PARTEI

(5.5.2008)
Der Sozialphilosoph Oskar Negt über eine Renaissance Marxschen Denkens, alte Wahrheiten und neue Erkenntnisse – Heute vor 190 Jahren wurde Karl Marx in Trier geboren Anlass genug, um über die Aktualität seiner Ideen nachzudenken. Oskar Negt ist davon überzeugt, dass der Schöpfer des »Kapitals« auch für die Gegenwart »auf unheimliche Weise aktuell« bleibt. Der Sozialphilosoph, der 1962 bei Theodor Adorno promovierte und seine akademische Karriere als Assistent von Jürgen Habermas begonnen hatte, beendete 2002 seine Lehrtätigkeit an der Universität Hannover, ist jedoch weiterhin publizistisch sehr aktiv. Zu seinen wichtigsten Buchveröffentlichungen in der Folge gehörten »Kant und Marx. Ein Epochengespräch« (2005), »Modernisierung im Zeichen des Drachen. China und der europäische Mythos der Moderne« (2007), »Achtundsechzig. Politische Intellektuelle und die Macht« (2008) und »Der politische Mensch« (2008). Mit Oskar Negt sprach Adelbert Reif.
ND: »Grüß Gott, da bin ich wieder«, lautet der Titel eines kürzlich erschienenen Bandes über »Karl Marx in der Karikatur«. Ist der Philosoph aus Trier rund 20 Jahre nach dem Ende des Staatssozialismus »wieder da« oder war er gar nicht abwesend?
Negt: In Wirklichkeit war Karl Marx natürlich nie »abwesend«. Man hat ihn verdrängt, weil er mit jenen autoritären und totalitären Staatssystemen identifiziert wurde, die vor 20 Jahren ihren Zusammenbruch erlebten. Heute begreifen immer mehr Menschen, dass diese untergegangenen Staatssysteme nicht die Marxsche Vision von Sozialismus auf den Weg brachten, sondern etwas ganz Anderes, dieser Vision Gegenläufiges.
Wo sehen Sie die Hauptgründe für das wiedererwachte Interesse am Marxschen Denken?
In erster Linie ist es die Form des Kapitalismus, mit der wir es heute zu tun haben. Was gegenwärtig stattfindet, ist eine kapitalistische Durchdringung aller Gesellschaftsbereiche in Form der totalen Kommerzialisierung und Privatisierung, auch der Plünderung der öffentlichen Güter der Gesellschaft. Die dem Kapitalismus innewohnende Marktbezogenheit, die es immer gab, unterscheidet sich heute von früheren Formen dadurch, dass ihr keine Barrieren mehr entgegengesetzt werden. Wir erleben eine uneingeschränkte Kapitalisierung und Privatisierung aller Wirtschaftsgüter, so dass man geradezu von einem »Privatisierungswahn« sprechen kann.
Zum ersten Mal funktioniert das Kapital so, wie Marx es in seinem berühmten Werk »Das Kapital« beschrieb und wie man es auch im »Kommunistischen Manifest« und in den Marxschen Frühschriften nachlesen kann: Es floriert global ohne irgendwelche Blockierungen. Die Globalisierung besteht eben nicht darin, dass ganz neue Strukturen des Kapitals entstanden, sondern dass sich das Kapital in der Welt absolut frei bewegt. Damit verbunden ist eine ungeheure Polarisierung zwischen Arm und Reich, zwischen Wirtschaftszentren und Peripherien, die veröden. In dieser Situation erkennen immer mehr Menschen, dass der »neue Kapitalismus« die Wiederherstellung alter Schichten- und Klassenverhältnisse bedeutet, wobei niemand mehr auf den totalitären Kommunismus »im Osten« als Abgrenzungsrealität verweisen kann.
Würden Sie sagen, dass das Denken von Karl Marx nach seiner Befreiung aus den Fesseln staats- und parteiideologischer Instrumentalisierung überhaupt erst die ihm innewohnende Wirkungsmächtigkeit beweisen kann?
