
Von Josef Iraschko (20.8.2012)
Bertolt Brecht lässt in seinem bekanntesten Werk Die Dreigroschenoper
seinen Protagonisten, Mackie Messer, kurz vor dessen geplanter aber letztlich
durch einen königlichen Boten verhinderte Hinrichtung räsonieren:
Meine Damen und Herren. Sie sehen den untergehenden Vertreter eines
untergehenden Standes. Wir kleinen bürgerlichen Handwerker, die wir mit dem
biederen Brecheisen an den Nickelkassen der kleinen Ladenbesitzer arbeiten,
werden von den Großunternehmern verschlungen, hinter denen die Banken stehen.
Was ist ein Dietrich gegen eine Aktie? Was ist ein Einbruch in eine Bank gegen
die Gründung einer Bank? Was ist die Ermordung eines Mannes gegen die
Anstellung eines Mannes?
Diese Sätze sind sicherlich keinem anarchistischen Anfall Brechts geschuldet,
sondern kritisieren auf dialektische Weise die zweifelhaften Werte einer
bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft, die damals wie heute zu
Wirtschaftskrisen, Korruption, Kriegen und Elend für viele Menschen
führen.
In diesem Stück geht es um die Parallelität von Bürgertum und Unterwelt.
Die Bürgerlichkeit des Verbrechens entspricht der Kriminalität des
Bürgertums. Oder wie Brecht in seiner Regieanweisung zum Stück deutlich
macht:
»Der Räuber Macheath (genannt Mackie Messer, JI) ist vom Schauspieler
darzustellen als bürgerliche Erscheinung. Die Vorliebe des Bürgertums für
Räuber erklärt sich aus dem Irrtum: ein Räuber sei kein Bürger. Dieser
Irrtum hat als Vater einen anderen Irrtum: ein Bürger sei kein
Räuber.«
Was sind Fabriksbesetzungen, Hausbesetzungen, Landnahmen .
Bezogen auf heutige Probleme, wie einerseits maßlose Selbstbereicherung und überbordende Korruption des politischen und unternehmerischen Personals, andererseits Arbeits- und Wohnungslosigkeit bei uns, sowie – global gesehen -Landraub, Vertreibung und Vergiftung von Land und Boden im Süden mit den Folgen oft lebenslanger Erniedrigung, Elend, Hunger, Armut und Krankheit, stellt sich unmittelbar die Frage: was ist eine Hausbesetzung, eine Landnahme, eine Fabriksbesetzung, gegen die verbrecherische Handlungen wie Korruption, Ausbeutung, Enteignung, Lohndumping? Was ist also, um bei Brecht zu bleiben, z.B. die Besetzung leerstehender Häuser und Wohnungen gegen millionenfachen Mietwucher, Wohnungsnot und Wohnungselend? Nach der UN-Charta ist Wohnen ein unabdingbares Menschenrecht, während Profitmaximierung und Wohnungsspekulation in keinem Menscherechtskatalog zu finden sind.
Faustrecht und Chaos als Ausweg aus der kapitalistischen Krise?
Herr Josef Ackermann, ehemaliger Vorstand der Deutschen Bank, schrieb selbst das Papier für Frau Merkel, wie er sich die für die gesamten europäischen Bevölkerungen ruinöse Bankenrettung vorstellt und dieses Papier wird wortwörtlich von der EU übernommen und beschlossen. Die heimische Politik gibt mehr und mehr Kompetenzen an die nicht demokratisch legitimierte EU-Kommission ab, ohne dass nur in Ansätzen versucht wird auf EU-Ebene ein parlamentarisch-demokratisches System einzuführen. Auf welche Rechte und Werte und bei Nichtbefolgung auf welches Recht der Bestrafung bezieht sich dann eigentlich noch heutige Politik? Wo liegen die Ursachen der heutigen, ausweglos erscheinenden chaotischen Zustände in Wirtschaft und Politik? Die Antwort ist ziemlich einfach und logisch: wachsende politische und wirtschaftliche Korruption, maßlose Selbstbereicherung, unternehmerische Selbsthilfe führen zu Chaos und Werteverfall in sämtlichen Lebensbereichen.
Bedingungsloses Grundeinkommen ein Weg aus den falschen Werten!
