Manch anderen ist das Grinsen vergangen
Quelle: Wikipedia, MetalGearLiquid - Matt YoheVon Stefan Horvath (10.10.2011)
In den Betrieben verankern und Widerstand organisieren!
Der Prenzlauer Berg in Berlin stöhnt ebenso auf wie Wien-Neubau oder die Langstrasse in Zürich: Der Mastermind hinter den Apple-Produkten iBook, iPhone oder iPod, Steve Jobs, ist tot. Während manche seiner Fans trauern, als wäre das eigene Kind verstorben, wollen wir hier den Fokus auf die Schattenseiten der Erfolgsmarke Apple legen.
Im November 2010 war im Briefverteilzentrum der Deutschen Post in Berlin-Mitte der Betrieb zusammengebrochen. Grund dafür war die Suchanzeige einer Frau in einer Stadtzeitung nach einem Mann Anfang 20 mit Retro-Brille, der in einem Café in Mitte an einem Mac-Book gearbeitet und ihr von seinem neuen Projekt erzählt habe.
Sage und schreibe 13.800 Männer fühlten sich davon angesprochen und antworteten per Post. Das sagt jetzt nicht nur etwas über den Brillengeschmack vieler Berliner aus, sondern deutet bereits ein wenig darauf hin, welchen Kultstatus die Produkte der Firme Apple vor allem bei besser gestellten, kreativen Milieus erreicht haben. Nun finden sich im Internet Fotos aus San Francisco, Sydney oder Beijing, wo Menschen Blumen vor Apple-Stores niederlegen und dem Verstorbenen für das iPhone danken.
Apple und die Werkbank der Welt
Apropos iPhone: Seit der ersten Generation wird das beliebte Mobiltelefon in China produziert, zu Beginn in der Sonderwirtschaftszone Xiamen. Heute lässt Apple das iPhone sowie andere Produkte vom taiwanesischen Unternehmen Foxconn fertigen, ebenfalls in China. Foxconn gehört zu den weltweit führenden und größten Produzenten von Elektronik- und Computerteilen. Die Foxconn-City im südchinesischen Shenzhen ist mit rund 130.000 Beschäftigten der größte zusammenhängende Elektronikbetrieb der Welt.
Nicht nur Apple lässt hier fertigen sondern zum Beispiel auch Intel, HP, Dell, Nintendo oder Sony. Dort, im Süden Chinas, im sogenannten Perlflussdelta, wo 5% aller weltweiten Güter (!) hergestellt werden und es angeblich jeden Tag einen Streik mit mindestens 1000 beteiligten ArbeiterInnen geben soll, dort liegt heute die Werkbank der Welt.
Und ähnlich wie im 19. Jahrhundert in England, im damaligen workshop of the world (Werkstatt der Welt), gestalten sich heute auch die Arbeitsbedingungen in der chinesischen Elektronikindustrie. Nachdem es seit dem Jahr 2010 eine Serie an Selbstmorden verzweifelter ArbeiterInnen beim Apple-Zulieferer Foxconn gab, begannen sich sogar große internationale Medien dafür zu interessieren. Eine Studie eines Hongkonger Instituts ergab unter anderem:
Solche Verhältnisse sind heute in Chinas Wirtschaft allgegenwärtig, dortige Medien sprechen sogar schon von Guolaosi, Tod durch Überarbeitung. In unserer Broschüre China auf dem Weg zur Weltmacht beschreiben wir ausführlich die Arbeitsbedingungen in den chinesischen Freihandelszonen, wo ca. 70% der ArbeiterInnen Frauen sind.
Die großteils sehr jungen Arbeitskräfte haben nicht nur mit 12–15 stündigen Arbeitstagen, erzwungenen Überstunden oder enormen Gesundheits- und Sicherheitsmängeln zu kämpfen, sondern auch mit entwürdigenden Disziplinierungsmaßnahmen und sexuellen Übergriffen.
Es wäre jedoch falsch, Chinas jungen ArbeiterInnen einzig und allein als arme hilflose Opfer darzustellen, so wie es westliche Medien und NGOs gerne tun. Während etwa die Selbstmordserie bei Foxconn große Beachtung fand, berichteten bürgerliche Medien kaum über den Streik von 7000 Foxconn-ArbeiterInnen für höhere Löhne im November 2010. Diese selektive Berichterstattung folgt bewusst oder unbewusst auch einem gewissen Kalkül, nämlich jenem, dass die chinesische ArbeiterInnenklasse als Haufen armer SklavInnen und nicht als kämpferische und selbstbewusste gesellschaftliche Kraft dargestellt werden soll. Die Linke und die ArbeiterInnenbewegung in Europa sollte nicht in diese Falle tappen und entsprechend ihrer Ressourcen und Möglichkeiten über die Kämpfe der chinesischen ArbeiterInnen berichten.
Soll ich jetzt Apple boykottieren?
Was können wir tun, wenn uns die Methoden, mit denen Apple seine Lifestyle-Produkte herstellen lässt, schockieren? Darf ich jetzt kein iPhone mehr besitzen (sofern ich es mir überhaupt leisten kann). Muss ich meinen alten iPod wegschmeißen? Nein! Individueller Konsumboykott war noch nie eine Lösung für irgendein Problem (siehe dazu unseren Artikel zu Fairtrade ). Und wer nicht auf die Annehmlichkeiten, die die Technisierung unserer Gesellschaft gebracht hat, verzichten will, wird auch kaum ethisch gangbare Alternativen finden. Schließlich lassen alle großen Elektronikkonzerne unter ähnlichen Bedingungen produzieren.
Konsumveränderung heißt Veränderung der Produktion!
Statt uns Gedanken darüber zu machen, wie wir mit Konsumverzicht individuell aus dieser Gesellschaft aussteigen können, sollten wir uns lieber darüber unterhalten, wie wir diese Gesellschaft verändern können. Auch wenn Teile des Establishments immer wieder die Verantwortung auf die KonsumentInnen abwälzen wollen, die tatsächliche Verantwortung liegt auf der Ebene der Produktion.
Es ist die Art und Weise, wie die kapitalistische Wirtschaft funktioniert: Die Produktionsmittel (Fabriken, Rohstoffe…) sind im Privatbesitz einer kleinen Klasse von KapitalistInnen. Diese stehen in Konkurrenz zueinander und sind, um Bestehen zu können, dazu gezwungen, ständig nach Profitsteigerung zu streben und damit ihr Kapital zu erhöhen. Sie haben also gar keine andere Wahl als möglichst viel Profit zu machen. Nur in einer Gesellschaft, in der die Produktionsmittel nicht mehr in der Hand einer kleinen Klasse von KapitalistInnen liegt, sondern die Produktion von der ganzen Gesellschaft kontrolliert und organisiert wird, wird es möglich sein, wirklich für Bedürfnisse zu produzieren, und so, dass niemand darunter leidet.
Steve Jobs, der auch im Umgang mit engsten MitarbeiterInnen als äußerst rücksichtslos galt, werden wir keine Träne nachweinen. Unser Mitgefühl und unsere Solidarität gilt den ArbeiterInnen in den Zulieferbetrieben von Apple, sowie allen ArbeiterInnen in der chinesischen Elektronikindustrie. Und am besten helfen können wir ihnen noch immer damit, indem wir hier das Gleiche tun, was sie in China (unter ungleich gefährlicheren Bedingungen) versuchen: In den Betrieben verankern und Widerstand organisieren!
Quelle: Stefan Horvath ( Sozialismus net ), 06 Oktober 2011