KOMMUNISTISCHE PARTEI ÖSTERREICHS

Der Tibet-Wahn

Von Hermann L. Gremliza (20.5.2008)

Solang nicht die Hose am Kronleuchter hängt, sind wir noch nicht richtig in Schuß, solang nicht die Hose am Kronleuchter hängt, da schmeckt uns kein Sekt und kein Kuß …

Deutscher Schlager von Hermann Frey und Walter Kollo

Der Vorgang ist dieser: Angeführt von Mönchen einer buddhistischen Sekte verwüstet ein Mob die Straßen, zündet Busse und Geschäfte an und läßt darin tätige Kaufleute verbrennen, bis es der Polizei gelingt, dem Treiben ein Ende zu setzen. Das »Hamburger Abendblatt«, die Heimatzeitung aus dem Springer-Verlag, faßt das Geschehen in die balkendicke Schlagzeile: »China schießt auf Mönche.«

Auch wer die Medien und ihre Aufgabe, die Meinung der Herrschenden in herrschende Meinung zu konvertieren, zu kennen glaubte, ist irritiert. Wie, fragt er sich, konnten die Täter, die man bei ihrer Mordbrennerei hatte beobachten können, über Nacht in allen Blättern und auf allen Sendern einstimmig zu »Demonstranten« werden und ihre Morde zum »Protest«? Was, wenn die mit der schwarz-grünen Koalition in der Hansestadt Unzufriedenen sich dadurch aufgefordert fühlten, ihren Protest bei einer Demonstration auf dem Jungfernstieg nach dem Vorbild der buddhistischen Mönche von Lhasa zu äußern? Und wie konnte ein meschugger Wanderprediger zum Tabernakel der Weltmoral avancieren?* Die richtige Antwort auf diese Fragen macht einen kleinen Ausflug an den Ort der Tat und dessen Geschichte nötig:

Ob sie von Anfang an nichts anderes sein konnte oder ob sie erst ex post sich als das erweist: Die Volksrepublik China war, wie die Sowjetunion, ein Versuch, einen großen Sprung nach vorn, aus dem Mittelalter in die Neuzeit, mit Versatzstücken aus dem Fundus kommunistischer Theorie zu organisieren und zu kostümieren. Der reale Sozialismus der Chinesen bedeutete, wie der sowjetische, nicht die »Aufhebung« des Kapitalismus, sondern seine Vorbereitung. Er hat Adam Smiths »ursprüngliche Akkumulation« in Gang gesetzt und mit ihr ein Proletariat geschaffen, hat die beiden Gesellschaften an den historischen Punkt geführt, von dem die Westeuropäer und Nordamerikaner Mitte des 19. Jahrhunderts aufgebrochen waren. Was Marx der Revolution im China seiner Zeit hoffnungsfroh angedichtet hatte, hat wohl erst Mao zustande gebracht: »Das Reich des Himmels brach zusammen; die barbarische hermetische Abschließung von der zivilisierten Welt wurde durchbrochen.«

(Exkurs im Exkurs: Es ist dies eine günstige Gelegenheit für uns Kommunisten aller Länder, die wir unsere grauen Zellen so schmerzhaft bemüht haben, den real existierenden Sozialismus trotz alledem und alledem in ein positives Verhältnis zum Kommunistischen Manifest zu setzen, uns nicht länger zum Narren zu machen und uns zuzugeben, daß mit dem, was wir von der Welt wollen, beide Staaten nichts im Sinn hatten und haben, was nicht heißt, ihre ganz anderen Verdienste zu verachten – wie das unsterbliche der UdSSR: den Sieg über Deutschland sowie die Vertreibung der Schlesier und der Sudetendeutschen aus Polen und der Tschechoslowakei.)

Die schiere Größe beider Staaten, ihr Reichtum an Ressourcen aller Art hat sie zu gewichtigen Subjekten der Weltpolitik gemacht – und zu ihren größten Objekten. Zur Weltpolitik, dem Kampf um Märkte und Rohstoffe nämlich, gehört das Bemühen, den Konkurrenten durch die Animation ethnischer oder religiöser Minderheiten zu dezimieren, hier: Tibet zu Chinas Kosovo zu machen, und sein Inneres sich so vorteilhaft wie möglich herzurichten.

