KOMMUNISTISCHE PARTEI ÖSTERREICHS

Breaking the Taboo

Von Bärbel Mende-Danneberg (8.4.2009)

Tabuisierte Gewalt an älteren Frauen in der Familie war das Thema eines EU-geförderten und von der Frauenabteilung der Stadt Wien kofinanzierten Projektes, dessen Ergebnisse kürzlich im Wiener Rathaus vorgestellt wurden. Die Konferenz „Breaking the Taboo“, die das Rote Kreuz organisiert hat, stützt sich auf eine zweijährigen Projektarbeit, an der acht europäische Länder beteiligt waren. Das Ziel: Gewalt an älteren Frauen in der Familie rechtzeitig zu erkennen und Handlungsmöglichke­iten aufzuzeigen. Die Podiumsdiskussion, zu der auch ich zur Teilnahme eingeladen war, hat die unterschiedlichen Zugänge zu diesem Thema deutlich gemacht.

Eine 83-jährige Frau wird in das Spital eingeliefert. Sie sei gestürzt, sagt ihr Sohn. Der Arm ist blauverfärbt, auf der Stirn hat sie eine Platzwunde. Ein alltäglicher Vorfall. Alte Menschen stürzen oft, niemand fragt weiter nach, und das Insistieren wäre vielleicht sowieso sinnlos, leidet die Frau doch an Demenz und kann sich nicht erinnern. Dass der Sohn oder dar Mann oder die Tochter möglicherweise ihrem Frust über den Zustand der Frau tätlich Ausdruck verliehen haben, bleibt im Verborgenen.

Gewalt in der Familie wird mittlerweile als gesellschaftliches Problem wahrgenommen. Diverse Opferschutzein­richtungen, Gesetzesänderungen und geänderte politische Rahmenbedingungen des Gewaltschutzes tragen diesem Umstand Rechnung. Kaum wahrgenommen wird hingegen Gewalt an älteren Frauen. Seit Einführung des Gewaltschutzge­setzes von 1997 ist häusliche Gewalt keine Privatsache mehr, doch sind diese gesetzlichen Maßnahmen nicht auf die Bedürfnisse und Möglichkeiten pflegebedürftiger Menschen ausgelegt.

In Österreich wie auch auf europäischer Ebene gibt es keine ausreichenden Daten über die Häufigkeit von Gewalt an älteren Frauen. Die vermutete Zahl von zehn Prozent Gewaltbetroffenheit der älteren Generation dürfte in Wahrheit viel höher sein. Weshalb aber wird der Fokus auf Gewalt gegen ältere Frauen gerichtet, sind etwa pflegebedürftige Männer nicht ebenso Opfer? Zahlen aus Österreich und anderen Ländern zeigen, dass generell Frauen häufiger Gewaltopfer sind als Männer. Ein „typisches Frauenleben“ in Abhängigkeit und gesellschaftliche Machtverhältnisse zwischen den Geschlechtern verlängern sich bis ins Alter. Darüber hinaus ist der Frauenanteil in der Altersgruppe der über 80-jährigen wesentlich höher als jener der Männer.

Was es so schwierig macht, Gewalt an älteren, hilflosen Menschen aus der Grauzone zu holen, ist die Abhängigkeit in Pflegebeziehungen. „Bitte sagen Sie nichts“, hören Heimhelferinnen oft, wenn die Patientin sich vertrauensvoll mit ihren Nöten an sie wendet. Die Angst vor Strafe macht stumm. Denn was passiert, wenn die Helferin zur Tür hinaus ist? Wie reagieren Familienangehörige auf Beschwerden?

Gewalt kann Bestandteil einer langen Beziehungsges­chichte sein. Im Alter fällt es Frauen noch schwerer, sich aus einer Gewaltbeziehung zu lösen. Auch können Veränderungen im Alter und im familiären Umgang mit Pflegebedürftigkeit Gewalt begünstigen. Und nicht selten verkehren sich gewohnte Machtverhältnisse. Die Frau, die z. B. zeitlebens den Haushalt versorgt hat, ist plötzlich verwirrt, inkontinent, gebrechlich, sie bedarf der Pflege durch Familienangehörige – die neue Rollenverteilung würfelt die familiären Emotionen durcheinander. Oder der Mann, der zeitlebens gewohnt war, zu bestimmen und zu herrschen – er ist bettlägerig geworden, und die Frau zahlt ihm die erlittenen Demütigungen heim, indem sie nun bestimmt, wann was wie zu geschehen hat.

Nicht immer ist der Kreuzungspunkt von struktureller und individueller Gewalt auszumachen, nicht selten überlappt oder ergänzt sich beides. Fehlende Hilfen von außen und Überforderung im Umgang mit Pflegebedürftigkeit können zu einer gefährlichen Mischung werden. „Oft kommt Gewalt gerade dort vor, wo eine vertrauensvolle Beziehung erwartet wird und eine durch die Hilflosigkeit entstandene Abhängigkeit vorliegt“, heißt es in der Projektbroschüre „Braking the Taboo“. „Gewalt kommt vor als absichtliche aktive Handlung oder im Sinne der Vernachlässigung als bewusstes Verweigern bestimmter Handlungen wie z. B. Verweigern von Zuwendung oder Kommunikation. Gewalt kann aber den älteren Menschen insbesondere im Pflegekontext auch aufgrund von mangelndem Wissen und Nichterkennen eines Bedarfs zugefügt werden. Gewalthandlungen entstehen oft aus Überforderung durch die vielfältigen Anforderungen der Pflege und Betreuung älterer Menschen.“

Körperliche oder psychische Gewalt, sexueller Missbrauch, finanzielle Ausbeutung, Einschränkung des freien Willens, Vernachlässigung – all diese Formen von Gewalt zu erkennen, verlangt ein genaues Hinsehen. Hier kommt den Pflege- und Betreuungspersonen besondere Bedeutung zu, denn sie haben oftmals als einzige externe Personen Zugang zu älteren Menschen, die zu Hause betreut werden. Wenn ältere Menschen darüber sprechen, dass sie Gewalt erfahren haben, ist das unbedingt ernst zu nehmen.

„Es kann viele Anzeichen geben, die möglicherweise auf gewalttätiges Verhalten hinweisen. Diesen Hinweisen könnte man nachgehen. Aber das größte Problem ist der Zeitmangel. Wir würden mehr Zeit benötigen, um die Situation und zu verstehen“, sagt z. B. eine Diplomkranken­schwester aus Italien. Und eine Heimhelferin aus Österreich meint: „Mehr Besuchsdienste wären schön. Viele sind dankbar, einfach jemanden zu haben, der ihnen zuhört. Viele fangen an zu erzählen – erzählen, was geschehen ist… Es ist notwendig, dass jemand einfach für die Person da ist, dass sie sich jemandem anvertrauen kann, dem die Zeit egal ist.“

Die Ziele des Projektes „Breaking the Taboo“ sind verstärkte öffentliche Diskussion und Bewusstseinsbildung über häusliche Gewalt gegen ältere Menschen, Aufnahme des Themas in der Aus- und Weiterbildung relevanter Berufsgruppen, veränderte gesetzliche Gewaltschutzbes­timmungen und verstärkte Zusammenarbeit zwischen Gesundheits-, Sozialdiensten und Gewaltschutzor­ganisationen. Dass im Zuge der Wirtschaftskrise verstärkt finanzielle Ressourcen freigemacht werden, um die personellen Engpässe in der Pflege und Betreuung von älteren Menschen zu beheben, ist allerdings ein frommer Wunsch.

Der Text erschien zuerst im „Augustin“

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