
Von Wolf-Goetz Jurjans (15.10.2008)
Der Wahlkampf
Drei Ereignisse haben meine letzten Wochen und Tage geprägt.
Zum ersten, zwei Monate eines leidenschaftlichen Wahlkampfes, der nun hinter uns
liegt. Ich habe Genossinnen und Genossen erlebt, die über ihre Leistungsgrenze
gegangen sind, die ihr Bestes gegeben haben und dabei mit ihrer Aufgabe
gewachsen sind. Ich habe noch vor Bekanntwerden des Wahlergebnisses unsere
Arbeit als ermutigend eingeschätzt.
Das Ergebnis der KPÖ hat mich nicht erfreut, der Triumph der Rechten nicht
überrascht und nicht erschüttert. Das Wahlergebnis zeigt mir die Entscheidung
eines Wahlvolkes, dessen Bewusstsein einerseits von verluderten und korrupten
Eliten geschaffen und hermetisch von ungewünschten Einflüssen abgekapselt
wird, dem andererseits eben diese Eliten in seiner großen Mehrheit als Vorbild
dient. Die Wut auf die Korruption hält sich in den Grenzen, die ein
Überschreiten möglich machen, wenn sich aus der Korruption eigene Vorteile
ziehen lassen.
Das unausgesprochene Thema dieser Wahl war die Angst vor der Zukunft, die Angst
vor dem sozialen Abstieg, die Angst vor Armut und Ausgrenzung. Das zermürbende
Gefühl der Verunsicherung griff die Rechte professionell auf, machte die
Forderung nach sozialer Umverteilung zu der ihren, beschrieb ihre Methode,
nämlich die Ausländer rauszuwerfen und nur an Österreicher zu verteilen,
organisierte große Massenerlebnisse, die es dem Gedemütigtesten erlaubte, sein
Über-Ich heraushängen zu lassen.
Sie bediente mit einer gediegenen Bildersprache jedes gewinnbare Rache und
Revanche Bedürfnis, eröffnete sich mit der Ideologisierung dieses nationalen
Sozialismus als Bollwerk des christlichen Abendlandes gegen den Islam den Zugang
zu den Bildungsschichten und wurde am Wahltag reichlich belohnt.
Eine Enttäuschung über Wahlkampf und Ergebnis kann ich verstehen, will und
kann sie aber mit den Enttäuschten nicht teilen. Es hat sich vielmehr meine
Ansicht bestätigt und verstärkt, dass die Zeit kleinlichen und kleinmütigen,
im weitesten Sinn als Links gedachten Haders nun enden muss.
Der Finanzkollaps
Die Zukunftsangst, als Grundgefühl der Massen, erwies sich noch in den
letzten Tagen der Wahl als begründet und berechtigt. Der seit dem Zusammenbruch
der Lehmann Bank akut werdende Kollaps der Finanzmärkte brachte Bilder auf die
Bildschirme, die noch vor Wochen undenkbar gewesen wären. Durch ihre
Liberalisierungsmaßnahmen bis auf die Knochen blamierte Politiker betteln
gemeinsam mit den Finanz-Oberpriestern des neoliberalen Kapitalismus um das
Vertrauen der Sparer und Anleger. Ein Vertrauen, das diese soeben samt Besitz
verloren haben. Verloren auf einem Markt, der nach der Heilslehre der Neocons
wie eine unsichtbare Hand die Geschicke der Menschen zu ihrem Vorteil lenkt, der
sich nun aber in der Praxis als hysterische Mischung aus Angst und Gier
darstellt, die fernab jeder menschlichen Vernunft nun nicht mehr nur die Anzahl
der weltweiten Hungertoten und der Hungernden in die Höhe treibt, sondern jetzt
schon österreichische Häuslbauer, Pensionisten und Mittelschichtler aller Art
enteignet.
Gusenbauer und Molterer erzählen von milliardenschweren Schirmen, die gespannt
werden müssen, und geben sich den Anschein, diese unvorstellbaren Summen
verantworten zu können.
Der Kollaps der Finanzmärkte schlägt wie eine Bombe in die Realwirtschaft
ein und wird die konkrete Lage derer, die dadurch in die Armutsfalle gehen, wie
die derjenigen, die dort schon vegetieren, weiter verschlechtern.
Enttäuscht hat mich diese Entwicklung nicht. Ich habe sie erwartet. Enttäuscht
mögen viele Verlierer sein. Eine Enttäuschung, die erkennt, dass es das System
selbst ist, das systematisch die Lebensverhältnisse der Massen ruiniert und
nicht seine schwarzen Schafe und deshalb überwunden werden muss, diese
Enttäuschung liegt meiner Meinung noch in weiter Ferne.
Noch vor kurzem stellte Soros zur Bedeutung der globalisierten Ökonomie fest:
Der Marktfundamentalismus ist inzwischen so mächtig, dass alle politischen
Kräfte, die sich ihm zu widersetzen wagen, kurzerhand als sentimental,
unlogisch oder naiv gebrandmarkt werden.
Wieweit das weiterhin seine Gültigkeit hat werden wir sehen.
Haiders Tod
Jörg Haider hat sich für immer ausgegrenzt. Meine spontanen und ehrlichen
Freude ist mittlerweile Zorn und Abscheu gewichen. Es macht mich zornig, wie es
dem Scheinheiligen nun gelingt, zum Heiligen aufzusteigen. Wie die Pietät, also
der Respekt und die Ehrfurcht, nun herhalten müssen, damit die Pharisäern
selbst vor dem Toten in Deckung gehen können. Ich habe ihn nie respektiert,
geschweige denn gefürchtet. Und ich habe keine Veranlassung, durch seine
Selbstzerstörung diese, meine Haltung zu ändern. Er hat ein kontaminiertes
Land hinterlassen, in dem der Menschenhass zur Alltäglichkeit gehört. Er hat
die Substanz der nationalsozialistischen Welterklärung in die Zukunft
getragen und sie mit den menschenverachtenden neoliberalen Denkmustern
verwoben. Der braune Dung, aus dem er erwachsen ist, hätte zu seinem
Großwerden nicht gereicht. Es brauchte die sozialpartnerschaftliche
Verhaberung, die stickige Enge dieser 2. Republik, die die Gunst des Schicksals
auf die Butterseite fallen ließ und die doch daraus keine kulturelle Leistung
entwickeln konnte, außer die der Verdrängung.
Eine Enttäuschung seiner Bilanz ist nicht in Sicht. Die Getäuschten werden ihm
ein Mausoleum errichten. Die Krähen, die ihn kannten, hacken ihm kein Auge aus.
Die rot-schwarze Koalition, die er sprengen wollte, ist so gut wie fix.