KOMMUNISTISCHE PARTEI ÖSTERREICHS

Fatalistischer Opportunismus

Von Wolf-Goetz Jurjans (12.1.2011)

Die Presse übt sich in der vorauseilenden Kapitulation vor den “Sachzwängen” der allgemeine neoliberalen Krise.

Laut Wikipedia versteht man unter Fatalismus eine Weltanschauung, die davon ausgeht, dass das Geschehen in Natur und Gesellschaft durch das Schicksal (fatum) oder eine übergeordnete Macht (Gottheit, Naturgesetz, kosmische Ordnung) unabänderlich bestimmt wird. Fatalisten halten die Fügungen des Schicksals für unausweichlich und meinen der Wille des Menschen könne ihnen nichts entgegensetzen.

Ein praktisches Beispiel für diese Definition lieferte Die Presse und Herr Christian Ultsch vor wenigen Tagen.

“Arizona-Massaker: Die fatale politische Kultur der USA” betitelte Die Presse ihren Bericht über den Anschlag auf die demokratische Parlamentarierin Gabrielle Giffords.

Um sicherzustellen, dass diese fatale politische Kultur auch weiterhin für Österreich verbindliche Leitkultur bleibt, liefert Christian Ultsch im Kommentar einen Zustandsbefund der österreichischen, bürgerlichen Seele, der jederzeit als Teil der “Letzten Tage der Menschheit“ von Karl Kraus vorgetragen werden kann. Die volle Kraft bekommen die Sätze dann, wenn man in der Lage ist, sich Helmut Qualtinger als Sprecher vorzustellen.

Herr U. stellt einleitend fest: “Die politische Massenkultur ist ohnehin nicht mehr zu retten“ und damit das Ende seiner Überlegungen an den Anfang.

Er erklärt, kaltschnäuzig abgeklärt, aber nicht ungenervt, den feinen Unterschied zwischen Noch-Wahrnehmen-und-Klagen und totaler Ignoranz für entbehrlich: “Es schadet nie, über die Verrohung der politischen Kultur zu klagen. Doch ändern wird sich dadurch nichts, auch nicht nach dem Attentat auf eine US-Abgeordnete.”

Herr U. übernimmt, da Differenzierungen ohnehin keinen Sinn mehr machen, das Psychogramm des Täters aus der Zeitung Österreich, weil die routinierter ist, der werten Leserschaft eine Österreichfassung dessen zu vermitteln, wie ein politischer Attentäter hier auszusehen hat, damit man als Normalo die Welt noch versteht: “Bei dem Attentäter dürfte es sich um einen paranoid-eigenbrötlerischen, nationalsozia­listisch-kommunistischen Regierungshasser mit extremem Hang zur Gewalt handeln. Seiner Selbstdarstellun­gsseite auf MySpace zufolge hatte der 22-jährige gleichermaßen ein Faible für Hitlers “Mein Kampf” und das “Kommunistische Manifest”. Mit einer Partie aber hatte der Mörder nichts zu tun – mit den Rechtspopulisten der Tea Party.

Herr U. zeigt, welches Schema er journalistisch gelernt hat: Bei Gewalttaten österreichischer Rechtsradikaler handelt es sich ja auch immer um “blöde Buben”, die mit dem Einfluss der FPÖ nichts zu tun haben. Die Selbstdarstellun­gsseite von MySpace als Grundlage für Rückschlüsse auf den tatsächlichen Menschen zu nehmen, ist fast schon wieder herzig, macht aber Sinn, wenn man dadurch, als Ursache der Gewalt auf der Welt, die Totalitarismusthese zu Grunde legen kann. Über diesen Umweg schafft es sogar Karl Marx wieder, an Aktualität zu gewinnen.

Herr U. relativiert den Vorwurf, Sarah Palin habe vor den letzten Kongresswahlen auf einer Internetgrafik den Bezirk des späteren Attentatsopfers Giffords mit einem Fadenkreuz versehen, durch Präsident Obama zu erwartende Reaktion: “Doch seine Redenschreiber entwerfen vermutlich schon die ersten Absätze in seiner Rede zur Lage der Nation, in denen er mit gedämpfter Stimme des Massakers von Tucson gedenkt und zu nationaler Einheit aufruft.“

Herr U. setzt die symbolische Animation zur Gewalt und die Hetze, einer zur Mäßigung aufrufenden Rede gleich, enttarnt sie als logische Spielzüge eines abgekarteten Spiels und schlussfolgert: “Doch dieser Augenblick der Katharsis und des Innehaltens wird nicht lange währen.“

