KOMMUNISTISCHE PARTEI ÖSTERREICHS

Kein „Weltanschauungskrieg“ – ein Raub- und Vernichtungskrieg

Bild: nd-online

Von Winfried R. Garscha (21.6.2011)

Zum 70. Jahrestag des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion

Die Fakten sind bekannt: In der Nacht zum 22. Juni 1941 überfiel Hitler-Deutschland mit einer Armee von drei Millionen eigenen Soldaten und 600.000 Angehörigen von Hilfstruppen aus Ungarn, Rumänien, der Slowakei, Italien und Finnland ohne Kriegserklärung und trotz fortdauernder Gültigkeit des deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakts von 1939 die UdSSR. Der Angriff traf die Sowjetunion nicht unvorbereitet – allein die 17.000 Eisenbah­nzüge, die deutsche Truppen, Waffen, Panzer, Geschütze und Versorgungsmaterial in den Wochen zuvor in Grenznähe gebracht hatten, konnte nicht geheim bleiben. Dennoch gelang des dem Aggressor, bereits in den ersten Stunden des Angriffs die sowjetische Luftwaffe großteils am Boden zu zerstören und binnen weniger Tage riesige Gebietsgewinne zu erzielen; in den ersten Monaten gerieten drei Millionen sowjetische Soldaten in deutsche Kriegsgefangen­schaft. Auch wenn immer noch durch westliche Medien die Mär vom deutschen „Präventivschlag“ geistert, wonach Hitler angeblich nur einem Angriff Stalins zuvorgekommen sei, so sprechen diese Zahlen doch eine mehr als deutliche Sprache.

Die Ursachen für das Desaster sind vielfältig, und sie wurden in der Sowjetunion nicht erst unter Gorbatschow kontrovers diskutiert. Die Katastrophe des 22. Juni war eines der zentralen Themen sowjetischer Romane und der militärgeschichtlichen Memoirenliteratur. Unbestritten ist, dass sich als besonders hemmend für die Vorbereitung wirksamer Abwehrmaßnahmen das blinde Vertrauen der militärischen Kommandostellen in Stalins Fähigkeit, durch diplomatische Kunststücke den Krieg um ein weiteres Jahr hinauszögern zu können, auswirkte. Dazu kam, dass die sowjetischen Soldaten unter der Anleitung von teilweise noch ungenügend ausgebildeten Kommandeuren kämpften, denn die Rote Armee war vier Jahre zuvor von Stalin praktisch geköpft worden – sie hatte durch die mörderischen „Säuberungen“ 1937/38 nicht nur fast die gesamte Führung, sondern auch 40.000 Offiziere verloren, die großteils in Lager gesperrt und teilweise erschossen wurden.

Unbestritten ist aber auch nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion, dass die Organisierung des Gegenschlags, der – wenn auch unter entsetzlichen Verlusten – die Deutsche Wehrmacht in den Vororten von Moskau stoppte und schließlich, 14 Monate später, in Stalingrad die endgültige Wende des Krieges brachte, die politische Leistung Stalins darstellte. Das ist auch einer der Gründe für die außerhalb Russlands meist unverstandene fortwährende Popularität des Diktators insbesondere in der älteren Generation.

Nach jahrzehntelanger Leugnung wurde in den 1980er und 1990er Jahren auch in Deutschland und Österreich von der Mehrheit der Bevölkerung – soweit sie sich mit solchen Themen überhaupt beschäftigt – die Tatsache zur Kenntnis genommen, dass der Überfall auf die Sowjetunion von bisher nie dagewesenen Massenvernichtun­gsverbrechen begleitet war, und dass diese nicht nur von den Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei und des Sicherheitsdienstes des Reichsführers SS begangen wurden, sondern dass auch Wehrmachtssoldaten in großem Umfang an diesen Verbrechen beteiligt waren.

