KOMMUNISTISCHE PARTEI ÖSTERREICHS

Eure Armut kotzt sie an

Entsolidarisierung auf hoher Stufe: Massenkonformismus der im besten Fall als "Wegsehen" gestaltet ist – Wegsehen als akzeptable Form unterlassener Hilfeleistung.

(12.1.2011)

Die neue Ausgabe der Studie »Deutsche Zustände« der Universität Bielefeld gibt beängstigende Angaben über die Haltung des Mittelstandes in Deutschland gegenüber Armen, Obdachlosen, … wieder. Wir sollten uns keine Illusionen darüber machen, dass das in Österreich anders liegen würde. Daher lohnt es sich, sich damit auseinanderzu­setzen. Im folgenden ein Artikel aus Jungle World über die Studie:

Seit 2002 belegt die sogenannte Heitmeyer-Studie auf empirischer Grundlage eine zunehmende »gruppenbezogene Menschenfeindlichke­it« im deutschen Durchschnittsbe­wusstsein. Der neuesten Studie zufolge macht sich nun auch in der sogenannten bürgerlichen beziehungsweise post-bürgerlichen Mitte die Menschenfeindlichke­it auffällig bemerkbar: als ein diffuses Konglomerat aus Ressentiments und dem Wunsch nach Revolte, das sich im Sozialneid von oben ebenso niederschlägt wie im pöbelnden Angriff auf sozial oder als individuell schwächer wahrgenommene Menschen.

Diffus ist dies, insofern »Bürgerlichkeit« im Sinne von Liberalität oder Aufklärung verroht, ihre Konsistenz verliert und sich auf die Zufälligkeit individualisierter Meinung zusammenzieht. Zu diskutieren ist, ob sich eine herrschende Schicht ideologisch neu ausrichtet und ob sich damit ein neuer Begriff des Politischen etabliert, der nicht länger an die alten Formen der Rechtstaatlichkeit und Zivilgesellschaft gekoppelt ist.

»Welche Auswirkung hat das Gefühl der Bedrohung durch die Krise auf Einstellungen zu schwachen Gruppen? Wie steht es um die Solidarität in unserer Gesellschaft, und welche Entwicklung zeichnet sich dabei gerade in den höheren Einkommensgruppen ab? Welches Verständnis von Gerechtigkeit gibt es, wem wird Unterstützung zugebilligt, wem nicht, und welche Auswirkung hat die Ökonomisierung der Gesellschaft für Einstellungen gegenüber schwachen Gruppen?« Das waren die in diesem Jahr im Vordergrund stehenden Fragen der Langzeitstudie »Deutsche Zustände«. Seit 2002 untersucht das Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung (IKG) an der Universität Bielefeld unter der Leitung von Wilhelm Heitmeyer »Ausmaße, Entwicklungen und Ursachen von Vorurteilen gegenüber unterschiedlichen Adressatengruppen«.

In der nunmehr neunten Folge der Untersuchung wurden in diesem Frühsommer 2?000 Personen befragt, wobei diesmal Besser- und Höherverdienende besondere Beachtung fanden. Sie empfinden die gegenwärtige, als »Finanzkrise« wahrgenommene ökonomische Entwicklung als »Bedrohung« für ihren Lebensstandard und reagieren darauf mit einer »aggressiven Stimmung«, die sich schließlich – wie die Studie zeigen kann – zum »Syndrom der gruppenbezogenen Menschenfeindlichke­it« verdichtet. Dieses »Syndrom« bestehe aus zehn Elementen: aus Sexismus, Homophobie, Antisemitismus, Fremdenfeindlichke­it, Rassismus, der Abwertung von Langzeitarbeit­slosen, der Abwertung von Behinderten, der Abwertung von Obdachlosen, Islamfeindlichkeit und der Verteidigung von »Etabliertenvo­rrechten«.

Die Ergebnisse verweisen auf einen veränderten Sozialcharakter im bürgerlichen Milieu, schließlich auf eine drastische Veränderung des Bürgertums selbst. Es werden Vorurteile geäußert, die in ihrer Offenheit dem bürgerlichen Ideal widersprechen; sie dienen unverhohlen »der Besitzstandswah­rung« und der Sicherung von Privilegien. Gerade bei den Besserverdienenden ist die Ansicht verbreitet, »weniger als ihren gerechten Anteil zu erhalten«. Das spiegelt sich darin wieder, dass »Höherverdienende Langzeitarbeitslose mit 50 Prozent deutlich mehr abwerten, als Befragte in niedrigeren Einkommensgruppen dies tun«.

Gekoppelt ist das in den einkommensstarken Schichten mit einer deutlichen Zunahme »rechts populistischer Einstellungen«, für die wiederum eine Abwendung von der parlamentarischen Demokratie und der offiziellen Parteipolitik charakteristisch ist. »Insgesamt ist eine ökonomistische Durchdringung sozialer Verhältnisse zu registrieren. Sie fördert auch den Flexibilitätszwang, um aufzusteigen, zu sichern oder Abstiege zu verhindern. Führt diese Flexibilisierung nicht zum beruflichen Erfolg, hängt damit eine verstärkte Gewaltbilligung und -bereitschaft zusammen«, stellt die Studie fest.

