
Von Bärbel Mende-Danneberg (20.11.2011)
Im nebeligen Novembernieselregen ist Schrems ein gar nicht einladender Ort. Viele Geschäfte des knapp 6.000 Seelen zählenden Städtchens, das erst 1936 in diesen Rang erhoben und kurz später von der NSDAP »übernommen« wurde, stehen leer. Blinde Auslagenscheiben, Verlassenheit, ein schmuckes Museum, ein leerer Hauptplatz, ein Grieche, der zur Pizza einlädt, von den zwei Wirten hat einer geöffnet und ein köstliches Mittagsessen zu erstaunlich fairen Preisen parat. Unübersehbar die Bipa-Hofer-Lidl-Welt …
Das alles ist wiederum nicht untypisch für das Waldviertel, diesem Nebelland, in dem die »Literatur im Nebel« international Anerkennung hat und wohin heimische LiteratInnen und KünstlerInnen sich in die Stille der Wackelsteine und ihren unsagbaren Sagen aus den Mooren zurückziehen vom Großstadttrubel. Sie leben nicht vom Acker und nicht vom Schuhemachen. Sie kaufen vielleicht in den Multi-Mega-Malls der Konzerne ein. Vielleicht aber auch beim Direkterzeuger.
Kreislaufwirtschaft
Ein paar Straßenzüge weiter weg vom Griechen ist ein Direkterzeuger in einem der wirtschaftlich verlassensten Winkel Österreichs: Heini Staudinger, mittlerweile ein Faktotum im edelsten Sinn (jemand, der alles besorgt), und der eine Idee vor sich herträgt wie einen Warenkorb mit einer Fülle von andersartigen Gedanken, mit Gegenständen zum Gebrauch und Rezepten, die zum (Über-)leben taugen. Ein Unternehmer, der unternommen hat, und zwar nicht zur Profitmaximierung. Sagt er. So etwas gibt es?
»Wenn es keine Werte mehr außer Geld gibt, droht uns der Abgrund. Oscar Wilde brachte es auf den Punkt: Er meinte: Ein Zyniker ist ein Mensch, der von allem den Preis und von nichts den Wert kennt. Diesen Zynismus haben wir in den letzten Jahren zur Genüge kennengelernt. Bankenrettung, Fukushima, Dritte-Welt-Ausbeutung, destruktive Arbeit, Hunger und Not und Psychopharmaka für diejenigen, die das nicht aushalten. Das ist keine Lebensperspektive.«
Wie macht das Heini Staudinger, der mittlerweile viele BewunderInnen, aber wenig NachahmerInnen hat? Kann denn Schuhemachen in so einem verlassenen Winkel überhaupt ein wirtschaftlich rentables Projekt in einer globalisierten, konkurrenzorientierten Welt sein? »Die Wirtschaft soll im Kreis laufen,« sagt er im Gespräch. »Die großen Konzerne haben ein hoch entwickeltes Staubsaugersystem Geld aus der Region abzusaugen. Raiffeisen etwa hat 320 Millionen Euro an Einlagen, und 180 Millionen suchen die Rendite auswärts. Die Kleinen können da nicht mithalten, müssen zusperren.«
Der Versuch, eine eigene Waldviertler Währung einzuführen, mit der das Geld in der Region bleiben sollte, war ein Lern- und Übungsfeld, meint Staudinger. So recht hat das nicht funktioniert. Immerhin gibt es heute noch Geschäfte, in denen man mit dem »Waldviertler« bezahlen kann. Staudinger: »Wenn Waldviertler für Waldviertler kaufen, haben Waldviertler für Waldviertler Arbeit.«
Blödes Konsumieren
Entstanden ist die Waldviertler Schuhfabrik aus einem selbstverwalteten Arbeitslosenprojekt unter dem damaligen Sozialminister Alfred Dallinger in den 80er Jahren. Angefangen hat es mit der Produktion von Schuhen, in denen man gehen kann, in einer Garage. Das Ziel war, die Jugendarbeitslosigkeit in der Region zu senken, nachdem etliche Firmen abgewandert waren. In den ersten 15 Jahren lebte das Projekt von der Hand in den Mund, es gab keine Gewinne. Später blieben die Gewinne immer in der Firma. »Eine gewisse Bescheidenheit ist Voraussetzung für so ein Projekt,« meint Staudinger. »Blödes Konsumieren ist blöd. Ich bin in einer Greißlerfamilie aufgewachsen, und die Devise war: Solange es ein Auskommen gibt, gibts nichts zu jammern.« Staudinger kommt als Chef mit 1.000 Euro monatlich aus, sagt er. »Ich habe kein privates Sparbuch und kein Konto, ich bin mit meiner Primitivmethode eigentlich gut gefahren: Dass man unter dem Strich etwas mehr einnimmt, als man ausgibt, Rechnungen immer gleich bezahlt und die Kontostände kontrolliert.«
Kollektive Bescheidenheit auch in der Bezahlung der insgesamt 120 MitarbeiterInnen im Waldviertel, davon rund 50 in der Produktion: Die Löhne bewegen sich zwischen monatlich 1.000 und 2.000 Euro, was bei Leuten mit höherer Qualifikation nicht immer leicht zu argumentieren ist. Frauen und Männer verdienen gleich viel, es gibt keine Akkordarbeit, dafür kostenlos zweimal wöchentlich einen Masseur und einen Arzt für die Belegschaft und Bioeier, Käse und Gemüse für die MitarbeiterInnen.
