
Von Walter Baier (8.11.2008)
Seit mehreren Jahren streitet man sich darüber, ob die Linke
„antiamerikanisch“ sein sollte oder nicht. Sogar ein Buch, das vorgab
Zwölf gute Gründe für den Antiamerikanismus zu liefern, erschien, und
lief auf eine einzige sehr simple These hinaus: Der Antiamerikanismus ist in
Europa populär und wird es angesichts der von J.W. Bush verfolgten aggressiven
Politik immer mehr werden. Aber jetzt ist George W. Geschichte
Ein Missverständnis gilt es vorweg zu klären. In der Antiamerikanismus-Debatte
geht es nicht um die Verurteilung der imperialstischen Politik, die wechselnde
US-Administrationen während der vergangenen Jahrzehnte zu ihrem Programm
gemacht haben, sondern darum, ob diese Kritik mit der Ächtung eines ganzen
Volks, seiner Lebensweise, seiner Geschichte und Kultur verknüpft wird, wie es
unter anderem die extreme Rechte betreibt.
Barack Obamas triumphaler Wahlerfolg wäre nun auch die Chance für ein
differenzierteres Nachdenken über Amerika. Die bisherigen Einschätzungen
pendeln zwischen den nach jeweiliger Gemütslage abgebenen Prognosen, Obama
wird s machen versus Er wird uns sicher enttäuschen. Doch Geschichte
wird nicht von grossen Männern gemacht, und wer auf diese hofft, dem steht die
nächste Enttäuschung gewiss bevor.
Fruchtbarer ist über die sich hinter Obama sammelnde WählerInnenkoalition
nachzudenken. So konnte er mit seinem Slogan Yes we can nicht nur die
gebildeten politisch liberal denkenden Mittelschichten und eine ueberwältigende
Mehrheit der AfroamerianerInnen, sondern auch die Mehrheit der Latinos und
Latinas, der AsitatInnen, der Frauen und der sozial benachteiligten weissen
AmerikanerInnen mobilisieren.
Der Vergleich mit europäischen und insbesondere auch den österreichischen
Wahlergebnissen, die sich gerade durch das Gegenteil, nämlich eine kulturelle
Spaltung zwischen liberalen Mittelschichten und sozial Benachteiligten
beziehungsweise Bedrohten auszeichnen, springt ins Auge.
Der gewählte US-Präsident Obama mag enttäuschen, weil er kaum aus den
politischen, ökonomischen und militärischen Strukturen ausbrechen wird, die
die USA zur Führungsmacht der kapitalistischen Welt machen. Doch das ihn zum
Sieg tragende Mitte-Unten-Bündnis, die Verknüpfung des Wunsches nach mehr
sozialer Gerechtigkeit mit der Überwindung des Rassismus und der
Militarisierung der US-amerikanischen Gesellschaft könnte den Start einer neuen
Bürgerrechtsbewegung bilden. Darin liegt die Hoffnung angesichts der Krise
des Neoliberalismus. Das ist die Hoffnung, die mit seiner Wahl weltweit
verbunden wird.
In den USA könnte damit der Impuls gesetzt werden, auf den man in Europa bisher
vergeblich wartet. Viele gute Gründe, über Amerika nachzudenken.