KOMMUNISTISCHE PARTEI ÖSTERREICHS

Der Schein heiligt die Mittel

Von Colin Goldner (20.5.2008)

Was ist der tibetische Freiheitskampf eigentlich für einer?

Olympische Spiele, dies vorneweg, sind in Beijing genauso überflüssig wie anderswo. Egal, wer damit Staat und Geschäfte macht, die Zeche zahlen immer die, die nichts davon haben, daß bei ihnen 14 Tage lang »die Welt zu Gast« ist für ein Massenspektakel, das noch nie anderem gedient hat als dem politischen und wirtschaftlichen Interesse der jeweiligen Veranstalter.

Gigantomanie macht anfällig. Nichts fürchten die Olympia-2008-Organisatoren um Premierminister Wen Jiabao mehr, als daß es ihnen den erwarteten Profit, für den nach offiziellen Angaben bislang 38,2 Milliarden US-Dollar investiert wurden, verhageln könnte: daß womöglich die eine oder andere der 55 Minderheiten des Vielvölkerstaates die Gelegenheit ergreifen und dem Mutterland China empfindlichen Schaden zufügen könnte durch Störung oder Sabotage der Spiele. Der (angebliche?) Versuch uigurischer Separatisten, durch eine Flugzeugentführung Angst vor Terroranschlägen zu erzeugen und damit Druck auf Beijing auszuüben, wurde schon im Vorfeld vereitelt.

Strategisch viel geschickter gingen die Exiltibeter rund um den Dalai Lama zur Sache. Schon Ende September 2007 hatte der »Gottkönig« hochrangige Vertreter der Südtiroler Volkspartei nach Dharamsala eingeladen, um sich fachkundig beraten zu lassen. Erste Kontakte zur rechten Südtiroler Volkspartei (SVP), die es als ihre Hauptaufgabe betrachtet, »das Heimatrecht der angestammten Bevölkerung zu verteidigen und das Land vor Überfremdung zu bewahren«, hatte er bereits zehn Jahre zuvor bei einem Besuch in Bozen geknüpft. Südtirol, so die »Leuchte der Weisheit«, habe für Tibet »Vorbildcharakter«. Inwieweit damit der Umstand gemeint ist, daß die »Südtirol-Autonomie« in den sechziger Jahren durch terroristische Anschläge herbeigebombt wurde, steht dahin. Seit je allerdings und in offenem Gegensatz zu seinem Image als Anwalt unbedingten Gewaltverzichts spricht »Seine Heiligkeit« sich sehr dezidiert für Gewalt als Option des Handelns aus. So betonte er etwa in einem öffentlichen Gespräch an der Stanford-University im November 2005, Gewalt könne als Antwort auf eine gewaltsame Aktion durchaus geboten sein.

Kurz nach Abreise der Südtiroler Delegation wurde in Dharamsala ein eigener Kampfverband begründet, zusammengesetzt aus Mitgliedern des militanten Tibetan Youth Congress, der nicht minder militanten Gu-Chu-Sum Ex-Political Prisoners’ Association und dreier weiterer Gruppierungen, mit dem erklärten Ziel, den »Freiheitskampf aus dem Exil nach Tibet zurückzubringen«. Man werde den historischen Moment der Olympischen Spiele nutzen, so der am 4. Januar 2008 offiziell als Tibetan People’s Uprising Movement (TPUM) ausgerufene Verband, »einen Aufstand des Volkes zu entfachen, der Chinas Kontrolle über Tibet erschüttern wird«. Ausdrücklich war von »direkten Aktionen« die Rede, die erforderlich seien, die »illegale und brutale Besetzung unseres Landes zu beenden«. Daß es dabei auch und in erster Linie um gewaltsame Aktionen gehen sollte, stand von vornherein fest. Schon Ende der Achtziger hatte es unter dem Namen »Chinesische Häuser anzünden: Sabotage« eine exiltibetische Untergrundorga­nisation gegeben, die für Panik unter chinesischen Siedlern sorgte. Im Internet kursierten unmittelbar nach Bekanntwerden der TPUM-Erklärung erste Gerüchte über geplante Sabotageakte, Terroranschläge und Attentate.