In der politischen Diskussion war bis dahin versucht worden, die besondere Grausamkeit dieses Krieges auf beide Seiten gleichmäßig zu verteilen und mit der „totalitären“ Ideologie Hitlers und Stalins zu „erklären“. Dies reichte zur Begründung, um den Krieg an der Ostfront zum „Weltanschauun­gskrieg“ umzudichten. Einen Anknüpfungspunkt hierfür bot Hitlers Instruktion an den Chef des Wehrmachtführun­gsstabes im Oberkommando der Wehrmacht, Alfred Jodl, der im Kriegstagebuch des OKW (Bd. 1, S. 341, Eintrag vom 3.3.1941) die „Richtlinien des Führers“ für den Krieg gegen die UdSSR folgendermaßen festhielt: „Dieser kommende Feldzug ist mehr als nur ein Kampf der Waffen; er führt auch zur Auseinandersetzung zweier Weltanschauungen.“ In Hunderten von Schulbüchern und populärwissen­schaftlichen Darstellungen konnte man lesen, der Krieg sei in erster Linie aus „ideologischen Gründen“ geführt worden, wobei immer wieder betont wurde, dass die Sowjetunion die Rotkreuzabkommen nicht unterzeichnet hätte und daher beide Seiten glaubten, sich nicht ans Kriegsvölkerrecht halten zu müssen.

Rätselhaft bleibt bei einer solchen Charakterisierung des „Unternehmens Barbarossa“ (wie Hitler selbst den Krieg gegen die Sowjetunion nannte), warum der Krieg zweier Ideologien zur Folge hat, dass dem Aggressor nichts Anderes übrig bleibt, als die in Gefangenschaft geratenen Soldaten der Gegenseite zu Millionen verhungern zu lassen, die jüdischen EinwohnerInnen der eroberten Städte und Dörfer zu Hunderttausenden zu erschießen (nach der Einnahme von Kiew durch die Deutsche Wehrmacht ermordeten deutsche Polizisten von der Einsatzgruppe C mit Unterstützung der Wehrmacht in der Schlucht von Babij Jar innerhalb von zwei Tagen mehr als 33.000 Menschen), die Kranken- und Waisenhäuser in den eroberten Gebieten nach „unnützen Essern“, das waren in erster Linie psychisch Kranke, zu durchkämmen, um sie umzubringen.

Der Begriff „Weltanschauun­gskrieg“ ist ein Relikt der – in jüngster Zeit wieder ausgegrabenen – Totalitarismus­theorie, wonach Nationalsozia­lismus/Faschis­mus und Kommunismus gleichermaßen verbrecherische Regimes seien, weshalb eine militärische Auseinandersetzung zwischen ihnen eben anders verlaufe als zwischen „normalen“ Armeen. Auch hierfür bot ein Ausspruch Hitlers einen Anknüpfungspunkt. Am 30. März 1941 hatte er die Wehrmachtsgeneräle auf die Besonderheiten der Kriegsführung gegen die UdSSR vorbereitet: „Wir müssen vom Standpunkt des soldatischen Kameradentums abrücken. Der Kommunist ist vorher kein Kamerad und hinterher kein Kamerad. Es handelt sich um einen Vernichtungskampf.“

Die seit den 1980er Jahren intensivierte Holocaust-Forschung hat die Rolle des Überfalls auf die Sowjetunion für die Ingangsetzung des Völkermords herausgearbeitet. Noch bevor mit dem Einsatz von Gaswägen und der Installation der ersten Gaskammern in den eigens hierfür eingerichteten Vernichtungslagern der industrialisierte Massenord begann, brachten die im Gefolge der Wehrmacht in die eroberten Gebiete nachgerückten Einsatzgruppen mehrere hunderttausend Jüdinnen und Juden auf eine ganz traditionelle Weise um: Durch Erschießen. Das bereits bei der Ermordung psychisch Kranker in den Anstalten im Reichsgebiet bewährte Giftgas kam vor allem deshalb zum Einsatz, weil die NS-Führung den Angehörigen der Einsatzkommandos die psychische Belastung der Massenerschießungen nicht mehr zumuten wollte und die Ermordung mittels Gas und anschließende Verbrennung auf Gitterrosten oder in Krematoriumsöfen eine Effizienzsteigerung der Mordmaschinerie versprach.

