
Von Wolf-Goetz Jurjans (17.1.2009)
Ich weiß nicht wie es Ihnen geht, aber ich finde es erstaunlich, mit welcher
Chuzpe, Dreistigkeit, ja Frechheit die Protagonisten der Finanz- und
Wirtschaftskrise unbehelligt in der Öffentlichkeit agieren. Der deutsche
Altkanzler Schmidt wies darauf hin, dass Werte vernichtet wurden, wie das sonst
nur bei großen Kriegen der Fall ist. Also da ist ja wirklich was passiert, das
nicht mit der Bemerkung: Naja, Kapitalismus eben abgetan werden kann.
Da schreit es in meinem Unterbewusstsein nach zerknirschten Gesichtern.
Wenigstens nach einem. Wenigstens nach einem, das aus der Sippschaft der
Halunken vorgeführt wird um mir die Illusion zu geben: Da ist sich jemand einer
Schuld bewusst. Ein Sündenbock würde es mir schon leichter machen, mich wieder
in der normalen neoliberalen Wahnwelt zurechtzufinden. Soviel muss ich den
Herrschaften doch noch Wert sein, bilde ich mir ein.
Es ist, vermute ich, tatsächlich nur eine Einbildung.
Diesen Wert hab ich nicht mehr. Im Gegenteil. Da bedauert keiner was, da hat
keiner Fehler gemacht, irgend was ist schief gelaufen, das man nicht vorhersehen
konnte. Wenn ich Nachrichten höre, habe ich den Eindruck, ich bin das Problem.
Man redet mit mir, als wäre ich ein kleines Kind, das zur Vernunft gebracht
werden muss. Es kann zwar keiner der Experten eine Aussage über die Zukunft
machen, aber ich soll das Vertrauen in die Zukunft nicht verlieren. Keine Bank
traut der anderen, aber ich soll der Bank trauen. Ich soll meine Chance in der
Krise sehen und nutzen, einer Krise, mit der ich nur insofern zu tun habe, als
ich und die anderen Milliarden sie werden auslöffeln müssen. Ich soll Mut
haben, rät mir der Wiener Bürgermeister (und erstmals erkenne ich, warum ich
ihn brauche), ohne dass ich ihn gefragt habe.
Alle Politiker haben sich jetzt Helmchen aufgesetzt, spielen Feuerwehr,
verspritzen nicht mehr nachvollziehbare Ströme von Geld, die wieder von mir und
meinesgleichen erarbeitet werden müssen. Oder spannen Schutzschirme auf.
Politik hat sich auf reine Psychologie reduziert und ich soll der Patient sein,
vornehm ausgedrückt. Der Depp also. Die Wunschvorstellung aller führenden
ökonomischen oder politischen Krisenteilnehmer. Klar, sie müssen jetzt solange
lügen und das konzertiert und weltweit, bis wieder Land in ihrer neoliberalen
Sicht ist. Und das auf einem der Krise entsprechenden Niveau.
PS:
Habe gerade gegoogelt und vom Kollaps des Josef Ackermann gelesen.
Ackermann nach Schwächeanfall in Klinik – und wieder im Job
Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann hat am Mittwochabend einen Schwächeanfall
erlitten und sich kurzzeitig im Berliner Bundeswehrkrankenhaus behandeln
lassen. Bereits am nächsten Morgen sei er wieder seiner Arbeit nachgegangen,
sagte der Bankmanager der „Bild-Zeitung“. Er hatte am Mittwoch das
Rekordminus der größten deutschen Bank bekannt geben müssen.
Der Vorstandschef schilderte den Vorfall auf dem Neujahrsempfang der Deutschen
Bank in Berlin: Ich hatte den ganzen Tag dicht gedrängt Termine, leider nichts
gegessen und fast nichts getrunken. Auf dem Neujahrsempfang habe ich zum Schluss
noch ganz schnell zwei Würstchen mit Sauerkraut gegessen, dann wurde mir
schlecht. Die Ärzte wollten auf Nummer Sicher gehen, haben mich gründlich
untersucht und mich dann aber auch schnell wieder nach Hause geschickt. Er
betrachte den Vorfall als „Warnschuss“ und werde künftig besser auf sich
aufpassen. An seinem Terminplan der nächsten Tage ändere sich nichts.
Zwei Würstchen mit Sauerkraut haben das Schlachtross des Monetarismus kurzfristig kollabieren lassen. Josef Ackermann kämpft bis zum Umfallen ist die Botschaft!
Welche Chuzpe, welche Dreistigkeit, welche Frechheit braucht es, sich vorzustellen, dass Millionen von Würstchen sauer werden um das System in den Griff zu bekommen, bevor es kollabiert.
Viel. Daran muss ich im neuen Jahr arbeiten, kommt mir vor.