KOMMUNISTISCHE PARTEI ÖSTERREICHS

Weltbilderproduktion oder die ekel-reality-show

Von Wolf Jurjans (14.1.2008)

Zum Kotzen findet Melina Klaus die Wort- und Begriffsproduktion, die das herrschende Geflecht aus Kapital, Politik und Medien in Gang setzt, um die massenbewusstse­insmäßigen Voraussetzungen zu schaffen das die Interessen der Herrschenden durchsetzt.

„Hier sind wir also gelandet, in einem Land, in dem Menschen verbal und real verachtet, getreten und verschoben werden wie es rechten PolitikerInnen gerade passt. Der Stammtisch applaudiert und alle etablierten Parteien im Parlament und Landtagen schauen geschlossen weg und betreiben business als usual. Alles das hat es in der Geschichte schon einmal gegeben. Wollen wir weiter einfach zusehen?“

Sie bläst zum Gegenangriff.

Ich finde das mutig. Sie ruft es nämlich uns zu. Einer Linken, die, nett, selbstzensurierend, politisch korrekt, mit vielen Scheren im Kopf und durch viele geistige Spagate ein bisschen ausgeleiert, ein nächstes böses Ende im Augenwinkel, einiges lernen muß, will sie in der Zukunft den Anfang des Fadens zu einer funktionierenden Kommunikation mit ihrem Klientel in die Hände bekommen.

Dazu müssen wir uns befähigen, meine ich, eine „Weltbildproduk­tion“ zu entwickeln, die unsere Anliegen wirksam befördern kann, die neben der Aufklärung über allgemeinpolitische Zusammenhänge und unseren Problemlösungsde­krete, alltags- und massenverständlich wir­d.

Ich meine, dass die Focus Seite ein guter Ort dafür ist, können wir ja hier im Schreiben lernen.

Dazu vier Bilder, die ich diese Woche aufgeschnappt habe.

Bild 1: „Der Ausländer“ ist Gewalt

Ich lese:

„Junge Männer, die gefährlichste Spezies der Welt“ titelt das Spiegel Magazin. Auslöser der Debatte über Gewaltakte junger Männer mit Migrationshin­tergrund war der brutale Überfall auf einen Pensionisten in München. Das Opfer überlebte mit dreifachem Schädelbruch. Die Täter, ein junger Türke (20) und ein Grieche (17). Drei Wochen vor den Landtagswahlen in Hessen macht sich der, durch die Forderung der Linken nach einem Mindestlohn angeschlagene Ministerpräsident Roland Koch zum "Sprecher einer schweigenden Mehrheit " und fordert in einem Sechspunkteplan u.a. einen Warnschussarrest.

Ich schaue fern:

Im Bayrischen Fernsehen diskutiert eine Expertenrunde das Problem. Ursachenforschung wird wegen Zeitmangel weggelassen, eine CSU-Tante stellt eine völlige Wertelosigkeit bei jungen Immigranten fest. Zu wenig Polizei wird bedauert, hat man aber zwecks neoliberaler Doktrin „schlanker Staat“, selbst abgebaut, bleiben die Richter, die das vorhandene Strafmaß nicht ausschöpfen. Oder soll man doch härtere Strafen einführen? Der junge türkische Diskussionste­ilnehmer widerspricht. Wir danken für die offene Diskussion.

Ich diskutiere mit meinem Sohn (23) und komme zur Ansicht: Diese jungen Männer verfolgen Ziele, es gelten für sie sehr wohl Werte. Es sind dieselben, die der Banker Ackermann hat, der nach seinem gewonnenen Prozess über Vergütungen in Millionenhöhe, die er sich selbst im Vorstand genehmigt hat, das Gericht mit dem Victory-Zeichen verlässt. Erfolg gibt Recht. Das Recht, sich zu nehmen, was man (glaubt) zu brauchen.

Die jungen Männer brauchen das Handy und die Designerkluft, um sich Mädchen und Anerkennung zu organisieren. Sie haben keine Arbeit, kein Geld aber körperliche Ressourcen.

Ich lese:

Konstantin Wecker: Auf die Frage: „Der Spiegel bezeichnet die hoffnungslosen jungen Männer als gefährlichste Spezies“ antwortet er: „Da ist schon was dran. Deshalb sind diese fadenscheinigen Forderungen von Populisten nach strengeren Strafen und Erziehungskamps völlig idiotisch. Man muss im Vorfeld etwas tun. Denn natürlich ist ein junger Mann, der voll Testosteron und Energie ist und keine Chance für sich und sein Leben sieht, hochgradig gefährlich – entweder er wird rechtsradikal oder ein radikaler Kämpfer für den Islam. Wobei es ein Unfug ist zu behaupten, das seien alles Ausländer. Das sind chancenlose junge Männer, darunter auch rein deutsche Nazis, die der immer obszöner werdenden Kluft wischen arm und reich zum Opfer fallen.“

Ich schaue Teletext:

SPD-Fraktionschef Struck hat CSU Generalsekretär Pofalla mit dem Satz erzürnt: „Ich glaube, dass Roland Koch eigentlich von Herzen froh ist, dass dieser schreckliche Vorfall in der Münchner U-Bahn passiert ist.“ Die Union fordert eine Entschuldigung. Struck antwortet: „Die kann mich mal!“

Eine ÖVP-Delegation macht eine Studienreise nach Hessen.