GEA ist mittlerweile ein Vorzeigebetrieb der Gemeinwohlökonomie. »Durch den Ab-Hof-Verkauf verdienen wir mittlerweile so viel, dass die Schuhfabrik finanziert wird.« Gleich hinter dem Laden in der Niederschremserstraße 4b ist die Produktionsstätte. Dort werden täglich 250 bis 300 Schuhe produziert diese mittlerweile international begehrten Treter von hoher Haltbarkeit, die nicht gerade billig sind. Seit der globalen Finanzkrise boomen die Schuhe, meint Staudinger die Leute vertrauen dem System nicht mehr. »Sympathie sucht neue Landeplätze,« sagt er in einem Interview mit Radio Niederösterreich.
»Wir haben ein Wirtschaftskonzept, das uns umbringt. Und wir spielen mit auch unser Betrieb,« sagt Heini, der prinzipiell alle duzt, aber das machen sie ja bei Ikea auch. »Unsere Konkurrenten sitzen in China und Vietnam, die mehr als die Hälfte der Schuhe zu Billigpreisen für Europa produzieren. Das Freihandelsdogma hat die Schranken abgebaut und nach China auf Null gesetzt, die Leute haben kein Gefühl mehr dafür, was ein Schuh kostet, es ist ein Wettbewerb um den billigsten Preis. Doch wir haben überlebt.«
Gast auf Erden
Überlebt in beachtlichem Ausmaß: 21 GEA-Filialen in Österreich, acht in Deutschland und eine in der Schweiz. Es werden nicht nur Schuhe produziert, Taschen, Möbel, Schafwolldecken, Socken, Matratzen finden sich ebenfalls im Sortiment. Als 2008 die Wirkwarenfirma Ergee insolvent wurde, hat Staudinger ein Jahr später die Ergee-Lagerhalle zugekauft. Dort finden die halbjährlichen Hausmessen statt, auf denen verbilligt Produkte der Firma angeboten werden. Und hoch oben am Dach wurde kürzlich eine Fotovoltaikanlage installiert, aus der neuen Hackschnitzelanlage kommt die Wärme, energietechnisch ist der Betrieb autark.
Noch etwas fällt auf beim Rundgang durch das Betriebsgelände: Die GEA-Akademie mit ihrem umfangreichen Seminarangebot stellt angenehme Räumlichkeiten mit Übernachtungsmöglichkeiten in eigenen Zimmern oder auf Matratzenlager zur Verfügung. Die wunderbare Vermehrung einer Idee, deren Ausgangspunkt eine Garage in Schrems war, ist auch nachzulesen in der Zeitschrift »Brennstoff« mit vielen gesellschaftskritischen Überlegungen und Artikeln sowie im »Waldviertler«, einer Mischung aus Prospekt und philosophischer Ideenbörse. Dort schreibt Heini: »Ich habe einen Freund, der verkauft Küchen in der Preislage von 50.000 bis 100.000 Euro. ( ) Jedes Detail ist durchdacht, jede Lade schließt mit einem sanften f-f-f-t, alles glänzt ( ) und nun, Freund/in frage ich dich: Wofür, wofür? Trotz dieser wunderbaren f-f-f-t Laden ist die Scheidungsrate nicht gesunken oder die Vitalität gewachsen.« Mit dieser Überlegung wirbt Staudinger für seine Gast auf Erden-Produkte, ein Modulsystem, in dem alles Mögliche in den Laden aus alten Gratis-Pappschachteln aufbewahrt werden kann.
Gast auf Erden zu sein, heißt, das globale Dorf wirtlicher zu gestalten. In diesem Sinn unterstützt Heini Staudinger viele Projekte in Afrika, mit einer Million Euro eingelangter Spenden werden Spitäler, eine Schule für Nomaden, eine Bildungseinrichtung für Behinderte und Frauenprojekte unterstützt. »Manche sagen, wir sind romantische Idioten. Aber unsere Wirtschaft hat einen dringenden Bedarf an einer Richtungsänderung. Die Klimakatastrophen sind Dokumente des Scheiterns. Die Gefräßigkeit unserer Wirtschaft ist zu einer Gefahr für die ganze Welt geworden. Die dazugehörige Konsumsucht tötet die Phantasie. Drum ist Umkehr Not-wendig. Wie? Einfach nicht mehr mitmachen beim großen Fressen.«?
Infos: www.gea.at
aus: Volksstimme Dezember 2011/Jänner 2012