Insofern war der Krieg gegen die Sowjetunion von Anbeginn auch ein Vernichtungskrieg, und die Ermordung der Jüdinnen und Juden sowie der kranken Insassen der Anstalten sollte nur der erste Schritt zu einem noch viel weiter reichenden Konzept sein, dem die NS-Machthaber die Bezeichnung „Generalplan Ost“ gaben, der die „Ausdünnung“ der slawischen Bevölkerung Osteuropas durch Ermordung und Vertreibung sowie teilweise „Umvolkung“ (indem „arisch“ aussehende Kinder den Eltern weggenommen und „deutsch“ erzogen wurden) vorsah. Die fruchtbarsten Gebiete sollten von deutschen Siedlern kolonisiert werden.

Doch schon vorher entwickelte Görings Vierjahresplan­behörde einen „Hungerplan“, demzufolge deutsche Besatzungsbehörden in den zu erobernden Gebieten mehrere Millionen Menschen verhungern lassen sollten, um die Ernten zur Versorgung der deutschen Bevölkerung zu verwenden. Im Nürnberger Kriegsverbrecher­prozess wurde eine Aktennotiz einer Besprechung von Staatssekretären mit Wehrmachtsoffi­zieren am 2. Mai 1941 vorgelegt, wonach die Landwirtschaft in den zu erobernden Gebieten so zu organisieren sei, dass ab dem 3. Kriegsjahr (also ab 1942) die gesamte Wehrmacht aus Russland ernährt werden könne. Den Teilnehmern der Besprechung war klar, dass „zweifellos zig Millionen Menschen verhungern, wenn von uns das für uns Notwendige aus dem Lande herausgeholt wird“ (IMT-Protokoll, Bd. 31, S. 84, Dokument 2718-PS).

Geraubt wurden aber nicht nur Nahrungsmittel, sondern auch Menschen. „Ostarbeiter“ und „Ostarbeiterinnen“ wurden zu Millionen nach Deutschland verschleppt, um in der Rüstungsindustrie und in der Landwirtschaft Zwangsarbeit zu leisten; viele meldeten sich freiwillig, um dem Hungertod in der Heimat zu entgehen.

Die ausschließliche Konzentration auf den Aspekt der Vernichtung verstellt den Blick auf Raub und Eroberung, die ebenfalls Teil der deutschen Kriegsführung waren. Mit der starken Betonung des Zusammenhangs zwischen der Kriegsführung der Deutschen Wehrmacht in der Sowjetunion und dem Massenmord an den Jüdinnen und Juden hat die internationale Holocaustforschung aber einen wichtigen Beitrag geleistet, um die Besonderheit der deutschen Kriegsführung im Osten (und auf dem Balkan) ins Bewusstsein zu rücken.

Mit dem Überfall auf die Sowjetunion hoffte die Nazi-Führung, ihren Weltherrschaf­tsplänen einen entscheidenden Schritt näher zu kommen.

Dass es der Sowjetunion gelang, den Aggressor zurückzuschlagen und – gemeinsam mit den USA und Großbritannien – Hitler-Deutschland niederzuringen, hat dem Großteil der Bevölkerung Europas das ihnen von den nationalsozia­listischen „Grossraum-Planern“ zugedachte Sklavenschicksal erspart.

Frühere Texte von Winfried R. Garscha zum Thema:

<link http://www.kpoe.at/…-1941/2.html _self>Die Sowjetunion am 22. Juni 1941 „Weg und Ziel“ (WUZ); Nr. 6/1991