KOMMUNISTISCHE PARTEI ÖSTERREICHS

100 Jahre Beschluss des Internationalen Frauentages

Von Hilde Grammel (7.3.2010)

Am Montag, 8. 3. 2010, feiern Feministinnen und frauenbewegte sozialistische Frauen wie jedes Jahr den Internationalen Frauentag. Dieser Tag geht auf die Initiative der damals noch der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands angehörigen Clara Zetkin zurück, die am 27. August 1910 bei der Zweiten Internationalen Sozialistischen Frauenkonferenz in Kopenhagen einen entsprechenden Antrag einbrachte, ohne aber ein Daum festzulegen.

Ziel dieses besonderen Tages für die Frauen auf der ganzen Welt (die damals eher nur Europa umfasste) war es, einen offiziellen Kampftag zu haben, an dem sie offen ihre Rechte einforderten und der noch dazu international organisiert wurde. Der 8. März als Datum steht in Zusammenhang mit den revolutionären Entwicklungen in der späteren Sowjetunion: Am 8. März 1917 hatten streikende Frauen der armen Stadtviertel in St. Petersburg die Februarrevolution ausgelöst. Zu Ehren dieser Frauen wurde auf der Zweiten Internationalen Konferenz Kommunistischer Frauen 1921 in Moskau der 8. März als internationaler Gedenktag eingeführt.

In Wien – und anderen europäischen Städten – wurde der Internationale Frauentag erstmals am 19. März 1911 mit einer imposanten Demonstration auf der Wiener Ringstraße gefeiert, an der über 20.000 Personen, Männer wie Frauen, teilnahmen. In den ersten Jahren war ein zentrales Anliegen die Verhinderung der Schlachterei des Ersten Weltkriegs, aber auch der Kampf um politische Rechte – wie dem Frauenwahlrecht – und um Verbesserung der Arbeits- und Lebensbedingungen von Frauen. So wurden Arbeitszeitver­kürzung, eine Senkung der Lebensmittelpreise, gleicher Lohn für gleiche Arbeit, Mutterschutz, Sozialversicherung und die Legalisierung des Schwangerschaf­tsabbruchs gefordert. Da die sozialistische Bewegung an der Entstehung des Frauentages maßgeblichen Anteil hatte, wurde er zur Zeit des Austro- und des Nationalfaschismus verboten und stattdessen der Muttertag in den Rang eines offiziellen Feiertags erhoben.

Während unmittelbar nach 1945 die Tradition des Internationalen Frauentag in den sozialistischen Ländern wieder aufgenommen wurde, allerdings oftmals reduziert auf eine Ehrung der Mütter, geriet er im offiziellen politischen Leben im Westen beinahe in Vergessenheit. Erst die Neue Frauenbewegung seit Ende der 1960er Jahre hauchte ihm wieder Leben ein, indem sie an die Tradition des Kampftages anknüpfte und ihre eigenen Forderungen in den Mittelpunkt rückte. Und noch etwas hatte sich geändert; Männer waren nicht mehr erwünscht, ging es doch darum, als Frauen sichtbar zu werden und sich als Frauen als eigenständige politische Subjekte zu erleben. Der Männerausschluss war auch der Einsicht geschuldet, dass nicht nur kapitalistische Verhältnisse für die Unterdrückung und Ausbeutung von Frauen verantwortlich sind, sondern auch patriarchale, deren Nutznießer „die Männer“ als soziale Kategorie waren und sind. Entsprechend bestand die Orientierung darin, Frauen auch aus unmittelbaren Abhängigkeits- und Gewaltverhältnissen herauszulösen und ihnen ein selbstbestimmtes Leben ohne Bevormundung und in Würde zu ermöglichen. Tatkräftig unterstützt wurden die Frauen auf der Straße von der institutionali­sierten Frauenpolitik unter Johanna Dohnal, eine Kooperation, die für Frauen in vielen Bereichen ihres Lebens Fortschritte brachte.

