anstoß sein, nicht aufzugeben, wenn Unrecht geschieht. Und anders als prätentiöse Abschiedsfeiern und inszenierte Begräbnisse mit Fackeln, Pferden und Militär, mit Trachten und Trompetengedröhn dringt die stille Mahnwache tief und nachhaltig in das Bewusstsein – und die Erinnerung an eine Freundin, die eine Kämpferin war.