Die Marxsche Denkweise war dadurch blockiert, dass ihre Gegner immer auf Vorgänge verweisen konnten, die sie in den Augen der Welt diskreditieren sollten. Ich denke dabei an die von Stalin inszenierten Schauprozesse in der Sowjetunion und später in anderen Ostblockstaaten. Da stellte sich für viele natürlich die Frage: Ist das Sozialismus? Rudolf Bahro, von dem der Begriff »real existierender Sozialismus« stammt, sprach auch von »Protosozialismus«. Das war ebenfalls eine Übertreibung. Es handelte sich schlicht um autoritäre Regime, die die bürgerlichen Freiheiten, die Marx in eine sozialistische Gesellschaft einbringen wollte, liquidierten.
Insofern könnte ich mir vorstellen, dass ein freierer Umgang mit der Marxschen Denkweise heute größere Chancen hätte als noch vor 20 oder 30 Jahren. Es ist nicht mehr notwendig, diese Denkweise zu dogmatisieren, sondern es käme darauf an, andere Denkanstöße etwa von Max Weber, der sehr viel über Macht- und Herrschaftsstrukturen nachdachte, oder von Adorno und Horkheimer in den Marxschen Ansatz des Humanismus mit einzubeziehen.
Immerhin haben inzwischen Elemente des Marxschen Denkens auch schon kritische Einzelpersönlichkeiten der CDU erreicht …
Sie brauchen sich nur eine Rede von Heiner Geißler anzuhören. Linker kann man nicht sein. Und wenn sich Sozialwissenschaftler wie der verstorbene Oswald von Nell-Breuning oder Friedhelm Hengsbach, beide Jesuiten, auch auf die Katholische Soziallehre beziehen, so haben wir es doch bei den von ihnen entwickelten theoretischen Überlegungen mit antikapitalistischen Strategien zu tun, die zum Teil viel radikaler sind als die sozialdemokratischen Traditionen. Insofern kann ich mich mit einem Mann wie Friedhelm Hengsbach direkter verständigen als mit vielen Sozialdemokraten.
Sowohl zu seinen Lebzeiten und erst recht nach seinem Tod war das Denken von Marx beständiger Kritik ausgesetzt. Wo war die Kritik an Marx berechtigt?
Berechtigt ist die Kritik darin, dass Marx ein zu starkes Vertrauen in die emanzipative Funktion der Produktivkräfte hatte, einschließlich der technischen Entwicklung. Diese Konstruktion von Produktivkräften und Produktionsverhältnissen, die ein sprengendes Element enthalten sollte, bewahrheitete sich nicht, sondern die Produktivkräfte erzeugten ihre eigenen Produktionsverhältnisse. Adorno verwies sehr früh auf den Widerspruch zwischen entfalteten Produktivkräften und traditionellen Eigentums- und Produktionsverhältnissen. Diese Kritik an Marx gehörte zum Bestandteil des so genannten »westlichen Marxismus«, wie er etwa von Maurice Merleau-Ponty in Frankreich oder Karl Korsch in Deutschland vertreten wurde.
Inwieweit hat »Das Kapital« die Zeiten überstanden?
»Das Kapital« ist aktuell geblieben. Die Frage lautet heute, ob es sich eine Gesellschaft leisten kann, bloßes Anhängsel der Marktgesetze zu sein. Ich sehe die Gefahr darin, dass unsere gegenwärtige Gesellschaft schlicht nach der Logik des Marktes konstruiert ist und das gefährdet, wie wir wissen, den Zusammenhalt von Gesellschaften.
Vor allen Dingen produziert eine solche Entwicklung und das ist ein Schwachpunkt bei Marx einen anderen politischen Zusammenhang. Natürlich kann man nach wie vor sagen, der Staat sei ein gemeinsames Konstrukt der herrschenden Klasse. Aber diese Formulierung ist irgendwie zur Phrase heruntergekommen.
Andererseits bestehen dort, wo die Marktgesetze völlig frei agieren können, große Gefahren für politisch-demokratische Strukturen. Denn bürgerliche Gesellschaft und Kapitalismus sind nicht miteinander identisch. Schließlich hat die bürgerliche Gesellschaft mit ihren Gesetzen auch die Menschen- und Bürgerrechte gegen die Verabsolutierung des Marktes institutionalisiert. Wenn nun aber diese Menschen- und Bürgerrechte immer weiter abgebaut werden, ist der Kapitalismus praktisch mit jeder Diktatur und jedem autoritären System verknüpfbar.