Die TPUM-Hauptforderungen lauten: 1. Bedingungslose Rückkehr Seiner Heiligkeit des Dalai Lama nach Tibet an seinen rechtmäßigen Platz als Führer des tibetischen Volkes. 2. Sofortiger Rückbau der chinesischen Kolonialherrschaft. 3. Umgehende Freilassung sämtlicher politischen Gefangenen in Tibet. Im übrigen verlange »das tibetische Volk«, daß »das Internationale Olympische Kommittee die Olympischen Spiele 2008 in Beijing unverzüglich absagt«. Schon auf einer vor Jahresfrist in Brüssel veranstalteten »International Tibet Support Groups Conference«, zu der die FDP-nahe Friedrich-Naumann-Stiftung eingeladen hatte, wurden die »Chancen für ein wirklich autonomes Tibet« ausgelotet, die sich mit den Olympischen Spielen im kommenden Jahr bieten würden. Im Herbst 2007 lud der »Tibet-Gesprächskreis im Deutschen Bundestag« zu einer Talkrunde »Tibet und Olympia« ein. Die Diskussion drehte sich laut Veranstaltungsbe­richt hauptsächlich um die Frage, ob die »Olympischen Spiele einen Hebel bieten, mit dem die Tibetpolitik Chinas beeinflußt werden kann«.

Der Dalai Lama selbst konnte aus langjähriger Erfahrung mit Untergrundterror in Tibet schöpfen: Sein ältester Bruder, Thupten Jigme Norbu, Abt eines Großklosters im Osten des Landes, hatte schon kurz nach dem Einmarsch der chinesischen Volksbefreiun­gsarmee zum bewaffneten Widerstand aufgerufen. Ab Mitte der fünfziger Jahre organisierte er, zusammen mit Gyalo Thöndup, einem weiteren Bruder »Seiner Heiligkeit«, einen weitverzweigten Guerillakampf gegen das chinesische Militär und nachrückende chinesische Siedler. Während der Widerstand zunächst mit Geldern bestritten wurde, die Hochadel und Klerus bereitstellten, wurde er ab 1960 von der CIA finanziert, zu der Thupten Jigme Norbu auf einer USA-Reise Kontakt aufgenommen hatte. Bis Anfang der Siebziger wurde der als Chusi Gangdruk bezeichnete Untergrundkampf mit jährlich 1,7 Millionen US-Dollar aus einem eigens aufgelegten Sonderprogramm zur Finanzierung exiltibetischer Operationen gegen China gefördert. Der Dalai Lama erhielt aus dem gleichen Fonds 186.000 US-Dollar pro Jahr zur persönlichen Verfügung. Nachdem er den Erhalt dieser Gelder und die Verbindung zur CIA jahrzehntelang abgestritten hatte, mußte er Ende der Neunziger zugeben, gelogen zu haben.

Fest steht, daß ab 1958 eine Gruppe von 400 Chusi-Gangdruk-Kämpfern in Camp Hale, einem Trainingszentrum der CIA in den Rocky Mountains, in Guerillakrieg­führung, sprich: im Durchführen gezielter Kommandoattacken, ausgebildet wurde. Geplant war die Ausbildung von weiteren 3.500 Kämpfern, es blieb aber bei der ersten Gruppe. Das Training weiterer Einheiten wurde vor Ort durchgeführt. Als Operationsbasis wählte man das ehemalige Königreich Lo, bekannt auch als Upper Mustang, eine auf dem tibetischen Hochplateau gelegene, politisch jedoch dem Staatsgebiet Nepals zugehörige Bergregion im Nordwesten des Landes. Innerhalb kurzer Zeit wurde dort eine mehrere tausend Mann starke Truppe zusammengestellt, der es gelang, wie der Dalai Lama sagt, »den Chinesen mehrere Male erheblichen Schaden zuzufügen«. Auf Veranlassung der USA hatte Nepal das gesamte Gebiet von Upper Mustang, eine Fläche von rund 2.000 Quadrat­kilometern, zur militärischen Sperrzone erklärt: Ungestört konnten von hier aus die Operationen der tibetischen Guerilla geplant und durchgeführt werden.