Betrachtet man allein die zunehmende Naturzerstörung und die offenbar im kapitalistischen Wertesystem nicht zu lösende ökologische Frage, die mehr und mehr zur Überlebensfrage der gesamten Menschheit wird, dann müssen wohl alle die wichtigen Werte dieses Systems, wie Leistung, Wettbewerb, Vollbeschäftigung, Arbeit, Einkommen, Fortschritt, Konsum etc. in Frage gestellt werden.
Der Unwille, bzw deutlicher: die Unfähigkeit in einem globalisierten
Konkurrenzsystem nicht auch die verheerenden ökologischen und
demokratiepolitischen Folgen dieses Wirtschaftens mitzudenken, zeigt die
Überlebtheit, aber auch die Berechtigung der Kritik und Notwendigkeit der
Zerstörung der dieses System konstituierenden Werte.
Leistung: Für wen und wofür und mit welchen Folgen?
Wettbewerb: gegen wen, für wen und mit welchen Auswirkungen auf das globale
Ökosystem?
Vollbeschäftigung, Arbeit: Den Unternehmerverbänden als politischen
Akteuren ist daran gelegen, dass ‚Vollbeschäftigung‘ als gesellschaftliches
Ziel anerkannt bleibt. Denn angesichts der Differenz zwischen
Vollbeschäftigungspostulat und realen Beschäftigungsproblemen können sie
ihre Interessen in diversen gesellschaftlichen Konfliktfeldern wie Umwelt-,
Technologie-, Verkehrs-, oder Energiepolitik weit besser
durchsetzen(Vobruba), und natürlich auch den beschleunigten Abbau sozialer
und arbeitspolitischer Rechte.
Fortschritt: Kann etwas weiterhin unbefragt Fortschritt genannt werden, was
weltweit Hunger, ökologische Katastrophen, Armut, Dummheit und barbarische
Konkurrenz JedeR gegen JedeN produziert?
Einkommen: Die Sonntagsversprechen vieler PolitikerInnen für gerechtes
Einkommen durch Erwerbsarbeit sind abzulösen durch die Forderung nach einem
bedingungslosem Grundeinkommen!
Der Stand der Produktivkräfte für eine Orientierung auf ein bedingungsloses Grundeinkommen ist zumindest in unseren Breiten – bereits längst erreicht, was dem entgegensteht sind die kapitalistischen Produktionsverhältnisse. Die erforderliche Werte-Umorientierung verlangt eine völlig neue Definition und Umwertung von Arbeit, Verteilung, Entlohnung und Konsum, auch zum Wohle der öffentlichen Haushalte. Diese wären dann nicht mehr so leicht über die Phrasen von Standortwettbewerb und Beschäftigung, die meist nur zweifelhaften Investorengruppen dienen, erpressbar.
Entweder das System oder wir
Das kapitalistische Wachstumsmodell ist an die Schranken von Natur und Gesellschaft gestoßen, es kann die zukünftigen Menscheitsaufgaben nicht mehr lösen. Das geistige Korsett der überlebten Werte, das sich derzeit besonders in den vielfältigen dummdreisten TV-Shows auf der Suche nach irgendwelchen Superstars immer brutaler und erniedrigender für die TeilnehmerInnen abfeiern lässt, verhindert die Rückkehr und Weiterentwicklung der eigentlichen menschlichen Werte, wie Gemeinschaft, Solidarität, Menschenwürde. Diese geistigen Sieger-Zwangsjacken müssen abgestreift werden, nur dann können auch die Zukunftsaufgaben der Menschheit, wie die demokratische und ökologische Umgestaltung der Wirtschaft, die Bekämpfung der weltweiten Armut, der optimale Ausbau des Bildungs- und Gesundheitswesens, sowie die längst fällige allseitige Entfaltung von Kultur, Kunst und Wissenschaft angegangen werden.
Den Werten von Oben müssen wir neue, an der ökologischen, sozialen und kulturellen Nachhaltigkeit orientierte Werte von Unten entgegenstellen und dementsprechend handeln. Gelingt uns das in absehbarer Zeit nicht, dann wird die wohl düstere Prognose eintreten: Entweder wir schaffen das System ab, oder es schafft uns ab.