KOMMUNISTISCHE PARTEI ÖSTERREICHS

Der Weg in den Tod.

Von Werner Herbert, Volksstimme (15.2.2009)

Ein dokumentarischer Bericht zum 50. Todestag Jura Soyfers von Werner Herbert erstmals veröffentlicht am 12. Februar 1989 in der Tageszeitung „Volksstimme“

Im Totenbuch des KZ Buchenwald findet sich folgende banale Eintragung zum Tode Jura Soyfers: „Vorfall. Am 16. Februar 1939 um 18.50 Uhr an Bauchtyphus (Typhus abdominalis) verstorben“. Warum Soyfer tatsächlich sterben mußte, wer für seinen Tod verantwortlich war, das untersucht der Artikel an Hand von Dokumenten und Aussagen von Zeitzeugen. Die Materialien wurden der Dissertation von Herbert Arlt (Jura Soyfer- eine literaturhisto­rische Studie, Salzburg, 1988) entnommen.

Der Leidensweg Jura Soyfers begann mit seiner Verhaftung am 17. November 1937 auf offener Straße.Über die Gründe der Verhaftung heißt es in einem Schreiben der Bundespolizei­direktion Wien an die Staatsanwaltschaft Wien I:

„Die Bundespolizei­direktion brachte vor kurzem in Erfahrung, daß (!) sich der Schriftsteller Juri Soyfer (am 8. Dezember1912 in Charkow, Rußland (!) geboren, nach Baden bei Wien zuständig, mosaisch, ledig), in Wien VII, Lindengasse 41 wohnhaft, für die Kommunistische Partei betätige. Bei einer kurze Zeit (!) hindurch durchgeführten Beobachtung des Genannten wurde festgestellt, daß er mehrmals mit bekannten Kommunisten, wie der vor einigen Wochen nach Amerika ausgewanderten, wegen kommunstischer Betätigung vorbestraften Marika Szeczi (!), mit der derzeit in der Tschechoslowakei befindlichen Kommunistin Eva Priester, der Freundin des wegen Hochverrats kurrendierten Jenö Kostman, zusammentraf.“

Der Polizeipräsident verfügte am 20. November 1937 eine Anhaltehaft mit der Dauer von drei Monaten. Nach schleppenden Untersuchungen, die die gewünschten Beweise nicht zutage bringen, wird Soyfer trotzdem am 10. Dezember 1937 an die Gefangenenhau­sverwaltung des Landesgerichtes für Strafsachen Wien I übergeben.

BEDROHUNG UND GEGENWEHR

Auch seine damalige Freundin Helene Ultmann, in deren Wohnung „kommunistisches Material“ gefunden worden war, wurde verhaftet. Obwohl versucht wurde, ihnen politische Delikte zur Last zu legen, wurden beide in Zellen gesperrt, die sie mit Kriminellen zu teilen hatten. Von der Staatsanwaltschaft Wien I wurde versucht, Soyfer mit anderen Fällen in Verbindung zu bringen und das Verfahren in Schwebe zu halten. Am 17. Februar 1938 kommt er im Zuge einer „Amnestie wegen politischer Delikte“ frei.

Soyfer wird in einer Zeit entlassen, in der sich die Situation in Österreich bereits dramatisch zugespitzt hat. In einem Brief an Mitja und Marika Rapoport schreibt er am 21. Februar 1938: „Die Arbeiterschaft hat auf die letzten Ereignisse (das „Berchtesgadner Abkommen“ vom 12 Februar 1938 – W.H.) sehr lebhaft reagiert. Die Wiener Vertrauensleute, die Linzer und die Klagenfurter Arbeiterkammer haben Resolutionen für die Unabhängigkeit Österreichs beschlossen;… Es gab Streiks; Fiat, Saurer, Siemens-Schuckert, Provinz. Die vorigen Wochen, also die Zeit bis zum Februar, waren von erfreulichen Verständigungsver­suchen erfüllt: Eine Demokratisierung der SAG (Soziale Arbeitsgemeinschaft der Vaterländischen Front – W.H.) stand bevor, die Frage eines partiellen allgemeinen Wahlrechts…wurde ventiliert, anderseits war die illegale Nazizentrale in der Teinfaltstraße ausgehoben worden… Vielleicht wird die Linie der Heranziehung der Arbeiterschaf­t…fortgesetzt werden, da sie ja das einzige Gegengewicht bilden kann“

Die Bemühungen der Kommunisten und anderer auf die Unabhängigkeit Österreichs bedachte Kräfte scheiterten an der Haltung der Austrofaschisten. Am 12. März 1938 um 5.30 Uhr begann die gewaltsame Besetzung Österreichs mit dem vereinzelten Grenzübertritt der Truppen des faschistischen Deutschland. Wie weit der österreichische Staatsapparat bis zu diesem Zeitpunkt bereits mit illegalen Nazi durchsetzt war, zeigt eine Passage aus der „Chronik des Hauptzollamtes Feldkirch“.