Die Bewaffnung der Kämpfer stammte teils aus US-Beständen, teils hatte man modernes Gerät in Indien gekauft. Ein nicht unwesentlicher Teil stammte aus Überfällen auf chinesische Garnisonen beziehungsweise auf ein tibetisches Militärdepot in Shigatse. Die tibetischen Untergrundeinheiten hatten bei ihren »hit-and-run«-Aktionen oftmals hohe Verluste zu verzeichnen, worüber der Dalai Lama freilich nichts verlautbart. Ganz im Gegenteil, voll Stolz läßt er seine Hofberichterstatter Hicks und Chogyam schwadronieren: »Die Schlachten waren grauenhaft, aber trotz enormer chinesischer Überlegenheit in Anzahl und Ausrüstung verursachte Chusi Gangdruk furchtbare Schäden; es war keineswegs unüblich, daß für jeden getöteten Tibeter fünf bis zehn Chinesen getötet wurden, und manchmal war das Verhältnis sogar noch dramatischer. Die Freiheitskämpfer benutzten alles, was sie in die Hände bekamen, von erbeuteter chinesischer Artillerie und Maschinengewehren bis hin zu Schwertern, und ihre völlige Furchtlosigkeit versetzte die Chinesen in Angst und Schrecken.« Das Hauptquartier der Untergrundkämpfer in Upper Mustang bestand bis Anfang der siebziger Jahre.

Im Herbst 1958 hatten Einheiten der Chusi Gangdruk eine größere Garnison der Volksbefreiun­gsarmee angegriffen, die in Tsethang, nur wenige Kilometer von Lhasa entfernt, stationiert war: Sie töteten mehr als 3.000 chinesische Soldaten und gelangten in den Besitz großer Mengen an Waffen und sonstigem Kriegsgerät. In der Folge wuchs die Untergrundarmee innerhalb weniger Wochen auf mehr als 12.000 Kämpfer an.

Im März 1959 rotteten sich in Lhasa an die 30.000 Menschen vor dem Sommerpalast des Dalai Lama zusammen, darunter Chusi-Gang-druk-Kämpfer sowie die komplette Mönchskoterie der Großklöster Drepung, Sera und Ganden. Die Führungsschicht der feudal-klerikalen Ausbeuterklasse fühlte sich durch die angekündigten Bodenreformen der chinesischen Kommunisten in ihren Privilegien bedroht: Wie in östlichen Landesteilen bereits praktiziert, war auch für die Provinz Ü-Tsang mit ihrer Hauptstadt Lhasa vorgesehen, den Grundbesitz der Adelsfamilien und der Großklöster zu enteignen und an bisherige Sklaven, Leibeigene und unfreie Bauern zu verteilen. Von den Anführern der Versammelten wurde die chinesische Oberhoheit für beendet erklärt, es kam zu Scharmützeln mit chinesischen Ordnungskräften.

Noch bevor die Truppen der Volksbefreiun­gsarmee eingriffen, machte sich der Dalai Lama, unterstützt von der CIA, mit drei Dutzend seiner engsten Mitarbeiter und mehreren Familienmitgliedern aus dem Staub. Begleitet von rund 350 Soldaten der tibetischen Armee und 50 Chusi-Gangdruk-Kämpfern begab er sich in die Klosterfestung Lhüntse Dzong unweit der indischen Grenze und von dort aus ins indische Exil. Vorausgeschickt hatte er rund 60 mit Goldstaub und Silberbarren gefüllte Kisten aus den Schatzkammern des Potala. Das Edelmetall wurde auf dem Devisenmarkt in Kalkutta verkauft, wo es den für die damalige Zeit ungeheuren Ertrag von rund acht Millionen US-Dollar – nach heutiger Kaufkraft etwa 55 Millionen US-Dollar – erzielte, wobei, wie sich später herausstellte, die Tibeter noch ordentlich über den Tisch gezogen worden waren.