Diese Ökonomisierung liquidiert das Bürgerliche, gleichwohl stützt sich der rücksichtslose Egoismus weiterhin auf Werte und Normen, die noch immer als »bürgerlich« klassifiziert werden. Die Studie spricht hier von »Entsolidarisierung und Abwertung im Namen der Gerechtigkeit«. Gerechtigkeit meint hier nur noch die regel- und rücksichtslose Durchsetzung individueller Interessen. Die Solidarität etwa für Ärmere aufzukündigen, erscheint gerechtfertigt.

So kommt die Studie zu dem Schluss, es mit dem »Problem einer rohen Bürgerlichkeit« zu tun zu haben. Die vermeintlichen gesellschaftlichen Eliten setzen sich nicht nur ökonomisch durch, sondern sie verfügen auch über die geeigneten Mittel, diese neue Mentalität über das Fernsehen, Zeitungen und das Internet in einen Konsens zu verwandeln. Man muss davon ausgehen, dass die zehn Elemente des »Syndroms gruppenbezogener Menschenfeindlichke­it« keine Abweichungen oder Ausnahmen darstellen, sondern zum Durchschnittsbe­wusstsein gehören wie etwa musikalische oder kulinarische Vorlieben, Freizeitinteressen, das Sexualverhalten, Weltanschauungen oder der Aberglaube.

Die Ideologieprodu­zenten, die den »Solidaritätse­inbruch« im Fernsehen und anderenorts befördern, werden in der Studie zwar nicht erwähnt, sind aber bekannt: Peter Sloterdijk und Thilo Sarrazin verbreiten ihre Ansichten unverblümt. Anne Will, Günther Jauch, Katia Saalfrank und anderen obliegt es, die »deutliche Vereisung des sozialen Klimas« mit einer gewissen menschelnden Wärme zu vermitteln. Zugleich exerzieren sie vor, inwiefern die »rohe Bürgerlichkeit« nicht »als Status, sondern als Haltung« zu verstehen ist: Sie ist nicht exklusiv, sondern soll auch von den unteren Schichten übernommen werden, denen die Abwertung eigentlich gilt. Wie gut das funktioniert, macht sich etwa darin bemerkbar, dass bislang kein nennenswerter Widerstand gegen die Verschlechterung des Gesundheitssystems oder gegen Hartz IV entstanden ist.

Hier zeigt sich ein weiteres entscheidendes Element dieser neuen deutschen Mentalität, nämlich ihre reflexive Passivität, für die das Motto gilt: »Ich mache doch gar nichts, ich sage doch bloß!« Auch wenn in der Studie eine signifikante Zunahme der »aggressiven Stimmung« ermittelt wird – »rund 34?Prozent sind zornig« –, äußern sich diese Aggressionen offensichtlich in einer Zurückhaltung, als passives Ressentiment. Zugleich sind die Attacken auf vermeintliche Gegner oder Feinde sehr unspezifisch, variabel und konfus: Es trifft »die Frauen«, »die Faulen«, »die Sozialschma rotzer« oder »die Ausländer« allgemein und zusammenhanglos, das heißt ohne jede Notwendigkeit einer rationalisierten Begründung. Darüber hinaus werden auch hier keine verbindlichen, politischen Standpunkte geäußert, die politische Position bleibt nur eine eigene Meinung.

Passivität meint aber nicht Paralyse, sondern beschreibt einen Handlungsmodus, den Herbert Marcuse für die NS-Gesellschaft als »psychologische Neutralität« zusammengefasst hat: »Die Menschen hassen nicht, noch lassen sie sich von leidenschaftlicher Begeisterung und Entschlossenheit fortreißen, vielmehr ist ihre Haltung durch Sachlichkeit und Gleichgültigkeit bestimmt.« Derzeit gilt ein ähnliches Prinzip: mitmachen, obwohl man sofort beteuern könnte, nicht einverstanden zu sein und eigentlich nicht mitmachen zu wollen. Individuell wiederholt sich der Massenkonformismus im »Wegsehen«. Wegsehen ist die akzeptable Form von unterlassener Hilfeleistung und gehört zur Bagatellisierung von Gewalt. Eingreifendes Handeln wird entweder den Sicherheitsdiensten überlassen oder als voluntaristisches Hilfsversprechen anderen Personen oder Institutionen überantwortet. So wirbt der Hamburger Verkehrsverbund derzeit mit dem Slogan: »Ich drück’ für dich?…?den Notruf, wenn’s brenzlig wir­d.«

Die Passivität findet sich auch im ambivalenten Verhältnis zur Politik. Die Studie diagnostiziert bei den Besser- und Höherverdienenden eine »Demokratieen­tleerung« und ein »gestörtes Verhältnis zur regierenden Politik«. Nichtsdestotrotz wird von den vermeintlichen Eliten mit Volksentscheiden und Demonstrationen wie etwa gegen die Schulreform in Hamburg und dem zugehörigen medialen Spektakel eine außerparlamen­tarische Form des Politischen inszeniert, die als neu bewertet werden muss: »Das Politische« ist zwar noch immer der Kitt, der die Gesellschaft als solche zusammenhält, es verschränkt sich aber mit einem konformen Individualismus. Damit kommt es zu der Situation, dass der Staat zwar das Gewaltmonopol behält, die Gewalt auf individueller Ebene jedoch kulturell, ideologisch und »lebensweltlich« in einer neuen Unmittelbarkeit wie beispielsweise dem Mobbing vorgeführt wird.

