KOMMUNISTISCHE PARTEI ÖSTERREICHS

Mehr als bloß ein Waschmaschinenkauf …

Eisenriegler zeigt das Herzstück fürs Waschmaschinen-Tuning

Von Christiane Maringer (12.2.2012)

»Sozial kompetent« wider den »Öko-Schmäh« – das R.U.S.Z entwickelt sich vom sozialökonomischen Betrieb zum Reparaturmotor in der Bundeshauptstadt. Ein Überlebenskampf gegen fehlende Unterstützung und mangelndes Wissen. Eine Betriebsreportage mit Mehrwert von CHRISTIANE MARINGER (Text und Fotos).

Nicht selten werden Ökologie und Soziales als sich ausschließende Themen behandelt. Auf den ersten Blick erscheint es auch logisch, ist doch das neue energieeffiziente Haushaltsgerät nur mit der entsprechenden Geldbörse zu bekommen. Also heizen und waschen und leben reiche Haushalte ökologisch sparsam und nachhaltig? Dass beides nicht stimmt, zeigt ein Rundgang durch das R.U.S.Z, das Reparatur- und Service-Zentrum in Wien.

Das R.U.S.Z startet im März 1998 und verschränkt die Themen Soziales und Ökologie von Beginn an. Damals kamen dem Initiator Sepp Eisenriegler EU-Fördergelder für die West-Gürtel-Region zugute. Das R.U.S.Z begann als sozial-ökonomischer Betrieb mit 15 Mitarbeitern und hatte zehn Jahre später gemeinsam mit dem Partnerbetrieb »Demontage und Recycling-Zentrum« (D.R.Z) bereits 142 Beschäftigte. Bis das AMS seine Politik änderte und die Verweildauer der Transitarbeit­skräfte von einem auf eine halbes Jahr senkte.

Langzeitarbeitslose Menschen, die deswegen ins Aus geraten, oder Menschen mit Behinderung lässt das AMS in sogenannten sozial-ökonomischen Betrieben betreuen. Große Vereine, wie die Caritas oder die Volkshilfe, übernehmen dabei die ökonomische Haftung für diese Betriebe. Das R.U.S.Z bietet ausgebildeten Mechatronikern eine Wiedereinstieg­schance ins Berufsleben. Sein Partner beim AMS war ursprünglich der Verband Wiener Volksbildung. Wobei das AMS pro Arbeitsplatz und Jahr 35.000 Euro zufinanzierte und keine weitere Verpflichtung hat­te.

Im sozialökonomischen Betrieb sollen diese Menschen wieder für den ersten Arbeitsmarkt fit gemacht werden, indem sie sich zum Beispiel an eine geregelte Tagesstruktur gewöhnen. Für das AMS waren die Kosten zu hoch, daher die Reduktion der Verweildauer, wodurch zum gleichen Preis zwei Mechatroniker im Jahr betreut werden sollten. Und das, obwohl das R.U.S.Z seine Aufgabe mit hohem Erfolg bewältigte. Immerhin konnten 71 Prozent der Transitarbeit­skräfte nach der Betreuung und Weiterbildung im R.U.S.Z einen regulären Dauerarbeitsplatz finden.

2007 endet dann die Zusammenarbeit mit dem AMS. Neben dem R.U.S.Z traf das weitere vier Betriebe, die »zu hohe Ansprüche an die Arbeitskräfte stellten, weil sie eine Vorqualifikation voraussetzen«. Die anderen vier Betriebe haben aufgegeben. Sepp Eisenriegler ist den mühsamen Weg gegangen und hat seine Werkstatt auf eigene Beine gestellt: Als gemeinnützigen Verein, der als Reparaturbetrieb arbeitet und Second-Hand-Geräte verkauft. Bis dauerte bis April 2008 – allein die Entflechtung von der Wiener Volksbildung war kompliziert und zeitaufwändig. Bis zur Wiedereröffnung hatten sich allerdings alle KundInnen verlaufen. So musste das erste Jahr mit einem Schuldenberg von 140.000 Euro abgeschlossen werden. Seither arbeitet das R.U.S.Z zwar kostendeckend, die Schulden von Beginn sind zu einem Großteil aber geblieben.