In Tibet ging der Terror der Chusi Gangdruk unvermindert weiter. Erst zehn Jahre später, als die USA in der Ära Nixon/Kissinger ihr Handelsinteresse an China entdeckten, stellte die CIA die Unterstützung des tibetischen Untergrundkampfes ein. Nach dem Ausstieg des US-Geheimdienstes übernahm ab Anfang der Achtziger eine andere US-Organisation die Finanzierung der antichinesischen Aktivitäten des Dalai Lama: die sogenannte National Endowment for Democracy (NED), die ihm seither jährlich einen Betrag von zwei Millionen US-Dollar überweist. Die NED, begründet unter Ronald Reagan als »halbstaatlicher Arm der US-Außenpolitik«, ermöglicht der Regierung beziehungsweise dem Kongreß die indirekte Weitergabe von Mitteln aus dem US-Haushaltsbudget an Nicht-US-Organisationen. Auch aus anderen US-Töpfen fließen »Seiner Heiligkeit« seit je Millionen zu, zudem steht er auf der payroll des milliardenschweren US-Investmentbrokers und selbsternannten Philanthropen George Soros, der auch die Solidarnosc oder die Charta 77 finanziert hat­te.

Passagen der Autobiographie des Dalai Lama von 1964, in denen er den tibetischen Guerillakampf ausdrücklich gutheißt, wurden in der Neufassung von 1990 – inzwischen war er Friedensnobel­preisträger geworden – ersatzlos gestrichen. Für welches Verdienst ihm 1989 der Nobelpreis zuerkannt worden war, ist bis heute ungeklärt. Es gab und gibt von ihm keinerlei ernstzunehmenden Beitrag für irgendeinen Demokratisierungs- oder Friedensprozeß – was indes von seinen Anhängern und Verehrern ebenso ausgeblendet wird wie seine Rolle in der bewußt herbeigeführten und gezielt zur Eskalation gebrachten Gewaltinszenierung im Vorfeld der Olympischen Spiele. In seiner traditionellen Rede zum »Jahrestag des Volksaufstands von 1959« am 11. März 2008 behauptete er, die Chinesen machten sich fortgesetzt »zahlreicher, unvorstellbarer und grausamer Menschenrechtsver­letzungen« in Tibet schuldig, was nicht länger hingenommen werden könne. Noch am selben Tag kam es in der nepalischen Hauptstadt Kathmandu zu gewalttätigen Ausschreitungen: Mehr als 200 buddhistische Mönche versuchten, die chinesische Botschaft im Stadtzentrum anzugreifen. Zeitgleich wurde von Dharamsala aus ein von langer Hand vorbereiteter Protestmarsch nach Lhasa auf den Weg gebracht, der allerdings nach wenigen Kilometern von indischer Polizei aufgelöst wurde. Weitere TPUM-dirigierte Protestaktionen fanden in Neu-Delhi, San Francisco, New York, Marseille, Wien und andernorts statt, auch vor der Ausgrabungsstätte des historischen Olympia in Griechenland. Die Aktionen verliefen in äußerst gereizter Stimmung, blieben aber weitgehend gewaltfrei.

Alles andere als gewaltfrei verlief der Protest hingegen in Lhasa: Mit Schlagstöcken