Diese Tradition gehört spätestens seit Johanna Dohnals Ausscheiden aus der Politik der Geschichte an und wurde in dieser Form nicht mehr wieder aufgegriffen. Heute feiern alle Parteifrauenor­ganisationen ebenso wie die frauenpolitischen Vertreterinnen auf Gemeinde- und Bundesebene ihren eigenen Internationalen Frauentag, jedoch nicht mehr auf der Straße. Vielmehr geht es darum, die eigene Arbeit – durchaus auch im Sinne der parteipolitischen Propaganda – zu präsentieren.

Wer am 8. März noch immer auf der Straße zu finden ist, sind all jene Frauen, die ihr Engagement nicht bloß in das Bestehende einordnen und um dessen schrittweise Verbesserung bemüht sind, sondern die Grenzen der herrschenden Ordnung überschreiten wollen. Zumindest ist das Bewusstsein darüber, dass Kapitalismus und Patriarchat überwunden werden müssen, soll sich die Situation der Frauen grundlegend ändern, in ihrem Denken ausgeprägter als dies in der offiziellen Frauenpolitik der Fall ist.

Das widerspiegelt sich auch im Aufruftext zur diesjährigen Demonstration zum Internationalen Frauentag. „Wir leben in einem Kapitalpatriarchat, das davon lebt, dass Frauen unbezahlt die Hausarbeit, Kindererziehung und Altenpflege erledigen, während vor allem Männer über das wirtschaftliche Kapital, die politische und militärische Macht verfügen“, heißt es dort. Diese auf geschlechterspe­zifischer Arbeitsteilung beruhende Gesellschaftsor­dnung kann niemals die Befreiung der Frauen bringen, daher ist – als revolutionäre Perspektive – ihre Überwindung anzustreben. Die revolutionäre Perspektive ist immer auch eine internationalis­tische, indem sie die globalen Verhältnisse in Frage stellt und den Nationalstaat bzw. die EU als Referenzrahmen für die Verwirklichung von Frauenanliegen als ungenügend ablehnt. Abgesehen davon, dass die beschriebenen Strukturen der geschlechterspe­zifischen Arbeitsteilung Frauen weltweit betreffen. Für die Frauen aus den Ländern des Südens gilt jenseits der spezifisch patriarchalen Bedingungen, die sie in ihrem Alltag erleben, dass die internationalen Ausbeutungsver­hältnisse und die internationale Arbeitsteilung mittels Waffenlieferungen aus und kriegerischer Interventionspo­litik durch die Länder des Nordens aufrechterhalten werden. Im Zentrum des Aufrufstextes stehen alt bekannte autonome Forderungen, alle dazu bestimmt, Frauen als unbeschadete und in Würde und Selbstbestimmung lebende Subjekte zu restituieren: die Verfügungs- und Entscheidungsgewalt von Frauen über ihre Körper, Frauenleben jenseits der patriarchalen Kernfamilie, ein Leben frei von sexualisierter Gewalt und jenseits der Verfügung von Männern über Körper und Sexualität von Frauen qua ökonomischer Macht. Thematisiert wird auch die zunehmende Repression vonseiten des Staates gegenüber KritikerInnen der herrschenden Ordnung und die Duldung von rechtsextremen und neonazistischen Umtrieben. Dem gegenüber steht die Vorstellung der Verbundenheit von Frauen weltweit gegen diese – in den einzelnen Ländern je spezifisch ausgeprägten – Zustände. Gäbe es das Konzept der Global Sisterhood noch nicht, wäre es neu zu erfinden – denn nur ein solches kann heute der tiefere Sinn des Internationalen Frauentags sein!

Aufruf zur revolutionären Frauendemo Treffpunkt zur Frauendemo in Wien: 17 Uhr, Museumsquartier - Getreidemarkt Abschlußkundgebung: 20 Uhr, Urban-Loritz-Platz