Heute beschäftigt das R.U.S.Z zwanzig Menschen Vollzeit – ehemalige Langzeitarbeit­slose, Menschen mit Behinderung und zusätzlich echte Reparaturtechnik-Profis – auf Dauerarbeitsplätzen. Dabei kommen die Reparatur-Dienstleistungen sozial Schwachen zugute, während gleichzeitig der Ressourcenverbrauch ebenso wie die Elektroschrott-Abfallberge klein gehalten werden. Sepp Eisenriegler, der Geschäftsführer: »Die ursprüngliche Aufgabe, soziales Engagement und Ökologisches zu vernetzen, bleibt weiter unsere Mission: Ressourcenschonung samt arbeitsmarktpo­litischer Leistung, die nicht finanziert wird.«

Reparatur & Mehr

Kostendeckend ist der Reparaturbetrieb, der das Kerngeschäft des R.U.S.Z darstellt. Alle Versuche, dieses abzusichern, sind bisher aber finanziell nicht aufgegangen.

Zum Beispiel die Energieberatung. Sepp Eisenriegler nimmt es humorvoll: »Weggesprungen wie ein Tiger, gelandet wie ein Bettvorleger«. Fakt ist, dass er mit seiner Idee einfach zu früh dran war. Der Ansatz, kostenlose Energieberatung für sozial Schwächere anzubieten und das mit kostenpflichtiger Beratung für leistungsstarke Personen zu kombinieren, interessierte damals weder die zuständige Magistratsabteilung MA 40 noch Wien Energie. Heute finanzieren die beiden Stellen eine Ombudsstelle gemeinsam mit der Umweltberatung für die kommenden drei Jahre.

Oder das Waschmaschinen-Tuning. Im letzten Hof einer Industrieanlage im 14. Bezirk findet man neben der Reparaturannahme, der Verkaufsstelle von gebrauchten Elektro- und Elektronikgeräten und den Werkstätten ein hier selbständig entwickeltes Labor. Infrarotkamera und Sensoren messen Wassermengen in der Maschine und den notwendigen Energieaufwand in den sogenannten sensiblen Phasen, nämlich dann, wenn das Gerät Wasser aufheizen muss. Haben die Maschinen errechnet, um wie viel der Wassereinlauf gedrosselt werden kann, werden diese Informationen auf den entsprechenden Bauteil in der Waschmaschine, das Presostat, kopiert – vereinfacht dargestellt. Womit ein Waschvorgang künftig 25 bis 30 Prozent Wasser und somit 15 Prozent Strom spart. Ein Vorgang, der durch Energieeffizi­enzsteigerung aus Geräten der Kategorie C oder D Kategorie-A-Waschmaschinen macht.

Das R.U.S.Z beweist damit, dass es nicht nur ein Reparatur-, sondern auch ein High-Tech-Betrieb ist. In der Forschung und Entwicklung zum Waschmaschinen-Tuning stecken eineinhalb Jahre Arbeitszeit und 140.000 Euro finanzieller Aufwand.

Damit kommen auch Menschen, die ihre alte Waschmaschine ressourcenschonend weiter nutzen wollen, in den Genuss eines energieeffizienten Geräts. Leider ist dieses Service – noch – nicht nachgefragt. Die Nachrüstung kostet Geld, das sich zwar nach dreieinhalb Jahren amortisiert, das sich die Menschen aber trotzdem sparen wollen. Oder manchmal wohl auch nicht ausgeben können. Das Presostat kostet 150,– Euro und wird daher auch nicht in alle Maschinen, die im R.U.S.Z repariert werden, eingebaut. In die Waschmaschine zu Hause kann es vor Ort eingebaut werden, das Gerät muss also nicht in den Reparaturbetrieb gebracht werden – es kommen allerdings noch 87,– Euro Kosten für Einbau und Wegzeiten dazu. InhaberInnen eines Mobilpasses erhalten zwanzig Prozent Rabatt.