bewaffnete Mönchstrupps aus dem Kloster Drepung zogen am Abend des 11. März marodierend durch die Altstadt, skandierten antichinesische Parolen und schlugen Fensterscheiben von Häusern und Ladengeschäften zu Bruch. Die von dem Ausmaß der Gewalt völlig überraschte Polizei mußte ihre Einheiten zusammenziehen, um gegen den Rotkuttenmob vorgehen zu können: Erst mit erheblicher Verzögerung konnten die Ausschreitungen eingedämmt und erste Verhaftungen vorgenommen werden. Die Zusammenstöße der Drepung-Mönche mit der zahlenmäßig zunächst weit unterlegenen Polizei – Gerüchte über exzessive Brutalität der chinesischen Sicherheitskräfte und Mißhandlung gefangengenommener Mönche machten blitzartig die Runde – ließen die Gewalt auf die beiden anderen Großklöster des Lhasa-Tals und weitere Teile der Stadt überspringen: Polizei- und Feuerwehrfahrzeuge, aber auch öffentliche Busse und Privatautos wurden umgeworfen und angezündet, chinesische Häuser und Läden aufgebrochen, geplündert und in Brand gesteckt. Es gab mehr als 150 Brandherde, von denen 40 sich zu Großfeuern ausweiteten. Ganze Straßenzüge wurden verwüstet, Wohn-, Geschäfts-, Bank- und Bürogebäude abgefackelt, Molotowcocktails flogen nicht nur in Polizeiwachen, sondern auch in Schulen, Kindergärten und Krankenhäuser.

Gerüchte über den Opferselbstmord zweier Lamas ließen die Situation weiter eskalieren: Außer Rand und Band geratene Mönchshorden brachen blutige Straßenkämpfe vom Zaun, an denen sich immer mehr tibetische Jugendliche beteiligten. Es gab zahlreiche teils schwer Verletzte sowohl auf tibetischer als auch auf chinesischer Seite. Noch bevor irgendwelche sicheren Informationen aus Lhasa vorlagen, wurde von Tibet-Unterstützergruppen weltweit die chinesische Führung für den Ausbruch der Gewalt verantwortlich gemacht. Die Rede war, gestützt auf TPUM-Verlautbarungen und Mitteilungen des US-Senders Radio Free Asia, vom absolut friedfertigen Protest des »tibetischen Volkes« gegen die chinesische Militärdiktatur. Der Protest sei brutal zusammengeknüppelt und niedergeschossen worden, was, beklagenswert, aber verständlich, im Einzelfall – TV-Bilder wild um sich schlagender, Steine und Brandbomben werfender Tibeter mußten schließlich gerechtfertigt werden – zu gewaltsamer Not- und Gegenwehr geführt habe. Mehr als 100 Tibeter seien seit Beginn der Unruhen zu Tode gekommen. In zahlreichen westlichen Ländern wurden »spontane« Solidaritätskun­dgebungen für den »tibetischen Freiheitskampf« veranstaltet. US-Präsident Bush und Kanzlerin Merkel forderten Beijing zu sofortiger Einstellung aller Kampfhandlungen und zu umgehenden Gesprächen mit dem Dalai Lama als »spirituellem Oberhaupt der Tibeter« auf, der als einziger die »Tibetfrage« zu lösen imstande sei.

Die tatsächliche Rolle des Dalai Lama, der mit seiner Rede zum 11. März den TPUM-Terror zumindest mitausgelöst hatte – auch an anderen Orten der Autonomen Region Tibet und in den Nachbarprovinzen Sichuan, Qinghai und Gansu kam es zu gezielten Übergriffen gegen Sicherheitskräfte und die chinesische Zivilbevölkerung –, wurde konsequent ausgeblendet. Desgleichen der Umstand, daß es sich keineswegs um einen »Volksaufstand« handelte, wie Dharamsala in steter Wiederholung behauptete, sondern daß die Verwüstungen und Gewaltakte von relativ kleinen Tätergruppen verübt worden waren, die über keinerlei Rückhalt in der tibetischen Bevölkerung verfügen.