Hans Magnus Enzensberger sagte einmal: »Über den alten Marx kann man denken, was man will, aber seine Analyse, seine Prognose der Globalisierung war genial.«
Das trifft durchaus zu. Das Wesen der kapitalistischen Expansion liegt für Marx in der Kapitallogik selbst. Es handelt sich also nicht um etwas, was dem Kapital hinzugefügt ist. Gegenüber den Äußerungen des »Kommunistischen Manifests«, in dem Marx schreibt, das Kapital setzte sich überall dort in der Welt fest, wo es sich festsetzen könne, besteht das Neue an der modernen Globalisierung gerade darin, dass ihm das heute auch realiter möglich ist. Selbstverständlich kann man eine Analyse der heutigen Weltverhältnisse nicht ausschließlich mit Marxschen Thesen bestreiten. Was allerdings zur Zeit auf dem Bankensektor geschieht, ist sehr gut mit Marxschen Kategorien fassbar.
Nach Marx gibt es so etwas wie eine »reale Abstraktion« des Geldes. »Reale Abstraktion« würde bedeuten, dass sich bestimmte Vorgänge von den wirklichen Lebensverhältnissen der Menschen völlig abkoppeln, so als ob sie gar nichts damit zu tun hätten und doch ungeheure Folgen auf diese Verhältnisse haben. Wenn es sich so verhält, wie manche Finanzexperten berechnen, dass auf 250 bis 300 Dollar Devisen- und Finanztransaktionen ein Dollar wirklicher Warenverkehr kommt und damit diese Transaktionen gar nichts mehr mit wirklicher Erzeugung von Gütern und Waren zu tun haben, dann fällt es nicht schwer sich vorzustellen, wie brisant der Zusammenbruch einer großen Bank ist. Das hat erst vor kurzem der Chef der Deutschen Bank, Josef Ackermann, mit seinem Ruf nach Stützung durch den Staat im Notfall das heißt, wenn die Blase platzt deutlich gemacht. Insofern gibt es Elemente bei Marx, die man zu Hilfe nehmen könnte, um die Analyse der gegenwärtigen Globalisierungsverhältnisse zu schärfen.
Aber taugt das von Marx im 19. Jahrhundert erarbeitete Klassenkonzept noch zur Analyse der heutigen Gesellschaft?
In der Frage des Schichtbegriffs und des Klassenbegriffs gibt es schon seit der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg Differenzierungen, die beispielsweise von Ralf Dahrendorf und anderen vorgenommen wurden, ob man »Klasse« sagt oder »Schicht«. Heute zeichnet sich allerdings etwas ab, was durchaus auf die Wiederherstellung einer Schicht- und einer Klassenorganisation hinausläuft.
Ich habe das Gefühl, dass wir tendenziell in einer Drittelung der Gesellschaft leben, insbesondere in den entwickelten Gesellschaften: Nur etwa ein Drittel der Menschen fühlt sich unter den gegebenen Bedingungen in die Gesellschaft integriert, gehört in gewisser Weise zur »Oberklasse« oder zur »herrschenden Klasse« immerhin werden auch diese Begriffe wieder benutzt, selbst von der »FAZ«. Die unterdrückte Klasse ist heute viel breiter und umfasst nicht mehr nur das Industrieproletariat wie noch bei Marx. Dass die revolutionäre Substanz beim Industrieproletariat liegt, kann man so nicht mehr sagen.
Für mich sind heute die Fragestellungen wichtiger als die Antworten. Dazu zählen etwa: Wie sieht die Welt von morgen aus? Wie sieht die Gesellschaft von morgen aus? Durch das Studium von Marx lässt sich da noch einmal vieles aufnehmen. Dabei spielen in meiner Denkweise zwei Figuren eine zentrale Rolle, und zwar neben Marx auch Kant. Ich lege großes Gewicht auf die moralische Seite und die Erörterung jener Fragestellungen, die mit der Analyse der Gesellschaft zu tun haben. Die Frage »Was kann ich wissen?« ist sicher auf der Seite von Marx angesiedelt und fragt nach den gesellschaftlichen Bedingungen und Zusammenhängen unseres Lebens. Aber die Frage »Was soll ich tun?« ist der zweite entscheidende Punkt. In dieser Richtung, in diesen Zusammenhängen weiter zu denken, halte ich für außerordentlich produktiv.
Quelle: nd-online