
Von Peter Fleissner (5.2.2010)
Teil 1 - Peter Fleissner möchte im ersten Beitrag Erkenntnistheorie als verstehendes Wissen über Wahrnehmung und Handlung vermitteln.
… die Widerspiegelung der Welt im Kopf der Menschen ist sowohl ein Abbild von etwas da draußen, zu dem wir aber keinen direkten Zugang haben können, als auch gleichzeitig eine von den Interessen, Vorlieben, Traditionen, Kulturen der jeweiligen Menschen abhängige Konstruktion.
Für mich ist der morgendliche Blick in den Spiegel fast immer ein Anlass zur Depression, vor allem, wenn die Nacht vorher lang war. Da sehe ich mich noch etwas verschwommen mit immer größer werdenden Tränensäcken, mit Runzeln, wirrem Haar und trübem Blick und denke mir: Was soll das heute für ein Tag werden? Aber was habe ich da soeben gesehen? Was nehme ich wahr? Mich selbst? Ein Bild von mir? Bin das wirklich ich? Ist es vielleicht eine optische Täuschung? Wie kann ich wissen, ob der Spiegel ein Bild von mir zeigt? Ob das Bild korrekt ist? Nachdenklich verlasse ich das Badezimmer.
An diesem Punkt kann Philosophie beginnen: Was sehen wir, wenn wir in die Welt schauen? Welches Bild machen wir uns von ihr? Wie verhält sich die Außenwelt zu meiner Innenwelt? Was kann ich überhaupt wissen?
Innen oder außen?
Auf diese Fragen haben die Menschen im Lauf der Geschichte die unterschiedlichsten Antworten gegeben. Ich bündle die Antworten und greife zwei Hauptrichtungen heraus: Die eine Gruppe sagt, unsere inneren Vorstellungen sind Abbilder der Außenwelt, die anderen sagen, alles ist eine Konstruktion unseres Bewusstseins. Über die Außenwelt können wir gar nichts wissen. Auf den ersten Blick sehen die verschiedenen Positionen unversöhnlich aus. Die erste Sichtweise, die Abbildtheorie, wurde auch von Lenin in einer ziemlich groben Weise vertreten. Aber wenn man will, kann man auch bei Marx (»Das gesellschaftliche Sein bestimmt das Bewusstsein«) vergleichbare Aussagen finden, obwohl er sich durchaus der bestimmenden Rolle von geistigen Erkenntnissen (»Eine Theorie wird zur materiellen Gewalt, wenn sie die Massen ergreift«) bewusst war und folgerichtig das allseitig entwickelte Individuum eine wesentliche Rolle in seinen Überlegungen spielte, die eher zur zweiten Richtung zu zählen wäre.
Die erste Denkrichtung ist eng mit dem Materialismus verbunden, der aber genauso wie die andere, die mit dem Idealismus verbunden ist, viele unterschiedliche Spielarten kennt. Lenin etwa hat sich gegen einen mechanischen Materialismus und für den dialektischen Materialismus ausgesprochen, ist ihm aber manchmal selbst noch zum Opfer gefallen. Der mechanische Materialismus hat geistige Vorgänge im Menschen, seine Gefühle und sein Denken oft genug auf Vorgänge zurückgeführt, die in der klassischen Physik beschrieben wurden, wo die Naturgesetze einem strengen Determinismus folgten und der Zufall noch keine besondere Rolle spielte. Der Idealismus hingegen sieht die geistigen Vorgänge losgelöst von der Natur und ist daher für den göttlichen Ursprung der menschlichen Innenwelt ziemlich anfällig.
Dialektische Synthese
Die erste Meinung würde für mich vor dem Spiegel bedeuten, oje, der dir ins Gesicht schaut, den gibt es wirklich, und der bin noch dazu ich selber; die zweite würde glücklicherweise heißen: »Ollas net woar!«, dieses Gesicht habe ich mir »nur« eingebildet. Aber hier sieht frau/mann gleich, dass es in der Philosophie nicht darauf ankommt, wie sich jemand fühlt, sondern ob der Sachverhalt korrekt wiedergegeben wird. Leider ist auch das Wort »korrekt« nicht so eindeutig wie die PhilosophInnen es gerne hätten: In der materialistischen Weltsicht bedeutet korrekt, dass sich das Denkkonzept in der Praxis bewährt hat, in der idealistischen Sicht nur, dass es ohne innere Widersprüche ist.