Die öffentliche Ordnung in Lhasa wurde durch massive Präsenz von Polizei und Militär auf den Straßen wiederhergestellt. Offiziellen Angaben zufolge gab es im Zuge der über mehrere Tage immer wieder auflodernden Ausschreitungen zehn Tote: Opfer vor allem der Brandbombenan­schläge auf chinesische Häuser und Läden. Die Zahl der Verletzten lag bei über 600. Auch an den anderen Orten, an denen TPUM-gesteuerte Protestkundgebungen und »direct actions« stattfanden, gab es Schwerverletzte und Tote. Wie die chinesische Nachrichtenagentur Xinhua mitteilte, seien bei den Pogromen insgesamt 22 Menschen zu Tode gekommen. Behauptungen des Dalai Lama, chinesisches Militär habe mehrfach in die Menge geschossen, wobei »mehrere hundert Tibeter getötet« worden seien, waren völlig aus der Luft gegriffen, aber dazu angetan, die Lage weiter anzuheizen.

In zahlreichen Städten rund um den Globus verschärften sich die Proteste der örtlichen Tibeter-Vereine und Tibet-Unterstützergrup­pen: In Sydney etwa oder in Zürich kam es zu massiven Zusammenstößen zwischen Ordnungskräften und Pro-Tibet-Aktivisten, die die diplomatischen Vertretungen der VR China angriffen; in München versuchten knapp drei Dutzend Tibeter, das chinesische Generalkonsulat zu stürmen. Sie rissen die chinesische Fahne vom Mast und zündeten sie an, beschmierten die Hauswände mit antichinesischen Parolen und schlugen auf Angestellte des Konsulats ein. Die Randalierer wurden verhaftet, die Staatsanwaltschaft nahm Ermittlungen auf.

Der Dalai Lama und seine Verlautbarungsor­gane setzten ihre Lügenpropaganda systematisch fort. Von »Hunderten von Toten« war die Rede und »Tausenden von Verhafteten oder Verschwundenen«. In den westlichen Medien wurden die frei Haus gelieferten Behauptungen aus Dharamsala ohne die geringste journalistische Distanz oder Gegenrecherche weiterverbreitet: Von der »unmenschlichen Brutalität der chinesischen Machthaber«, den »grausamen Menschenrechtsver­letzungen«, dem »Völkermord auf dem Dach der Welt« konnten die Kommentatoren nicht genug kriegen. Die bundesdeutsche Berichterstattung erschien komplett gleichgeschaltet: Nirgendwo fand sich auch nur der leiseste Anflug von Kritik an der von Tibetern ausgeübten Gewalt. Auch das öffentlich-rechtliche Fernsehen präsentierte die Horden junger Tibeter, die da plündernd und Brände legend durch die Straßen zogen und auf jeden einprügelten, der nicht tibetisch genug aussah, als im Grunde friedliche Demonstranten, die von einer brutalen Militärdiktatur an der Ausübung elementarster Rechte gehindert würden. Verfügbares Bildmaterial wurde entweder nicht gezeigt oder manipuliert beziehungsweise mit falschen oder irreführenden Kommentaren versehen.

Während in den Medien vor allem von verschärftem diplomatischen Druck die Rede war, der auf Beijing ausgeübt werden müsse – ein von Pro-Tibet-Gruppen verlangter Boykott der Olympischen Spiele wurde in der Regel ausgeschlossen –, brach sich in den Foren, Blogs und Chatrooms des World Wide Web eine abenteuerliche Mischung aus Gutmenschentum und jahrzehntelang gezüchtetem antichinesischen Ressentiment Bahn. In Tausenden meist ebenso ignoranter wie selbstgerechter Einträge wurde neben einem konsequenten Boykott chinesischer Exporterzeugnisse die demonstrative Nichtteilnahme an den »Völkermörder-Spielen« in Beijing gefordert: Es sei die »verdammte Pflicht und Schuldigkeit« des Westens, die chinesische Militärdiktatur zur Räson zu bringen, und das am besten über eine Schwächung ihrer Wirtschaft. Auch von der Erfordernis gezielter Sabotage war die Rede: Vielfach wurden die Spiele 2008 mit den Nazi-Spielen 1936 verglichen, deren internationaler Boykott womöglich den Zweiten Weltkrieg verhindert hätte. Pro-Tibet-Aktivist Richard Gere schwang sich zum Wortführer einer »Boycott Beijing Olympics 2008«-Bewegung auf, der sich hiesige Moralprediger, Franz Alt und Claudia Roth erwartungsgemäß vorneweg, postwendend anschlossen. Auch der Wiesbadener Ethikexperte Roland Koch empfahl, einen Boykott zu erwägen.