DIE BESETZUNG ÖSTERREICHS

Am 11. März um 18 Uhr kam an die Finanzlandesdi­rektion Feldkirch vom Finanzministerium in Wien eine fernmündliche Nachricht: „Wegen der zu erwartenden Abwanderung von Juden und anderen Persönlichkeiten werden der Finanzlandesdi­rektion 78 Probedienstle­iter der aufgelassenen Zollwachlehrkurse in Salzburg und Innsbruck zur Verstärkung der Grenze gegen Liechtenstein und die Schweiz zugewiesen,“

…Knappe zwei Stunden später ging der Schwanengesang des abtretenden Bundeskanzlers Schuschnigg über den Äther. Im Anschluß daran gab nach kurzer Sendepause Dr. Seyß-Inquart, der Minister des Inneren, auf dem gleichen Wege den Gliederungen der NSDAP Österreichs die Anweisung, die öffentlichen Dienststellen zu unterstützen.

Zu dieser Zeit suchten Soyfer und seine Freunde nach Wegen über die Grenze. Soyfers Pass war abgelaufen. Er hat ihn zu spät wiederbekommen, so daß er nicht verlängert werden konnte. Deshalb versuchte er mit seinem Freund Dr. Hugo Ebner auf Skiern in die Schweiz zugelangen. Sie wurden am 13.März von Grenzern verhaftet, die noch keinen Diensteid auf das faschistische Deutschland geleistet hatten. Von der Staatspolizei Vorarlberg wurde „Schutzhaft“ angeordnet. In den Bestimmungen zur Schutzhaft hieß es: „Paragraph I: Zulässigkeit. Die Schutzhaft kann als Zwangsmaßnahme der geheimen Staatspolizei … angeordnet werden. Die Schutzhaft darf nicht zu Strafzwecken oder als Ersatz für Strafhaft angeordnet werden. Strafbare Handlungen sind durch die Gerichte abzuurteilen.“

Aus der Verlängerung der „Schutzhaft“ ist daher zu schließen, daß Soyfer als politischer Gegner eingestuft wurde. In einer Aktennotiz findet sich die Bemerkung: „Vorstrafen: 1. Verdacht der komm(unistischen Betä(tigun)g.

IM GEFÄNGNIS

Über den Gemeindekotter in Sankt Gallenbach und das Gefängnis in Bludenz kamen Soyfer und Ebner nach Feldkirch. Im Gefängnis trafen sie auf Max Hoffenberg, der Soyfer aus der Zeit in Wien kannte, als sich Soyfer an der Schulungsarbeit der illegalen KPÖ beteiligte.Am 3. Juni wurden sie nach Innsbruck verlegt. In den Zellen des Innsbrucker Gefängnisses befanden sich nicht nur Sozialdemoraten und Kommunisten. Auch Prominente der Vaterländischen Front waren eingeliefert worden. Darunter nach einem Bericht von Fritz Lauscher Gefängnisdirek­toren, Polizisten und nahezu die gesamte Polizeidirektion Innsbruck. Was sie erwartete, ahnten sie nach den Aussagen von Max Hoffenberg erst, als der Transport ins KZ Dachau begann.

„Am 23. Juni. Da schauen wir beim Fenster runter, Steht unten die Totenkopfbrigade von der SS. Verfügungstrup­pen..Und wie wir die gesehen haben, da haben wir gewußt…Alle Illusionen können wir jetzt einpacken. Die Gesichter von den Leuten, das ganze Gehabe, das war so feindlich, alles auf Gewalt, daß es uns kalt über den Rücken gegangen ist.“

Mit Eisenbahnwaggons wurden die Häftlinge nach München gebracht. Hoffenberg erzählt: „In München wurden wir in Güterwaggons gezwängt. Dort gab es auch die ersten Prügel. In Dachau trieb man uns mit Kolbenschlägen aus den Waggons. Dann marschierten wir ins Lager, dessen Tor die zynischeAufschrift trug: „ Arbeit macht frei.“

Nun beginnt die Zeit in den Händen der deutschen Faschisten. Über ihren ausgeklügelten Terrorapparat vermerkte Günther Weisenborn in seinem Buch „Memorial“: „Diese Justiz ist vollkommen in ihrem komplexen Vernichtungswillen. Ihre drei Stadien sind: erstens die Zerstörung deiner Lebensumstände, zweitens die Auslöschung deiner Persönlichkeit und schließlich drittens die Vernichtung deines Körpers auf irgendeine möglichst billige Weise.“

KZ DACHAU – KZ BUCHENWALD

Doch diesem Vernichtungswillen wurde Widerstand entgegengesetzt. Hoffenberg: „Wir hatten Glück und bekamen als Stubenältesten einen Kommunisten, der schon vier Jahre lang in Dachau war. Seine Belehrungen waren kurz und klar: Solidarität ist alles, doch sie wird von der SS schwer bestraft.“

Auch im Konzentrationslager versuchte Soyfer künstlerisch zu wirken, sein „Dachau-Lied“ zeigt, daß er um die Absicht der Faschisten wußte, die Persönlichkeit der Häftlinge auszulöschen, sie als Menschen zu zerbrechen. Er schrieb: „Doch wir haben die Losung von Dachau gelernt, / und wir wurden stahlhart dabei. / Bleib ein Mensch, Kamerad…“

