In den USA darf man sein Haus, seine "Burg", mit Waffengewalt verteidigen. Ein Recht, für das der verstorbene Schauspieler und Waffenlobbyist Charlton Heston warb. Von Roman Gutsch (12.4.2008)
Er war immer der Held. Helden sterben nicht, nicht im Kino. Jetzt ist er tot, der Hüne mit dem kantigen Kinn, der große Sandalenträger der Leinwand, der verbohrte Waffenlobbyist mit den strahlend blauen Augen, Charlton Heston, der nicht blauäugig, sondern gut bezahlt, meinte, sein Gewehr nur aus kalter, toter Hand legen zu müssen.
Das Recht auf Waffenbesitz ein von Gott gegebenes Recht, jedem Amerikaner gegebenes Recht. Das Recht auf Selbstverteidigung hing für Charlton Heston auf einen Abzugsbügel. Freiheit kommt durch einen geölten Gewehrlauf in die Welt der NRA, der National Rifle Association, der Heston viele Jahre als Präsident vorstand.
Das Recht auf Waffenbesitz ist aber auch ein Recht, das Heston als Affe den Affen vorbehalten wollte. Aus gutem Grund. Die Menschen müssen, sagte er als Schimpanse im Remake von Planet der Affen, liquidiert werden, weil sie mit Schusswaffen umgehen können.
Vielleicht war es aber nicht Ironie, wie in Filmkritiken zu lesen ist, die den alten Heston das sagen ließ, sondern Bewunderung. Die Affen waren aufrichtige Amerikaner, sie wollten eben ihre Stellung behaupten. Immerhin kennt der Bundesstaat Florida das von der NRA geforderte Gesetz zur Behauptung der eigenen Stellung, einer radikalen Ausweitung der sogenannten Castle Doctrine, die in fast allen US-Bundesstaaten in Kraft ist und gemäß der, die eigene Burg, zu der auch das Grundstück und das Auto gehört, mit allen Mitteln, einschließlich Waffengewalt, verteidigt werden kann.
Jugendliche, die einen Autoradio stehlen, können in den USA vielerorts straffrei erschossen werden. Bettler, die im Müll nach Verwertbaren stöbern, ebenso. In Florida darf überhaupt jeder Konflikt, gleichviel ob im Einkaufszentrum, im Straßenverkehr usw., straffrei mit Waffengewalt beendet werden. Vorausgesetzt man habe das Gefühl gehabt, in Notwehr handeln zu müssen. Ein pervertiertes Notwehrrecht das nur eine Ausnahme kennt: Polizisten dürfen nicht erschossen werden, auch dann nicht, wenn sie einem mit einem Strafmandat bedrohen.
Verhältnismäßigkeit hin oder her. Das Eigenheim ist heilig. Und im Häuserkampf sind immer mehr Gefallene zu beklagen. Weit über 200 Personen werden jährlich in den USA legal ermordet, weil sie bei einem Bagatelldelikt ertappt, sich an der Haustür geirrt oder schlicht ihren Schlüssel vergessen haben und daher durch das eigene Fenster gestiegen sind.
Der Häuserkampf in Amerika hat aber eine über eine absurd brutale Waffengesetzgebung hinausgehende Dimension. Nahezu parallel zum Aufkommen der Castle Doctrine entschied der Oberste US-Gerichtshof, dass Grundstücke durch die öffentliche Hand (und das in den USA!) enteignet werden können, wenn etwa ein Konzern kommerzielle Interessen geltend machen kann. Der Hausbesitz, der in den Vereinigten Staaten auch deshalb so sensibel ist, weil Häuser für breite Bevölkerungsschichten die einzige Kreditsicherheit sind, darf also gegen Apfeldiebe aber nicht gegen Aufsichtsräte verteidigt werden.
Die derzeitige US-amerikanische Immobilienkrise viele HausbesitzerInnen können ihre Kredite, die meist für den Konsum aufgenommen wurden, aufgrund der hohen Zinsen nicht mehr bedienen ließen die Häuserpreise in den Keller rasseln. Die Banken kassieren jetzt die Häuser, die durch ihre schlecht abgesicherten Kredite zur Zwangsversteigerung frei wurden.
Vor diesem Hintergrund erscheint das Bedürfnis, sein Eigenheim mit allen Mitteln zu verteidigen, nachvollziehbar. Die Castle Doctrine, für die Heston warb, bedient dieses Bedürfnis nach Sicherheit, indem es primitiven Hausbesitzern Waffen in die Hand gibt, um von den großen Dieben, die man nicht einfach erschießen kann, abzulenken.