Lokal aktiv mit Ideen gegen das Marktversagen

Aber nicht nur im praktischen Bereich tut sich das R.U.S.Z als innovative Kraft hervor: Es darf sich mit all seinen Initiativen und theoretischen Arbeiten wohl zurecht als »Reparaturmotor in Wien« bezeichnen. Und Eisenrieglers Arbeit reicht bis zur Lobbyarbeit für sinnvolle Abfallgesetze in Brüssel.

Wer kennt das nicht: Die Waschmaschine stellt ihren Dienst ein, statt sauberer Wäsche liefert sie eine Wasserlacke im Bad. Also wird der Kundendienst des Herstellers kontaktiert. Nach endloser Wartezeit kommt ein Techniker, der missmutig eine Diagnose bereits am Weg zum Badezimmer stellt. Die lautet in der Regel, eine Reparatur »zahle sich nicht aus«. Dieser Kostenvoranschlag ist dann auch noch kostenpflichtig und das nicht zu schmal. Das »großzügige« Angebot, sein Unternehmen werde dieses Geld zurückerstatten, wenn man ein Neugerät wieder bei ihnen kaufe, rundet das Gespräch ab.

Dabei handelt es sich oft um Kleinigkeiten – einen verstopften Schlauch etwa, der nach einmal durchblasen wieder frei ist, und die Maschine weitere Jahre klaglos funktionieren lässt. Dass die Reparatur nicht im Interesse der Industrie ist, machen die Verkaufszahlen deutlich: Alleine in Österreich werden pro Jahr 500.000 Waschmas­chinen und cirka 200.000 Geschi­rrspüler verkauft. Zahlen, die nach der Marktsättigung in dieser Höhe erst wieder zu haben waren, als das Produktdesign so verändert wurde, dass die Maschinen weniger lange halten. Wenn eine Waschmaschine früher im Schnitt zwölf Jahre gehalten hat, so tut sie das heute längstens acht – und da sind Miele-Geräte, die noch immer zwanzig Jahre halten, inkludiert. Einer der »Tricks« besteht darin, verschweißte Bauteile in die Geräte zu integrieren, die sich verformen, sobald sie bei einer Reparatur herausgenommen werden, und somit unbrauchbar werden. Eisenriegler nennt sie folgerichtig »Wegwerfmaschinen«. Gleiches gilt für Reparaturen – sie sind von Seiten der Industrie unerwünscht, kann man doch ohne sie viel schneller ein Neugerät verkaufen. Verwerfungen eines Marktes, der außer schnellen Profiten keine Interessen hat.

Solange es im Störfall also ausschließlich die Kundendienste der Hersteller gab, wussten diese ihre Eigeninteressen besser zu vertreten als die ihrer KundInnen. Sepp Eisenriegler nennt das Fehlen von Reparaturbetrieben, und das europaweit, eindeutig »Marktversagen«.

Schnell erkannten die Menschen, dass sie solchen Missständen nicht mehr hilflos ausgeliefert sind, und brachten plötzlich neben der Waschmaschine und den Geschirrspüler-Geräten – auf die das R.U.S.Z eigentlich ursprünglich spezialisiert war – auch diverse andere Elektrogeräte zur Reparatur, vom Plattenspieler über die Kaffeemaschine bis zur Heckenschere. Eisenriegler: »Als der erste Motor für eine Segler-Seilwinde auf unserem Annahmepult lag, wusste ich, dass wir mit dieser Nachfrage eindeutig überfordert sind. Also gründete ich das ReparaturNetzWerk Wien.« Von ursprünglich zwölf Betrieben ist es heute auf 55 Kleinunternehmen angewachsen, in denen neben Elektrogeräten alles, von der Neubeschichtung der Badewanne bis zum Geflecht für den Thonet-Stuhl, repariert wird.

