Sortenvielfalt, bald nur mehr als Samensammlung im Bunker unterm Eis?Von Roman Gutsch (13.1.2008)
Beherrsche die Nahrung, und du beherrscht die Menschen. Diese Aussage wird dem ehemaligen US-Außenminister Kissinger zugeschrieben und dürfte zum Leitsatz der großen Nahrungsmittelkonzerne geworden sein. Ihr Bemühen, die Kontrolle über die gesamte Nahrungskette zu erlangen, ist vor dem Hintergrund der neuen biochemischen Möglichkeiten keines, das als illusorisch bezeichnet werden kann.
Die weltweite Steuerung der Ernährung vom Acker bis zum Tellerrand ist das erklärte Ziel jener Konzerne, die mit der neuen Weltwährung, wie das Patent auf Leben bisweilen auch genannt wird, Geschäfte machen. Mittels dem Eigentum an genetischen Codes und/oder Genmanipulationen weiten die mächtigen Player des globalen Agribusiness ihre Rechte auf Saatgut und Nutzpflanzen aus. Die Saatgutkonzerne schreiten auf dem Weg zum Genmonopol zügig voran.
Zügig geht es auch mit dem Bau des als Tresors des jüngsten Gerichts titulierten Pflanzenarchivs auf der norwegischen Insel Spitzbergen voran. Bis zu 450 000 Samenproben sollen dort in einer aufgelassenen Kohlenmine Jahrhunderte überdauern können. Gut geschützt unterm Frostboden der Arktis, von Betonmauern und Schutzhüllen umgeben. Kein Asteroideneinschlag, kein Atomkrieg soll diese Arche Noah für die Samen der Welt zum Sinken bringen können. So hielt in jüngster Vergangenheit die Samenbank von Abu Ghraib dem Bombardement der USA und eine umfangreiche Reissammlung auf den Philippinen einem Taifun nicht stand. Die Artenvielfalt, alleine von den wichtigsten Nutzpflanzen, den sogenannten glorreichen 21, gibt es 165 000 Variationen, soll durch diesen gigantischen Bunker im Ernstfall eben über den Tag des jüngsten Gerichts hinaus bewahrt bleiben.
In den Zeitungsmeldungen über dieses Projekt so auch im Kurier, der vom Stern und der Welt in bemerkenswert unverfälschter Art abschrieb bleibt ein Untergangsszenario für die Vielfalt der Flora meist unerwähnt: die Konzernpolitik der Saatgutmultis. Sie gefährden die Biodiversität durch die landwirtschaftlichen Strukturen, die sie ihrem Profitinteresse entsprechend, mit immer perfideren Technologien unterstützt, durchsetzen.
So verbirgt sich hinter dem sperrigen Wortklotz Genetic Use Restiction Technologies industriell gefertigtes, natürlich patentiertes Saatgut, das nach der Ernte Freitod begeht, d.h. nicht von den BäuerInnen für eine neue Aussaat zurückgehalten werden kann. Die globale Abhängigkeit von wenigen Saatgutlieferanten könnte dadurch bedrohliche Dimensionen annehmen. Vor allem Entwicklungsländer haben sich bereits dem wirtschaftlichen Druck gebeugt und haben die traditionelle Anbauweise, die auf Fruchtfolge setzte, zugunsten von Monokulturen mit sterilisiertem Saatgut aufgegeben.
Jetzt könnte man meinen, dass der norwegische Saatgutkühlschrank, der im März in Betrieb genommen werden soll, folglich eine vernünftige Antwort auf diese Entwicklung ist. Stimmt auch, wenn nicht die Hauptverantwortlichen für das Artensterben unter den Geldgeber wären. Denn finanziert wird das Projekt, das von einer von der FAO initiierten Non-Profit-Organisation namens Global Crop Diversity Trust betrieben wird, nur zum Teil aus staatlichen Mitteln. Ein großer Teil kommt u.a. von der Bill & Melinda Gates Foundation, der Rockefeller-Stiftung und den Saatgutriesen Syngenta und DuPont. Nur zum Vergleich: Gates spendet 37,5 Millionen Dollar für den Tresor, während Norwegen 7,5 Millionen beisteuert.
Hier macht sich der Bock zum Gärtner. Mit großen Tönen: Unsere Anstrengungen, hundert Millionen Kleinbauern und ihren Familien bei der Überwindung der Armut zu helfen, beruhen zum Teil auf der Sicherstellung der Ernährung, sagte etwa Sylvia Mathews Burwell von der Gates Foundation, der es aber bekannt sein sollte, dass die selbe Stiftung die Ausbreitung von patentiertem, gentechnisch verändertem Saatgut in Afrika massiv unterstützt. Einem Saatgut, das, geht es nach den Konzernen, wie Windows funktionieren soll: ein Betriebssystem, über das fast die gesamte Nutzpflanzenproduktion läuft.
Da stellt sich natürlich in Zusammenhang mit dem Tresor des jüngsten Gerichts die Frage, ob die rechte Hand nicht weiß, was die linke tut, oder ob sie es nur allzu gut weiß? Immerhin: Für die Entwicklung solcher Selbstmord-Samen braucht es den gesamten Artenreichtum, den es daher nicht zuletzt aus Geschäftsinteresse zu bewahren gilt.