
Von Tove Soiland (13.3.2009)
Gender Studies
Gegenwärtig ist oft zu lesen, Gender Studies stellten eine Weiterentwicklung des Feminismus dar, sozusagen die Theorie zur sozialen Bewegung. Dabei wird unterschlagen, dass Feminismus nicht einfach eine soziale Bewegung war, sondern eine im englischen Sprachraum noch heute existierende theoretische Kritiktradition. An diese schliesse ich an, wenn ich die machttheoretischen Grundlagen der gegenwärtigen Gender Studies befrage. Ich will also nicht an die Gender Studies die Messlatte des politischen Aktivismus anlegen, sondern fragen, ob ihr theoretisches Instrumentarium geeignet ist, Entwicklungen spätkapitalistischer Gesellschaften zu verstehen.
Gender Studies fragen nach der Herstellung der Zweigeschlechtlichkeit. Diese führen sie auf die normierende Wirkung von Gesetzen, Institutionen, Wissenschaftsdiskursen und Geschlechterrepräsentationen zurück. Abgesehen von der Frage, ob das Problem des Geschlechterverhältnisses als eine Frage der Geschlechtszugehörigkeit adäquat formuliert ist, möchte ich bezweifeln, dass sich die Geschlechtszugehörigkeit in dieser Weise normierenden und disziplinierenden Prozessen verdankt. Die Norm, so scheint mir, ist zum Fetisch der Gender-Theorie geworden, an der man sich abarbeiten kann, obwohl sie gesellschaftlich gesehen kaum mehr relevant ist, wir längst mit ganz anderen Anforderungen, Zumutungen und Machtkonfigurationen konfrontiert sind.
Dass es nicht Zwang und Norm, sondern Freiheit und Handlungsoptionen sind, von denen heute Herrschaftseffekte und, so meine These, auch neue Hierarchisierungseffekte zwischen den Geschlechtern ausgehen, lässt sich Foucaults Spätwerk entnehmen. Die Integration in spätkapitalistische Gesellschaften, so Foucaults These, erfolgt nicht primär über normative Zuschreibungen und Ausschlüsse, sondern über Freiheitsversprechen und das In-Aussichtstellen von Handlungsoptionen, die evtl. gar nicht existieren, die aber an ein Selbstmanagement des Individuums appellieren, das sich von einer solchen Aussicht nur allzu gern verführen lässt. ‚Brand your one sex‘ kann Teil dieser neoliberalen Führungsstrategie werden.
Foucault prophezeite bereits Mitte der 70er Jahre, dass die sexuelle Befreiung zu keiner Revolution führen würde im Gegenteil. Ich habe für mich daraus den Schluss gezogen zu fragen, ob die Befreiung von der ‚Zumutung‘, ein Geschlecht, und nur eins, sein zu müssen, nicht genauso ein Spiegelgefecht darstellt. Was heute fortschrittlich, subversiv, avantgardistisch ist, mir zumindest ist das nicht einfach klar.
Veröffentlicht in volksstimmen, März 2009