
Von Bärbel Mende-Danneberg (10.2.2009)
Der Kongress tanzt. Geiz ist geil. Smart ist nicht nur eine Automarke im Zeichen der Wirtschaftskrise. Und wer hätte das gedacht: Nun tauchen sie wieder alle auf aus dem Misthaufen der Geschichte die von den Regierenden verpönten Unwörter: Verstaatlichung, Solidarität, Reichensteuer, Umverteilung, Kontrolle der Managergehälter
Ich habe keine Lust mehr, über die armen Menschen, die am Existenzminimum lebenden Alleinerzieherinnen, die BettlerInnen und SozialhilfebezieherInnen zu klagen. Ich möchte, dass alle am Luxus teilhaben. Aus dem Vollen schöpfen. Gerade jetzt, wo die Milliarden so locker ins Finanzimperium fließen und uns der Mund wässrig gemacht wird auf Luxus. Es ist genug da. Für alle nämlich. Wer für den Wiener Opernball nächste Woche bis zu 17.000 Euro (Rangloge) oder bescheidene 960 Euro für einen Sechspersonentisch hinlegt, kann schlecht von einer Krise im Geldbörsel reden. Die Krise haben wir kaum gespürt, wir konnten alle Tickets verkaufen, sagt die Organisatorin des nach Wiener Vorbild ausgestatteten New Yorker Opernballes, der am vergangenen Wochenende über die Bühne ging. Nur die Eintrittspreise waren in N. Y. mit ca. 700 Euro oder 25.000 Dollar für einen Tisch am Parkett etwas billiger. Die Reichen essen Lachs und Hummer uns bleibt nur die Kummernummer, skandierten wir vor Jahren auf den Anti-Opernball-Demos. Lang ists her.
Ich habe keine Lust, die Bettlerwarnungen in Wiener U-Bahnen zu hören. Ich fühle mich von der Durchsage der Wiener Linien belästigt, die von organisiertem Betteln spricht, dem man und frau nicht Vorschub leisten solle. Mitleid oder gar Solidarität mit den Armen wird als Kriminalität ausgelegt, die verboten gehöre. Das Oben und Unten wird verbal in die Fahrgastköpfe geschallt. Dass die Wiener Linien das Eigentum der Allgemeinheit, nämlich das U- und Straßenbahnnetz, risikoreich an einen US-Investor verleast, also möglicherweise verlustreich in den Sand gesetzt haben, macht sie künftig vielleicht selbst zu Bettlern um Finanzspritzen, damit der öffentliche Verkehr aufrecht erhalten bleiben kann.
Ich habe keine Lust, mich verarschen zu lassen. Der smarte Jungchef Markus Langes-Swarovski macht die geringe Lust auf Luxus und die Billigkonkurrenz aus Asien und Osteuropa verantwortlich dafür, dass das Familien-Imperium nun in Problemen steckt: Der Umsatz der Firma sei von 2,56 Mrd. Euro 2007 auf 2,52 Mrd. im Vorjahr gesackt. Das erfordere ganz gewöhnliche Maßnahmen. Nämlich zu den 740 Kündigungen im Vorjahr jetzt weitere 150 Freistellungen und Verlegung eines Teils der Produktion in die konkurrierenden Billiglohnländer Tschechien und China. Womöglich muss nun auch Fiona Swarovski, smarte Gattin unseres ehemaligen smarten Finanzministers Karl-Heinz Grasser (der wegen verschobener Millionen der Bundesbuchhaltungsagentur nun selbst in Problemen steckt), ihre Empfehlung im Umgang mit Armut eigenhändig einlösen: Tomaten und Kohl auf dem Balkon pflanzen.
Ich habe auch keine Lust mehr, die abgestandene Suppe auszulöffeln: 2010 geht Europa das Geld aus, heißt es in der Financial Times Deutschland, die sich auf eine vertrauliche Studie des Wirtschafts- und Finanzausschusses beruft. Weil der Notgroschen aufgebraucht ist und die Wirtschaftskrise im nächsten Jahr bei der Bevölkerung angekommen sein wird, mahnt Luxemburgs Premier und Finanzminister J.-C. Juncker Solidarität ein Solidarität mit den armen Ländern sei das Gebot der Stunde. Also: Hoch die internationale