Ein Reparaturbetrieb ist aber gleichzeitig auch eine Fundstätte für Abfallstoffe, die für den Müll zu schade sind; auch werden die richtigen Teile gebraucht, um aus dem kaputten Radio wieder eines zu machen, das spielt. Außerdem erkannte Eisenriegler, dass es einen wachsenden Markt für Trash-Design gibt. So kam es schließlich zur Gründung des D.R.Z, eines weiteren sozialökonomischen Betriebs der Wiener Volksbildung, der eng mit dem R.U.S.Z zusam­menarbeitet. Das D.R.Z stellt Langzeitarbeitslose ohne Vorbildung an und schlachtet Altgeräte aus, die nicht mehr repariert werden können. Die Geräte kommen von den Wiener Mistplätzen zur Schadstoffentfrachtung oder eben vom R.U.S.Z. Dafür bekommt das R.U.S.Z originales Material für die Reparatur von Nostalgiegeräten vom D.R.Z zum Materialpreis. Für so manche Waschmaschinen­trommel beginnt im D.R.Z das zweite Leben als Hocker oder Stehpult, während Platinen, bunte Kabel und Tasten als Schmuckstück wiedererstehen.

Erfolgreiche Arbeit in Brüssel

Auf nationaler Ebene bemühte sich Sepp Eisenriegler mit der Gründung des RepaNet, die Möglichkeiten der sozialökonomischen Betriebe von lokaler auf Bundesebene zu heben. Der Verein umfasst heute zwölf Mitglieder und arbeitet leider nicht flächendeckend. Was sich demnächst ändern könnte; mit dem Inkrafttreten der Abfallbestimmungen der EU entsteht Handlungsbedarf in Österreich. Wobei die Elektroaltgeräte-Richtlinie der »Wiederverwendung von Altgeräten als Ganzes« absoluten Vorrang gibt; und die Abfallrahmenrichtli­nie schreibt die Förderung von Reparaturnetzwer­ken vor.

So ist RepaNet jetzt der Partner des Lebensministeriums im ReUse-Projekt, das die Wiederverwendung von Elektro-Altgeräten garantieren soll. Dazu wurden Standard-Werte ausgearbeitet und ein Gütesiegel entwickelt. Schließlich soll die reparierte Maschine im neuen Haushalt lange ihren Dienst tun.

Diese Bestimmungen sind nicht vom Himmel gefallen. Eisenriegler war 1999, im Jahr der Gründung des ReparaturNetzwerks Wien, Mitbegründer des europäischen Dachverbandes RREUSE und blieb bis 2011 dessen Präsident. Die Partner in den anderen europäischen Ländern waren in einer ähnlichen Situation wie das R.U.S.Z, sie versuchten mit ihrer Arbeit Menschen, die am Arbeitsmarkt benachteiligt waren, zu reintegrieren.

Die beiden genannten Gesetzesentwürfe sind der erfolgreichen Lobbyarbeit des Dachverbandes zuzuschreiben.

Alle Dimensionen der Nachhaltigkeit

Zurück nach Österreich und zum – derzeit – letzten Arbeitsfeld, auf dem R.U.S.Z aktiv ist. Über die Spendenaktion, die seit Mitte 2010 läuft, kommen jährlich 1.800 Altgeräte an die Werkstatt-Türen. Nicht alle schaffen es ins Lager und von dort in die Reparaturräume. Nachdem sich das R.U.S.Z auf die Wiederherstellung von Markengeräten konzentriert, werden cirka zwanzig Prozent gleich in den Container vor der Türe entsorgt. 39 Prozent können wieder instandgesetzt und so im R.U.S.Z wieder verkauft werden. Die restlichen 41 Prozent dienen als Ersatzteilspender.

Lebender Beweis dafür, dass die Zahlen, die die Industrie liefert, nach denen lediglich zehn Prozent wieder verwertbar wären, falsch sind. Und Eisenriegler ist überzeugt, dass noch wesentlich mehr drin ist. Viele Geräte landen weiter am Müllplatz, weil die Menschen keine Möglichkeit haben, sie ins R.U.S.Z zu transportieren und die 24 Euro Abholpreis nicht zahlen wollen oder können. Daher arbeitet er, gemeinsam mit dem D.R.Z, bereits an der Lukrierung von Förderungen, die zumindest die Hälfte dieser Kosten übernehmen sollen.

Mehr gespendete Geräte bedeuten letztendlich mehr hochwertige und trotzdem leistbare Geräte für sozial schlechter gestellte Menschen. Mehr gespendete Geräte bedeuten gleichzeitig mehr vollwertige Arbeitsplätze für Menschen, die an den Werkbänken der Wegwerfgesellschaft keinen solchen finden.??