Herr U beginnt mit dem ultimativen Schlussüberle­gungen: “Das hat zwei Gründe: Erstens kann auf Dauer seriöserweise kein kausaler Zusammenhang zwischen der Bluttat eines irren Einzelgängers und der Debattenkultur eines Landes hergestellt werden. Und zweitens werden mahnende Worte nichts an den Bedingungen ändern, die zur Verrohung der politischen Auseinandersetzung in den USA geführt haben. Es wird etwa weiterhin Medien wie “Fox News“ geben, die ihr Geschäft mit dem schnellen persönlichen Untergriff und hysterischer Vereinfachung betreiben.“

Herr U. erklärt die Naturgesetzlichke­iten des privaten Medienmarktes. Dieser (fast) ausweglosen Erkenntnis folgt tiefe Resignation: “Diesen Megatrend kann man kulturpessimistisch beklagen, aber nicht mehr umkehren. Es geht nur noch darum, kleine Nischen zu bewahren, in denen ein vernünftiger Diskurs möglich ist, der interessierte Bürger und Entscheidungsträger klüger macht.“

Und sicherheitshalber denkt Herr U darüber nach, was passiert, wenn dieser letzte Ausweg auch nicht funktioniert: “Wenn das auch nicht mehr möglich ist, wird es wirklich eng, denn dann verblöden auch die Eliten. Die politische Massenkultur aber ist nicht mehr zu retten.“

Ende des Kommentars des Herrn U.

Lieber Herr Kommentator,

wie soll ich den Abgesang an Ihre eigenen, bürgerlichen Werte deuten?

Ich würde mir wünschen, Sie waren einfach nur schlecht drauf. So eine “Leckts mich am Arsch-Stimmung” kann ich nachvollziehen. Da Sie aber hochbezahlt und an prominenter Stelle des bürgerlichen Zentralorgans schreiben, schließe ich das aus.

Wenn Sie authentisch die Gefühlslage der österreichischen Bürgerlichen beschreiben, mach ich mir Sorgen.

Wenn Sie meinen, es ist eh wurscht, ob in der neoliberalen Zukunft ein paar multinationale Konzerne zusammen mit mafiösen und faschistischen Gruppen die Welt und ihre Medien beherrschen werden und dieser Entwicklung nichts entgegenzusetzen ist, dann folgert daraus logisch, dass Ihre Gruppe interessensbezogen nur mehr schaut, auf der richtigen Seite dieses Prozesses zu stehen. Ergo ist von ihr auch kein gestaltender Widerstand (und sei es nur auf kulturellem- oder journalistischem Gebiet) zu erwarten.

Wenn das so ist, ist Ihre Befürchtung, dass die Eliten, auch die journalistische, der Sie angehören, verblöden, schon überflüssig, weil sich das Befürchtete schon vollzogen hat. Was dann aber, diesmal meiner Meinung, auch schon egal ist. Eine Gefahr für das neoliberale System entsteht dadurch in keinster Weise, weil seit Jahrhunderten die Eliten bewiesen haben, dass sie nicht auf Grund ihrer Intelligenz Eliten sind, sondern auf Grund der Macht, die sie innenhaben. Im Gegenteil tut dieses System alles, um alternativ denkende Intelligenz unter Kuratel zu stellen und die Massen von klein auf systematisch dumm zu halten. Pisa und Ungarn lassen grüßen.

Ich denke, Ihr Verhalten ist also doch, wie anfangs erwähnt, der österreichische Form der Kapitulation, nämlich der vorauseilenden, geschuldet. Indem Sie das erste Gebot des neoliberalen Systems “Es gibt keine Alternative” anerkennen, erklären Sie auch gleich jede Initiative und Überlegung diesem Wahnsinn Widerstand zu leisten, für sinnlos, die damit verbundenen Konflikte als entbehrlich.

Fatalistischer Opportunismus ist also Ihrer Meinung der österreichischen Bürgerlichen letzte Weisheit auf den Neoliberalismus zu reagieren. Das ist meiner Meinung eine Schande für ein Land, das durch den gemeinsamen Widerstand kommunistischer, sozialistischer und bürgerlicher Kräfte, die anderes im Sinne hatten, ermöglicht wurde.

Meine Hoffnung liegt in den jungen (auch bürgerlichen) Menschen, die erkennen, dass sie mit dieser ignorant-fatalen Lemmingsideologie letztlich ihr eigenes Leben und ihre Zukunft gefährden.

Meine Hoffnung liegt darin, dass sich junge und alte Menschen, die ihr Leben nicht Profit- oder Korruptionsbasiert finanzieren, die neuen medialen Kommunikation­smöglichkeiten selbstbewusst aneignen und die Meinungsbildung nicht fatalistischen Leitartiklern samt systematisch verblödetem Mob überlassen.

Meine Hoffnung liegt darin, dass wir nicht am Ende, sondern am Anfang einer politischen Massenkultur stehen, die Ausdruck eines Bewusstseins sein wird, das feststellt: “Eine gesellschaftliche Alternative ist nicht nur notwendig, sondern dringendst notwendig, mit Sicherheit möglich und mit viel Mut, Schweiß und Tränen auch machbar.

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