Zahllose WWW-Postings äußerten Verständnis und Sympathie für die von tibetischer Seite ausgegangene Gewalt, die, umstilisiert zum »heroischen Befeiungskampf eines seit 50 Jahren gnadenlos unterdrückten Volkes«, jede Unterstützung der »freien Welt« verdiene. Schuld an den Ausschreitungen trüge allemal Beijing, den Tibetern sei gar keine andere Wahl geblieben, als sich auf diese Weise zur Wehr zu setzen. Wenn es dabei zu gelegentlichen Gewaltexzessen komme, sei dies durchaus nachvollziehbar: Es entlade sich nun der »über Jahrzehnte aufgestaute Haß gegen die chinesischen Besatzer«. Bei Youtube eingestellte Handyvideos von Touristen, die den blanken Terror in Lhasa, Ngawa (Sichuan), Xiahe (Gansu) und andernorts dokumentierten, wurden in kürzester Zeit millionenfach angeklickt und mit Hunderttausenden von – zu etwa 80 Prozent pro-tibetischen – Kommentaren versehen. Alle Welt sprach und spricht von Tibet und seinem »verzweifelten Kampf um Freiheit«.

Die TPUM-Strategie, den »historischen Moment der Olympischen Spiele« zu nutzen, um über gezielt eingesetzte Gewalt »Chinas Kontrolle über Tibet zu erschüttern«, war voll aufgegangen. Medien aus dem Hause Springer kommentierten den Straßenterror der TPUM in durchaus anerkennendem Unterton: »Die Palästinenser haben ihren Fall in den sechziger und siebziger Jahren vor allem mit Flugzeugentführun­gen und Terroranschlägen auf die internationale Agenda gesetzt. Auch die Protestanten in Nordirland haben gezeigt, daß Terror funktioniert. Es ist schwer vorstellbar, daß sie es ohne die Anschläge der IRA bis zur Beteiligung an der nordirischen Regierung gebracht hätten. Im Vergleich dazu hat sich die Lage der Tibeter eher verschlechtert als verbessert. Die Lehren, die Unabhängigkeit­sbewegungen daraus ziehen werden, sind klar: Nur wenn man sich mit terroristischer Gewalt auf die Weltbühne bombt, wird man irgendwann als politischer Verhandlungspartner akzeptiert« (»Welt Online«).

Unterdessen konnte der Dalai Lama sich zurücklehnen und verkünden, China habe »als das größte Land der Welt ein Anrecht auf die Olympiade«. Die olympischen Regeln verlangten aber, daß im Gastgeberland der Spiele die Menschenrechte eingehalten würden. Da dies in China nicht der Fall sei, habe Beijing eben doch kein Anrecht. Eine Woche nach seiner Brandrede vom 11. März kehrte er zu seiner geübten Rhetorik des Gewaltverzichts und der Friedfertigkeit zurück: In einer Fernsehansprache appellierte er an seine Landsleute, sich bei weiterem Protest »exzessiver Gewalt« zu enthalten, ansonsten sehe er sich zum Rücktritt von seinem Amt genötigt.

Der Appell erzielte den beabsichtigten Effekt: »Seine Heiligkeit« war, zumindest in den Westmedien, schlagartig von jedem Verdachte reingewaschen – das chinesische Fernsehen hatte ihn als »Wolf im Mönchsgewand« bezeichnet –, er selbst und seine Clique seien Drahtzieher der Ausschreitungen gewesen. Gegen die fortdauernde Gewalt bewirkte der Aufruf allerdings nichts. Kurze Zeit später wurde die Rücktrittsdrohung zurückgenommen: Selbstredend, so sein Pressesprecher, bleibe der Dalai Lama seinem Volke als »geistlicher und politischer Führer« erhalten.