Der ohnehin kursierende Vergleich zur Weltwirtschaf­tskrise Ende der zwanziger Jahre drängt sich anhand der Ergebnisse der Studie auf. Wie die Jahre 1924 bis 1928 bedeuteten auch die Jahre 2003 bis 2008 eine Rückkehr zur »Normalität«. Dazu gehörte die Restituierung der »bereits erschütterten Kontinuitätsannahme in der Bevölkerung«, nämlich die »Hoffnung, dass endlich einmal alles so bleiben möge, wie es ist, ein Bedürfnis nach Ruhe, nach stationären Zuständen«, wie es Peter Brückner für den Sozialcharakter der Weimarer Republik formulierte.

Waren es aber damals vor allem die Subalternen und eine im sozialen Aufstieg sich wähnende Angestelltenschicht, deren Sozialcharakter derart geprägt war, so ist es heute ein in seiner ökonomischen Klassenposition völlig verunsichertes Bürgertum. Dieses Bürgertum kann sich für die Bestimmung seines sozialen Status, also seiner repräsentativen Herrschaftspo­sition, nur noch auf vage Formen des symbolischen oder kulturellen Kapitals verlassen ; und auch dieses Kapital unterliegt Distinktionsver­lusten statt Distinktionsge­winnen, zumal das Risiko des materiellen Abstiegs weiter besteht: Mit der Verrohung der Bürgerlichkeit verlieren auch die Reste der bürgerlichen Kultur ihre normative Verbindlichkeit; dasselbe gilt für »Bildung«, »Anstand« und »Manieren«. Derzeit machen also die besserverdienenden Angestellten mobil.

Quelle:

Jungle World, Roger Behrens, 16. 12. 2010

Weitere Links und Kommentare zur Studie:

  • Publikationsliste Wilhelm Heitmeyer auf wikipedia
  • Auf der Seite der Heinrich Böll Stiftung unter: Wege aus dem Dilemma: 

    "Wilhelm Heitmeyer versuchte immer wieder, den insgesamt durchaus pessimistischen Grundton seiner Ausführungen zu konterkarieren, indem er auf Möglichkeiten zum Gegensteuern hinwies. Er selbst sei zum Beispiel dazu übergegangen, Politikern vermehrt Sozialraumanalysen für ihren konkreten Verantwortungsbe­reich vorzulegen, um Ausflüchte zu erschweren. Auf zivilgesellschaf­tlicher und kommunalpolitischer Ebene sei es wichtig, den Kampf gegen den neuen Rechtspopulismus nicht auf die Jugendarbeit zu reduzieren. Gefährliche Wertmuster würden oft gerade von Angehörigen der älteren Generation reproduziert, so Heitmeyer. Es sei auch falsch, Rechte kategorisch auszugrenzen, ohne sich mit ihnen auseinanderzu­setzen.

    Eine weitere Entsolidarisierung der Gesellschaft werde allerdings kaum aufzuhalten sein, wenn die strukturellen Ursachen der Krise nicht verstanden werden, fürchtet Heitmeyer. Die internationale Ökonomisierung gehe seit Jahren mit einem politischen Kontrollverlust einher, der die soziale Integrationsle­istung der Politik immer schwieriger werden lässt. Die Fiskalkrise des Staates habe sich mit der Finanz- und Wirtschaftskrise des letzten Jahres noch einmal erheblich verschärft. Der soziale Frieden in Deutschland werde sich nicht mehr lange durch ein Staatsdefizit erkaufen lassen. Die „leere Regulationsrhe­torik“ der Politik ließ Heitmeyer allerdings befürchten, dass das Platzen einer neuen Finanzblase nur eine Frage der Zeit sei."
  • Deutsche Zustände 2010 in Zahlen – Auf „netz-gegen-nazis.de“
  • Sinkende Zustimmung zur Demokratie hilft den Rechtspopulisten, Zeit.de:
    „Die Studie sieht auch negative Auswirkungen der Wirtschaftskrise auf die Zustimmung zur Demokratie. Das Verhältnis von regierender Politik und gesellschaftlichen Gruppen sei gestört. Der Anteil jener steige, die es für sinnlos halten, sich politisch zu engagieren. 34 Prozent der Befragten bezeichnen sich als zornig, weil sie sich von der Krise bedroht fühlen. Diese "Demokratieen­tleerung“ sei in unruhigen Zeiten gefährlich für die Akzeptanz des demokratischen Systems. Das zeige das zunehmende rechtspopulistische Potential.


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