Am 23. September 1938 werden Soyfer und seine Genossen ins KZ Buchenwald verlegt. Aus Häftlingsberichten ist bekannt, daß die Faschisten bereits um diese Zeit eine umfangreiche Terroraktion planen und eine Verlegung neben anderen Maßnahmen zu deren Vorbereitung diente. Auch der Transport nach Buchenwald war von Quälereien begleitet. Die Ankunft in Weimar schildert der ehemalige KZ-Häftling Goldstern folgendermaßen: „Am Bahnsteig stand Buchenwalder SS mit Gewehr aufgestellt, die uns antrieb und gleichzeitig Haxl stellte.

Am gegenüberliegenden Bahnsteig stand am nebenstehenden Gleis gerade ein Lokalzug, der abgefertigt wurde. Die Leute, die heraussahen, und auch der abfertigende Bahnhofsvorstand machten entsetztere Gesichter als wir.“

Das Lager in Buchenwald unterschied sich vom KZ Dachau: „War man in Dachau sozusagen in Reinheit geschunden worden, so war in Buchenwald alles schmutzig, improvisiert. Es gab keine geregelten Arbeitszeiten. Wir arbeiteten bis 23, 24 Uhr.

Auch in Buchenwald wird Widerstand geleistet. Soyfer arbeitet gemeinsam mit dem deutschen Kommunisten Rudi Arndt (porträtiert in dem Buch „Die erste Reihe“ von Stephan Hermlin) für die illegaleLager­widerstandsor­ganisation. Zum Widerstand gehören kulturelle Veranstaltungen. Über ein Stück, das Soyfer für ein illegal im KZ arbeitendes Kabarett schrieb, berichtet Curt Ponger:

„Er machte sich über das Lager, die SS und den Nationalsozialismus lustig. Der Inhalt war, daß ein Häftling aus Buchenwald sich so an das Lagerleben gewöhnt hatte, daß er sich nach seiner Entlassung im Nazideutschland nicht mehr zurechtfand und sich nach dem „schönen“ Leben im Lager zurücksehnte“. Die Rolle des Häftlings hatte der bekannte österreichische Kabarettist Fritz Grünbaum übernommen.

Soyfer setzte in diesem wie in anderen Fällen Komik als Mittel gegen Versuche ein, ihn und seine Kameraden menschlich zu zerbrechen. Dadurch wurde die Komik auch zu einer Waffe des Widerstands.

DER VERHINDERBARE TOD

Im November 1938 inszenierten die Faschisten die schon lange vorbereitete Terroraktion, die Pogromnacht. 9149 jüdische Männer im Alter zwischen 16 und 60 Jahren wurden ins KZ Buchenwald eingeliefert. Emil Carlebach über den „Empfang“: „Bei ihrem Einmarsch stand die SS, mit Knüppeln und Peitschen bewaffnet, Spalier, so daß nur wenige unverletzt das Lager erreichten. Die von blutigen Gepäcks- und Kleidungsstücken bedeckte Straße, auf der zahlreiche Verwundete lagen, glich einem Schlachtfeld.

Die Überfüllung des Lagers, die elenden sanitären Verhältnisse führten zu einer Typhusepidemie im Winter 1938/39. Kurt Mellach berichtet über diese Zeit: „Im Jänner 1939 wurde ich dem Leichenträger­kommando zugeteilt. In dem Waschraum der Krankenbaracke , in einem engen, braun gefliesten Raum, der als Leichenkammer diente, lernte ich meine Kollegen kennen. Einer der jungen Häftlinge. der auf einer neben dem auf dem Boden liegenden nackten Leichen abgestellten Bahre saß, war Jura Soyfer, der Dichter einiger der besten Gedichte der österreichischen Literatur.“

Mit bloßen Händen, ohne die Möglichkeit, sich zu waschen, mußten die Häftlinge ihre Arbeit verrichten. Ansteckung war unvermeidlich. Auch Soyfer erkrankte, kam ins Revier, für ihn gab es keine Medikamente. Mellach über die „medizinische Betreuung“: „Der SS-Arzt ging dann und wann einmal durch die Baracke. Einmal ließ er dem Häftling, der Pfleger war, die Füße der Kranken aufdecken und ordnete an, daß den Häftlingen die Füße gewaschen werden, weil ihn die dreckigen Füße beim Sezieren störten. Juras Augen funkelten, und ich fühlte, wie diese Worte des SS-Arztes sich eingruben in das Herz des Dichters…“

Von den politischen Häftlingen der Schreibstube war Soyfer die Nachricht übermittelt worden, daß er entlassen werden sollte. Sie hofften, durch diese Nachricht seinen Lebenswillen zu stärken und versuchten auch in anderer Weise, zu seiner Genesung beizutragen. Doch die Lebensfeindlichkeit des Konzentration­slagers war stärker.