Hierzulande überbieten sich Politiker aller Couleur mit Lob für die »konsequent gewaltfreie Haltung Seiner Heiligkeit«, von Kurt Beck und Angela Merkel bis zu Guido Westerwelle und Claudia Roth. Mit Ulrike Eifler, ihres Zeichens Parteivorsitzende in Hessen, stimmt auch Die Linke ein in den Chor derer, die die antichinesische Propaganda aus Dharamsala nachplappern. Sogar die NPD entdeckte Gemeinsamkeiten: Die »klar nationalistischen

Positionen des Führers vom Dach der Welt« seien beispielgebend. Der solchermaßen Gelobte hat allerdings bislang noch nicht erklärt, ob er mit seinen völkischen »Tibet-den-Tibetern«-Parolen nur die Ausweisung von Han-Chinesen aus Groß-Tibet im Sinn hat oder ob auch nichttibetische Minderheiten wie Bai, Dengba, Hui, Lhoba, Monba, Mongolen, Naxi, Sherpa oder Uiguren aus dem Land getrieben werden sollen.

Es lebe das Mittelalter!

Das »alte Tibet«, das die antichinesischen Aktivisten so gern wiederhaben möchten, war keineswegs »friedvoll und harmonisch«, wie der Dalai Lama und seine westlichen Anhänger ständig behaupten. Für die große Masse der Tibeter bedeutete die Mönchsdiktatur eine »Hölle auf Erden«, die erst mit dem Einmarsch der chinesischen Volksbefreiun­gsarmee 1950 endete. Tibet war überzogen von einem engmaschigen Netz an Klöstern und monastischen Zwingburgen, von denen aus das Land und die Menschen beherrscht und brutal ausgebeutet wurden. Gesetzgebung, Gerichtsbarkeit, Polizei und Militär lagen ebenso in den Händen von Mönchsbeamten wie Bildungs- und Gesundheitswesen, Grundbesitz sowie jedwede sonstige Verwaltung.

Neben und zusammen mit dem allgegenwärtigen Klerus hatten einige alte Aristokratenfa­milien Macht und Einfluß bewahrt. Der relativ kleinen Blutsaugerschicht in den Klöstern und Palästen, zusammen zwei bis drei Prozent der Bevölkerung, stand die große Masse der »Leibeigenen« beziehungsweise »unfreien Bauern« gegenüber. Die Steuer-, Fron- und Abgabenlasten, die diesen Menschen aufgebürdet wurden, nahmen ihnen jede Möglichkeit einer menschenwürdigen Existenz. Schuldknechtschaft und Sklaverei waren im »alten Tibet« gang und gäbe. Es gab außerhalb der Klöster keine Schulen und keinerlei Gesundheitsver­sorgung, die Säuglingsster­blichkeit lag bei fast 50 Prozent, die mittlere Lebenserwartung Erwachsener bei 35 Jahren.

Die überwiegende Mehrzahl der Menschen lebte unter katastrophalen Bedingungen. Hunger und Elend prägten den Alltag. Hinzu kam eine permanente religiöse Indoktrination, die den unterjochten und bis aufs Blut ausgebeuteten Menschen ihre miserablen Lebensverhältnisse als »karmisch« bedingt und damit unveränderbar erklärte, verbunden mit bis zum schieren Wahnsinn geschürter Angst vor Geistern, Teufeln und Dämonen. Das Strafrecht des Priesterstaats zeichnete sich durch Willkür und Grausamkeit aus. Unbotmäßigen wurde bei lebendigem Leibe die Haut abgezogen, bei leichteren Vergehen stach man ihnen die Augen aus oder hackte ihnen die Hände ab. Jedes Kloster verfügte über eine eigene Folterkammer.

Quelle: Konkret 5/08

Konkret Colin Goldner ist Autor des Buches "Dalai Lama – Fall eines Gottkönigs", das Ende Mai in aktualisierter Neuauflage erscheint (Alibri-Verlag).