KOMMUNISTISCHE PARTEI ÖSTERREICHS

Erbärmliche Realität

Von Manfred Bauer (9.6.2012)

Die Zumutung, dass ich während eines längeren Therapieaufenthalts auf Zeitungen und TV-News verzichten musste, hätte nicht entsetzlicher sein können als jene, die mich nach Therapieende beim ersten Blick in die österreichische Tagespresse plagte.

Denn dieser Blick löste nichts weniger als einen jähen Kulturschock sowie die Vorstellung aus, dass das journalistische Milieu hierzulande einer Kreuzung ignoranter Macht mit mächtiger Ignoranz entstammen müsse. Diese Agglomeration aus Niedertracht, Banalität und Wahnsinn erreicht ihre wahre Größe, sobald sie sich auf Augenhöhe mit dem Stammtisch befindet.

Mensch braucht sich bloß einmal vorzustellen, dass Peter Michael Lingens vom „profil“ in diesem Milieu als Intellektueller gilt, nur, weil er selbst einmal dieses Gerücht verbreitet hat.

Wenn Lingens mit wichtigtuerischer rhetorischer Geste und ausgestattet mit einem Bettel an Sprachschatz sein Mantra wiederkäut, die Griechen verdienten den Euro nicht, weil sie über ihre Verhältnisse gelebt hätten, weiß Mensch sogleich, dass die österreichische Meinungsdiktatur weder vor Infamie noch vor Dummheit gefeit ist, wohl, weil sie mit beiden ident ist.

Dabei bestehen Lingens und andere Chefideologen der kollektiven Denunziation auf jede noch so peinliche Oberflächlichkeit, die sie grell ausleuchten, um sie als intellektuelle Tiefe erscheinen zu lassen.

Und wenn dieser erbärmliche Lingens-Rauscher-Fleischhacker-Ortner-Klüngel beim üblichen Links-Exorzismus salbungsvoll die Hände faltet oder aufhält, ist gewöhnlich auch jener Professor zur Stelle, der dann auch sehr gewöhnlich feststellt, was alle festzustellen haben: „Die Krise, meine Damen und Herren, ist in der Mitte unter uns allen angekommen, und da ist Budgetdisziplin ein oberstes Gebot.“

Paul Lendvais Problem ist nicht, dass er nicht Deutsch kann, Lendvais Problem ist seine politische Haltung. In einem Land jedoch, in dem das Gerücht, Hugo Portisch könnte Bundespräsident werden, weder für schallendes Gelächter noch für blankes Entsetzen sorgt, gilt selbst Lendvai als Experte. Schließlich erhält hierzulande jede noch so törichte und infame Behauptung den Status einer Realität, wenn sie als Expertise inszeniert wird.

Apropos Realität: Aus den Grasser-Strasser-Meischberger-Hochegger-&-Konsorten-Schweinereien haben die Aufdecker sich ihren eigenen Mythos gebastelt, den sie seither inbrünstig anbeten: So verhandeln und personalisieren sie die Erbärmlichkeiten und Affären als Skandal, dem der Staat und seine Elite mit Moral und Verstand begegnen müsse.

Doch wo in unserem Staat existiert diese Elite mit Moral und Verstand? Eine, die weniger die einzelnen Affären und stattdessen den Staat, der sie produziert, als den eigentlichen Skandal begreift.

Es sind dies der Staat und sein System, die erst die geschmeidige Geschäftsgrundlage für Stiftungs-Abkassierer, Unternehmens-Filetierer, Sozialstaats-Demolierer, neoliberale Entpolitisierer, heile Welt-Inserierer, rechtsradiale Randalierer und journalistische Banalisierer schaffen.

Ein System, in dem über absurd hohe Manager-Gehälter aufgeregt geschwätzt, indes über den Zusammenhang mit den herrschenden Aneignungsprin­zipien des gesellschaftlichen Mehrprodukts geschwiegen wird. Ein System, in dem Feigheit, Schwindel und Betrug als Identitätsnachweis für gesellschaftlichen Aufstieg gelten und die Lüge zur allgemein akzeptierten Verkehrsform und daher zum politischen Erfolgsmodell aufgestiegen ist.

Jenes System schließlich, in dem das journalistische Milieu sich darum verdient macht, die Meinung der Herrschenden in die herrschende Meinung zu konvertieren. Dieses Milieu ist ebenso erbärmliche Realität wie das System, an das es sich täglich verkauft.

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