Heute ist es an der Zeit, eine Widerspiegelungstheorie zu entwickeln, die beide Positionen zu einer einzigen zusammenführt, aber nicht durch Addition, sondern durch eine neue dialektische Synthese.
Sie könnte die im Bild gezeigte Struktur haben. Das Bild soll illustrieren, dass die Widerspiegelung der Welt im Kopf der Menschen sowohl ein Abbild von etwas da draußen ist, zu dem wir aber keinen direkten Zugang haben können, als auch gleichzeitig eine von den Interessen, Vorlieben, Traditionen, Kulturen der jeweiligen Menschen abhängige Konstruktion. Vielleicht könnte auch gesagt werden, dass uns die Welt nie nackt, so wie sie ist (das können wir in letzter Hinsicht nie genau wissen, sondern nur in einer Annäherung beschreiben), sondern immer in einem von Menschen gestrickten Mäntelchen erscheint, und da wir die Menschen heute als Individuen sehen, die untereinander verschieden sind, gibt es auch die unterschiedlichsten Weltbilder.
Mit der Widerspiegelung der Welt im Kopf Einzelner ist die Geschichte aber noch nicht zu Ende. Da nicht alle Menschen als Einsiedler ihr Leben fristen, sondern ihr Leben gemeinsam führen, müssen die Bilder und Ideen in den Köpfen der Menschen in Sprache übersetzt werden, mit der sie sich untereinander verständigen können. Heute geht man davon aus, dass die Menschen sich zunächst über Gebärden verständigt haben, erst später kam die gesprochene Sprache dazu. Da sowohl Gebärden und Sprache kurzlebig sind, haben Herrscher früherer Kulturen die Schrift benützt, die auf einem dauerhaften Trägermedium geschrieben oder eingemeißelt wurde (zunächst als Bilderschrift im alten Ägypten, später in Nordafrika als Buchstabenschrift, ca. 1.600 vor unserer Zeitrechnung). Wie heute noch viele Schulkinder soll sich schon Sokrates gegen die Verschriftlichung gewehrt haben, da er meinte, die Lebendigkeit des Gedankens würde dadurch eingeschränkt.
Der jüngste Schub mit neuen Informationsträgern läuft vor unseren Augen ab: Informationen seien es Töne, Bilder, Sprache oder Filmaufnahmen können durch Zerlegung in Nullen oder Einsen auf modernen Datenträgern gespeichert, über das Internet oder durch das Mobiltelefon weltweit übertragen und durch iPods, DVD-Player oder Videorecorder zu beliebiger Zeit wieder abgespielt werden. Neben der Nützlichkeit für die Mehrheit der Menschen stellt diese Technologie eine gewinnträchtige neue Möglichkeit zur Kapitalanlage und -verwertung dar.
Die zweite Natur
Weltbilder und Ideen werden also durch das unmittelbare Gespräch oder über technisch vermittelte Kommunikation weitergegeben, sie diffundieren, führen über Diskussionen und friedliche oder kriegerische Auseinandersetzungen zu praktischen Entscheidungen, durch die sie vergegenständlicht werden als Nahrungsmittel, Güter des täglichen Bedarfs, Hilfsstoffe, Maschinen, Bauten und viele Arten von Infrastrukturen und Dienstleistungen, aber auch durch neues Wissen und tiefere Einsicht in Natur und Gesellschaft. So wird Naturstoff den menschlichen Bedürfnissen angepasst, die Natur humanisiert.
Über ihre Arbeit und mit technischen Hilfsmitteln bauen die Menschen eine zweite Natur auf, die sie umgibt. Auch diese bestimmt gemeinsam mit der ersten Natur nun die Bedingungen, unter denen Menschen leben, gute wie schlechte, Abschaffung des Mangels, Erzeugung von Überschüssen, aber auch Umweltzerstörung und inhumane Arbeitsbedingungen. Ein weiterer Kreislauf von Widerspiegelungen kann beginnen.
Die Erzeugung und Aneignung des Reichtums erfolgte in allen Zeiten in bestimmten Verhältnissen, in denen die Menschen zueinander stehen. Aber das ist eine andere Geschichte …
Volksstimme, Februar 2010