Komplextität und Täuschung: Die Zöllner-Illusion: Paralelle Linien, die nicht paralell erscheinen.Von Melina Klaus (25.5.2008)
Ich sitze hier vor einem Wochenendhaus in Neufeld/Leitha, dem Heimatort von
Alt-Bundeskanzler Fred Sinowatz. Er lebt heute noch hier. 1983 hat er in seiner
Regierungserklärung im Hinblick auf Anstehendes gemeint, dass dies wohl alles
sehr kompliziert klinge. Wenngleich er damit viel Spott auf sich zog, insgeheim
respektierten ihn auch die SpötterInnen, denn in der Tat sind viele Dinge
kompliziert, und PolitikerInnen, die ihre Aufgabe in der Simplifizierung bis zur
Entstellung sehen, gibt und gab es stets zu viele.
Die Reform des österreichischen Gesundheitsystems muss notwendigerweise
kompliziert sein. Es ist ein hochkomplexes System ansich. Die gesamte
Gesellschaft ist betroffen, viele Menschen sind beschäftigt und der
Gegenstand – die Gesundheit bzw. wohl auch die Verwaltung der
Nicht-Gesundheit – ist kaum für einen Menschen zu verstehen. Es ist ein
äußerst kompliziertes politisches Feld. Viele Menschen haben zum Teil sehr
gewichtige Interessen, die es abzuwägen gilt. Und vom Gesichtspunkt der
Kommunikation handelt es sich um ein Minenfeld, für alle, die etwas an dem
System verändern möchten. Geht es doch um ‚unsere Gesundheit‘ und die ist
bekanntlich das Wichtigste. Und da ist man/frau stets hellhörig. Hier nur noch
eine kurze, ungeordnete Aufzählung, welche diese naheliegensten Komplexitäten
noch erweitern soll:
Ärztekammer: Bitte nicht vergessen: Nicht alle ÄrztInnen sind gleich…
Interessensvertretungen: Einerseits sind Interessensvertretungen eine tolle
Sache: Sie akkumulieren Einfluss zum Wohle aller, die sie vertreten. Den
Primarius mit der Privatordination gleichermaßen wie die praktische Ärztin
vorort oder die SpitalsärztInnen. Sie sind aber auch hervorragende
Konservationsmaschinen, z.B. dafür dass die Wohlhabenden des jeweiligen
Standes die Wohlhabenden bleiben. Und stets ein Problem von
InteressensvertreterInnen, mehr noch der Standesvertretungen: Bewegt sich
etwas in ihrem politischen Umfeld, erkennen sie die Chance der stets
schwälenden Legititmationskrise bei den von ihnen Vertretenen
entgegenzuarbeiten und geben sich besonders kämpferisch und möglichst
unsachlich. Konflikt als Chance! Der Zweck wird zum Selbstzweck…
Politische Koalitionen: Das „PatientInnenbegehren“ der Wiener Ärztekammer
ist „gegen Turbokapitalismus und 2-Klassen-Medizin“ und „für die
Besteuerung von Vermögen“. Sind die ÄtztInnen diejenigen, die ein
PatientInnenbegehren initiieren sollten? Die Ärztekammer mit KPÖ-Forderungen
als Kämpferin für soziale Gerechtgkeit? Glaubwürdig? Zumindest ungewohnt,
aber ich freue mich über jede Mitstreiterin…
Arbeitsmarkt Gesundheit: Bedenken Sie nur: Schöne Arztpraxis, wohlhabende/r
niedergelassene/r ÄrztIn aber lausig bezahlte/r Ordinationsgehilfe/in. Aber
immerhin: Ordinationshilfe ist angemeldet im Gegensatz zu ‚schwarzer‘
Pflegerin…
Kostenwahrheit: Seit ein paar Jahren erhalten wir von der Gebietskrankenkasse
eine Abbrechnung der Leistungen. ‚Das soll doch nur den Leuten ein schlechtes
Gewissen machen‘ sagen die einen. ‚Damit können PatientInnen kontrollieren,
ob sich nicht ÄrztInnen und Pharmakonzerne auf Kosten unseres Bedürfnisses
nach Gesundheit schamlos bereichern‘ sagen andere. So richtig falsch ist keine
der Aussagen…
Apropos: Hochentwickelte Pharmazeutika und Profite…
Und weiters: Behandlungsstragien: ‚Weniger ist mehr‘ contra ‚Bei der
Gesundheit darf nicht gespart werden‘…
Und auch apropos: Selbstverwaltung: Realität und Anspruch…
Hier in Neufeld will ich versuchen, der Komplexität zu begegnen, nachdem ich sie in den vergangen Wochen ausreichend anerkannt habe.
Politisch: Wenn die Standesvertretungen der ÄrztInnen und ApothekerInnen, die LobbyistInnen der Pharmakonzerne und die Sozialversicherungsträger streiten, dann stehe ich zunächst auf der Seite der Sozialversicherungsträger. Ganz einfach: Es ist meine Sozialversicherung, sie gehört mir. (nochmals: Mit aller Komplexität!)
Markt Gesundheit: Wenn die Vertragslage der ÄrztInnen mit meiner Sozialversicherung zur Disposition stehen, freie Vertragsvereinbarungen möglich sei sollen: Ich will nicht, dass meine Sozialversicherung ihren ökonomischen Muskel überstrapaziert: Aber unverhandelbare Verträge, die ÄrztInnen jede Freiheit, mir und meiner Sozialversicherung aber unnötige Pflichten aufbürdet, die will ich nicht. Die Pragmatisierung Aller ist mein Ziel. Die Pragmatisierung Weniger (ÄrztInnen z.B.) ist kein Schritt dahin!Und schließlich bei aller Komplexität nicht das Ziel vergessen: Die PatientInnen, oder besser die Noch-NichtpatientInnen, die PflegepatientInnen, nennt sie KundInnen, wenn ihr euch gut dabei vorkommt, seien sie versichert oder nicht (weil sie zum Bespiel in unserem Land illegalisiert werden): um sie geht es. Und auch um die Menschen die mit ihnen und an ihnen arbeiten. Und erst zuletzt um die Renditen von Konzernen und um die Golfklubmitgliedschaft eines Facharztes. Denn nicht vergessen, auch darum geht es. Und mit diesem Navigationssystem tut man sich dann leichter. In einem tatsächlich komplizierten System.