KOMMUNISTISCHE PARTEI ÖSTERREICHS

Betrifft: Kollektivvertrag Pflege

(4.10.2011)

Michaela Molnar ist im Pflegebereich tätig – im folgenden veröffentlichen wir einen von ihr verfassten offnen Brief:

Sehr geehrte Gewerkschaftver­treterInnen,

in Anbetracht der gerade begonnenen Kollektivvertrag­sverhandlungen möchte ich als Beschäftigte im Bereich Pflege folgendes zu bedenken geben: Wie Ihnen sicher bekannt ist, wird aufgrund der demografischen Entwicklung künftig steigender Bedarf an Pflegekräften – vor allem im Mobilen Sektor – bestehen. Die Rahmenbedingungen in der Pflege bezüglich der Vereinbarkeit von Beruf und Familie sind in der Regel katastrophal. Das Einkommen liegt weit unter dem Durchschnittse­inkommen, ÖsterreicherInnen finden sich aufgrund der von der Politik mitverursachten katastrophalen Arbeitsbedingungen kaum in Pflegeberufen. Dieser Beruf ist keinesfalls jungen Menschen zu empfehlen, weil die Anforderungen mit der finanziellen Entgeltung keineswegs korrelieren. Die Argumentation, dass die Arbeit einer DGKS eben Schwerarbeit inkludiert, ist mit ein Grund, weswegen laut Gewerkschaftsver­treter kaum Extra-Zulagen geltend gemacht werden.

Der neue BAGS-Kollektivvertrag erlaubt Sonn-und Feiertagszuschläge von 60 Prozent, wo früher 100 Prozent bezahlt wurden. Die SEG-Zulage in den Vereinen der mobilen Hauskrankenpflege beträgt Euro 0,95 bei 35 Prozent der Stunden, obwohl Menschen in Palliativsituation gepflegt werden, in Wohnungen ohne Fließwasser, WC und Liften, bei Temperaturen zwischen –20°C und +35°C. (Wieso erhalten Busfahrer, Transportarbeiter, Metall-und Bauarbeiter meist wesentlich höhere SEG-Zulagen als Pflegekräfte – weil sie Männer sind und ihr Einkommen einfach höher zu sein hat?)

Essens-und WC-Pausen für mobile Pflegekräfte sind nicht vorgesehen, die Zeitaufzeichnung erfolgt minutengenau mittels MOCA und raubt der MitarbeiterIn täglich 15 Minuten, die der Verein in einen Wegzeitentopf wirft, aus dem Wegzeiten berechnet werden, die über die 15 Minuten hinausgehen. Damit argumentiert man die Unfähigkeit der Organisation, Mitarbeiterinnen bezirksbezogen einzusetzen, indem man kaum bezirksnahe Sprengel führt. Diese würden im IGS-System laut Ministerium vorgesehen sein; das Wissen darüber ist in den Organisationen noch nicht angelangt. Mitarbeiterinnen in der mobilen Pflege werden von ihren Organisationsle­itungen quer durch Wien gehetzt, was physisch wie psychisch extrem anstrengend ist. Die Fehlkonstruktion des „Fonds Soziales Wien“ tut das Ihre dazu, indem er Verträge nach goodwill vergibt, sodass in verschiedenen Vereinen in Wien, die Hauskrankenpflege anbieten, es für DGKS unattraktiv ist, zu arbeiten, da man in der Regel Pflegehelfertätig­keit verrichtet. DGKS werden in der mobilen Hauskrankenpflege meist zur reinen Körperpflege eingesetzt, da sich in Wien einzig der FSW vorbehält, medizinische Hauskrankenpflege anzubieten.

Arbeitsbeginn in der mobilen Pflege ist in der Regel 6 Uhr morgens, unter besonderen Vereinbarungen ist 7 Uhr möglich. Möchten Sie ihr Kind um 6 Uhr morgens in einer Krippe abgeben oder verlassen Sie sich darauf, dass 6jährige alleine und verlässlich in die Schule gehen, wenn die Eltern außer Haus sind? Und wie, glauben Sie, geht ein 14jähriger freiwillig in die Schule, wenn bereits beide Eltern in der Arbeit sind? Und wie geht es Alleinerziehenden mit diesen Arbeitsbedingungen? Kinder werden abends regelmäßig alleine gelassen, weil in der Regel Mütter in der Pflege auch Abend- und Wochenendschichten zu verrichten haben. Gehen Sie davon aus, dass es immer mehr alleinerziehende Mütter gibt.

In der Pflege sind über 90 Prozent Frauen tätig, vertreten werden diese Frauen in der Regel von Männern, die weder von den Arbeitsbedingungen und schon gar nicht vom Einkommen in der Pflege den blassesten Schimmer haben. Dieses liegt 20 Prozent unter dem Durchschnittse­inkommen, weswegen es Aufgabe der Gewerkschaften wäre, vor allem in diesem Bereich entsprechende Lohnabschlüsse zu erzielen. Gerade auch, weil hier besonders viele Frauen tätig sind, von deren Einkommen ganze Familien (u.a. im Ausland) leben.

Da die Pflege kein Beruf ist, der mit einem Bürojob zu vergleichen ist, ist davon auszugehen, dass man von einem Teilzeiteinkommen leben können muss, so wie auch Lehrkräften ausreichend Freizeit selbstverständlich zugestanden wird. Das Teilzeiteinkommen in der Pflege inklusiver aller Zulagen beträgt 1.100 Euro netto und davon lässt sich schlecht leben.

Damit dieser Beruf in Zukunft massiv aufgewertet wird, müssen nicht nur die Arbeitsbedingungen verbessert werden, sondern vor allem die Gehälter entsprechend angehoben werden. Auch Sie als Entscheidungsträge­rIn, sind nicht davor gefeit, eines Tages ein Pflegefall zu sein und es sollte in Ihrem eigenen Interesse sein, dass diese gesellschaftlich wichtige und wertvolle Arbeit auch anständig entlohnt wird.

Mit freundlichen Grüßen

Michaela Molnar

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