
Von Hans Gmundner (20.5.2008)
Den Fall Amstetten nimmt die Reaktion zum Anlass, um ihre Strafsehnsucht fröhliche Urständ feiern zu lassen. Seit langem ist erwiesen, dass drakonische Strafen keinen positiven Einfluss auf die Delinquenz haben, also Straftaten keineswegs verhindern. Das gilt insbesondere für Verbrechen, die bevorzugt im von derselben Reaktion weiterhin geradezu vergötterten Familienkreis stattzufinden pflegen.
Die Aufregung um derartige Kriminalfälle mobilisiert in schöner Regelmäßigkeit politische Anwälte der so genannten Normopathen: Dabei handelt es sich um Menschen, die viel Energie aufbringen müssen, um nicht selbst delinquent zu werden. Als Belohnung dafür fordern sie desto schärfere Strafen für alle jene Individuen, denen das nicht gelingt und die straffällig werden.
Straftaten lösen wie der Krieg keine Probleme. Beide gilt es in erster Linie zu verhindern. Im Fall der Kriminalität ist das Strafgesetzbuch eine stumpfe Waffe. Es geht vielmehr darum, gesellschaftliche Verhältnisse zu schaffen, die Delinquenz von vornherein erst gar nicht entstehen lassen. Dazu sind unter anderen bestimmte Formen der sozialen Kontrolle geeignet.
Beispielsweise liegt auf der Hand, dass die ausreichende Versorgung der Bevölkerung mit Krabbelstuben, Kindergärten und Vorschulen zu einer Entlastung der mit Erziehungsaufgaben häufig überforderten Kleinfamilien führen würde. Gleichzeitig stellen diese Einrichtungen ein gewisses Kontrollsystem dar, das dazu beitragen könnte, die verschiedenen Formen des leider häufig praktizierten Kindermissbrauchs zu minimieren. Seit Jahrzehnten sind die Defizite speziell am Land auf dem Gebiet bekannt. Ebenso lang wird Abhilfe zwar versprochen, jedoch nicht realisiert.
In der gesellschaftlichen Praxis geht es um die Anwendung zahlreicher „weicher“ Werkzeuge, um Delinquenz zu verhindern und tatsächlich eine Verbesserung der sozialen Lebensbedingungen zu erreichen. Statt sich mit ernsthafter Politik zu befassen, die nachhaltige Ergebnisse zeitigt, zieht die Reaktion in Medien und Nationalrat Shows ab, die nur der Triebabfuhr der jeweiligen Protagonisten dienen und der Bevölkerung nichts bringen.