Was der alten Weltpolitik ihre Kanonenboote und Expeditionskorps waren, sind der neueren Demokratie Marktwirtschaft und Menschenrechte. Nichts ist um kleineres Geld zu haben als frisch gekürte Manager, Journalisten und Volksvertreter, die noch nicht, wie in alteingesessenen Demokratien, den Herrschenden fest verpflichtet sind. Der Preis der Demokratie, den die westliche Konkurrenz in Jelzins kurzem Frühling aus Rußland herauszuziehen vermochte, wird auf 600 Milliarden Dollar geschätzt. Daß der autoritäre Putin ihnen dieses Menschenrecht entzog, ärgert unsere schreibenden und redenden Weltpolitiker schwarz, grün, rot und gelb. Ohne Putins Kurswechsel hätte Weltbankchef Robert Zoellick jetzt Rußland in seine Liste der von Hungerunruhen erschütterten Staaten aufnehmen dürfen.

Daß ihnen nun noch so ein ungehobelter Apparatschik wie der Hu Jintao in einfachem Hochkinesisch erklärt, die inneren Angelegenheiten seines Landes gingen sie einen Dreck an, läßt die Damen und Herren Menschen des Westens völlig aus der Fassung geraten. Der dabei zu beobachtende Elan der Journalisten ist leicht erklärt: Sie geben sich da einfach den Gesetzen ihrer Syntax hin. Interessanter ist die Frage, warum die Herrschaft ihr Personal sich austoben läßt wie beim Kindergeburtstag. Wollen denn keine Geschäfte gemacht werden?

Das Zauberwort heißt Arbeitsteilung, und also begrüßen, während Medien und Vereine für Weltverbesserung die chinesische Regierung in den Worten ihres Gottesclowns »kulturelle Völkermörder« rufen, die Vorstände und ihre Diplomaten dieselben Leute formvollendet als sehr geehrte Exzellenzen und bedeutende Staatsmänner. Wenn morgen der Verkauf der Industrial and Commercial Bank of China an die Deutsche Bank dran hinge, müßte Kanzlerin Merkel ihren geliebten Herrn Gyatso im Vorzimmer warten lassen, bis er schimmelt.

Hier die Geschäfte, dort die Stimmung, die, wenn’s gut geht, für günstigere Konditionen sorgt, und im schlechteren Fall, wenn nämlich die Erlaubnis, ein Automobilwerk zu bauen, sonst an Daimler vorbeiginge, von der Anzeigenabteilung sehr einsilbig zum Schweigen gebracht wird: »Kusch!« Man hat vielleicht keine Gäule kotzen, gewiß aber, vor der Apotheke und anderen Geschäften, ehrwürdige Redakteure der größten deutschen Blätter den Augusto Pinochet, Athens folternde Obristen und die feschen Generale von der Plaza de Mayo feiern sehn. Hu Jintao eines Tages für den Friedensnobelpreis vorzuschlagen, dazu brauchen die, wenn das Vaterland oder die Tantieme in Not ist, nur eine ihrer zwei rechten Hände.

Wie lange die Dichter und Denker noch aus dem Vollen schäumen dürfen, ist ungewiß. Die Show, die sie auf der Reise der Olympischen Fackel durch Athen, Paris, London und San Francisco als Begleiter einer Hundertschaft tibetischer Wanderrandalierer abziehen konnten, hat den Wechsel auf die südliche Erdhälfte, wo man die Contra zu riechen weiß, nicht überlebt. Irgendwann könnte die chinesische Regierung den Preis nennen, den sie Störern ihres mit vierzig und mehr Milliarden veranschlagten olympischen Geschäfts in Rechnung stellen wird. China, der größte Gläubiger der USA, verfügt über Devisenreserven von 1,4 Billionen Dollar. Daraus läßt sich – für oder gegen den Schuldner, und das heißt: gegen oder für Euro-Deutschland – was machen. Wonach unsere Propheten der freien Weltwirtschaft wohl rufen werden, wenn da jemand diesen Spieß umkehrt und in ihren Speckbauch stößt? Was unsere Freunde des Dalai Lama und der tibetischen Menschenrechte zu den 850 Millionen hungernden Männern, Frauen und Kindern auf der Welt zu sagen haben, ist dagegen bekannt: nichts.

Quelle: Konkret 5/08

Konkret kritische Informationen zur Funktion des Dalai Lama, zum tibetischen Buddhismus, zu den Zuständen im „Alten Tibet“ sowie zur gegenwärtigen Tibet-Unterstützerszene Colin Goldner: Der Schein heiligt die Mittel