Bild 2 : „Der Ausländer“ ist Armut

Während der Weihnachtszeit, in der das Mitleid Konjunktur hat, erscheinen in der österreichischen Presselandschaft eine Reihe von Artikel, die dem statistischen Begriff der Armut ein konkretes Gesicht, Namen und Adresse gibt. Caritaschef Küberl meint: „Ich glaube, es gibt in Österreich viele Leute, die meinen, es reiche, wenn es ihnen gut geht. Es gibt eine materiell gut ausgestattete moralische Unterschicht. Deren Gemisch besteht aus Geiz, Gier, Hass und Neid. Wir wissen nicht, wie viele es sind aber, dass die soziale Problematik aus dieser Unterschichtigkeit genährt wird.“

Ich schließe daraus, dass langsam aber sicher im Magen der Gesellschaft ein Brummen entsteht, das Hellhörige zu deuten wissen. Dass Heinz Fischer von einem Verteilungsproblem sprach, dass Herr Gnam in der Krone sofort, jeden politischen Versuch, das real existierende Verhältnis zwischen arm und reich zu verändern für unmöglich erklärte, da das sofort zur Flucht der Kapitalisten führen würde und die heftige Debatte darüber, ob Manager zu viel verdienen, bestärkte mich in dieser Annahme.

Wie reagiert die Wiener SP darauf? Zwischen Weihnachten und Silvester meldet sich Stadträtin Frauenberger zu Wort und erzählt von einer Gesetzesnovelle, die noch nicht einmal in der Begutachtung war, die Müttern verbieten soll, ihr Kind beim Betteln mitzunehmen. Alle Zeitungen brachten darüber ausführliche Berichte. Vasilakou, die Grüne, sprach sich für das Verbot aus, allerdings mit der Einschränkung, dass das Kind nicht von der Mutter zu trennen sei.

Frauenberger hat mit dieser politischen Aktion das BILD der Armut, wieder „handhabbar“ gemacht.

Armut ist Ausländer, ist Bettlerin, ist unverantwortliche Mutter, ist damit verhaftbar, abschiebbar, verdrängbar. Körperlich und geistig. Nebeneffekt: Stadtbild säubern, die Fussball EM kommt.

Bild 3: Mausi frisst Dreck

Mausi Lugner, nunmehr vom Baumeister getrennt, kämpft um ihr Überleben als C-Promi.

Nachdem der Journalist Hrbala ihre Restpopularität ausweidete und sie nunmehr verstoßen hat, nimmt sie an der deutschen Ekel-Show Junglelcamp „wer holt mich hier heraus“ für angeblich 60 000 Euro teil. Dabei müssen C-und D-Promis Würmer und Ameisen fressen und sich auf verschiedenste Art und Weise erniedrigen. Hrbala auf die Frage, ob er auch Würmer essen würde: „Ja, wenn Frau Lugner sie nicht vorher im Mund gehabt hat.“ Frau Christine, ein „Seitenblicke“pro­dukt, das ihre Tragik nicht reflektiert, da sie ja von ATV zu RTL aufgestiegen ist.

Bild 4: Vera kommt aus dem Dreck

Aschenputtel küsst Roma-Jugend wach. Die als fast einfältig und unbedarft beschriebene 16jährige Vera Berkyova wird Siegerin in der TV-Show „Die Slowakei sucht den Superstar“. Soziologen trauen dem unbefangen-natürlichen Mädchen zu, was ganze Scharen von Nichtregierun­gsorganisatio­nen bisher vergeblich versuchten: Den ohne Bildung und Arbeit als diskriminierte Außenseiter am Rande der Gesellschaft lebenden jungen Roma ein neues Selbstbewusstsein einzuflößen.

Zum Abschlschluss Hypothesen:

Heutige Massenkommunikation unterliegt Grundregeln, die sich aus den konkreten Aufnahmebedingungen der Menschen ableitet. Die Verkürzung und Verdichtung hat keine Alternative. Linke muss lernen, sich nicht gequält in der Widersprüchlichkeit zu suhlen, sondern aus eben dieser die Raketen basteln (fürs Feuerwerk linker Weltbildproduk­tion).

Im Kampf um die Quote wird in den traditionellen Medien permanent die Dosis erhöht, indem das Niveau gesenkt wird. Es wenden sich Menschen davon ab und haben Interesse niveauvollerer Unterhaltungsin­formation. Auch da hat Linke einen Zukunftsmarkt, wenn sie sich aus dem Schutz selbstverfasster Bleiwüsten heraustraut.

Die bürgerliche Massenweltbil­dproduktion lässt sowohl Mausi Dreck fressen, als auch Vera aus dem Dreck kommen und schafft damit nicht kalkulierte Effekte. Es ist manchmal die Enge des eigenen Blicks, die uns in Menschen, die medial präsent sind, keine möglichen BotschafterInnen Linker Politik erkennen lässt. Es braucht auch Mut, selbst einen Weg in die veröffentliche Meinung zu finden.

Neue Technologien schaffen neue Kommunikation­splattformen. Da muss die älteste der Parteien mit Kopfsprung hinein.

Aber vorher schauen, ob Wasser drinnen ist.

Also: Ja liebe Melina, gehen wir zum Gegenangriff über. Machen wir was aus uns.

PS:

Susanne Winter, Grazer Spitzenkandidatin der FPÖ, verkündete in der Schwarzlhalle im Grazer Süden: Der islamische Prophet Mohammed wäre nach heutigen Maßstäben gemessen ein „Kinderschänder“. Außerdem sei er ein „Feldherr“ gewesen, der den Koran in „epileptischen Anfällen“ geschrieben habe. Der Islam sei ein „totalitäres Herrschaftssystem“ und gehöre „dorthin zurückgeworfen, wo er hergekommen ist, hinter das Mittelmeer“.

Mir kommt vor, die Rechten wollen Blut sehen und wenn es das eigene ist, um Märtyrer zu schaffen.

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