
Von Birge Krondorfer (14.3.2009)
Die seit Jahrhunderten männlich dominierte Kultur ist dabei, die Welt an die Wand zu fahren. Redebeitrag von Birge Krondorfer, ElfemA Wien, auf der ersten Wahlplattform-Konferenz der Europäischen Linkspartei November 2008 in Berlin.
Da es wichtig ist zu benennen, woher man kommt, damit das Gesprochene verständlicher wird, möchte ich mich ganz kurz vorstellen: Ich bezeichne mich als politische Philosophin und bin feministische Aktivistin. Und da die EL-FEM wunderbarerweise ein offenes Statut hat, man also nicht Parteimitglied sein muss, um sich zu engagieren, habe ich gemeinsam mit Kolleginnen in Wien die ElfemA gegründet. Wir organisieren gerade eine Konferenz im Rahmen des feministischen Netzwerks der EL. Mein zweiter Zugang zu dem Zusammenhang hier ist, dass ich Autorin bei transform! bin, der Zeitschrift des Bildungsnetzwerkes der EL.
Vielleicht kennen ja manche hier das Gerede vom Ende der Politik. Begriffe wie Postpolitik, Postfordismus, Postfeminismus, Postkolonialismus und Postdemokratie geistern durch Feuilletons und avancierte politische Wissenschaft. Wohl deshalb gibt es inhaltlich linke TheoretikerInnen, die vom Projekt einer Radikalen Demokratie sprechen. Radikal im Sinn von: umfassender Teilhabe, den Stimmlosen eine Stimme geben; und ganz wichtig dem Austragen von Antagonismen.
Postdemokratie bedeutet aber auch eine abgrundtiefe Ratlosigkeit angesichts des Endes einer bestimmten Politik- und Wirtschaftsform, d.h. angesichts des Endes der androzentrischen Organisationsform des Politischen. Die seit Jahrhunderten männlich dominierte Kultur (Profitmaximierung, Krieg und Gewalt sind nicht geschlechtsneutral!) ist dabei, die Welt an die Wand zu fahren.
Die Linken nehmen sich da nicht aus. Wir erinnern (alle?) die Debatten um Haupt- und Nebenwiderspruch, also der Verortung der sog. Frauenfrage am Nebenschauplatz. Das ist zwar theoretisch gegessen, aber praktisch noch nicht verdaut. Das Verhältnis von Marxismus und Feminismus ist auch eines von Männern und Frauen. D.h. wie auch hier und jetzt zu bemerken ist, wurden heute 5/6 der Redebeiträge n i c h t von Frauen gehalten. Das war ja schon immer so: der Mann repräsentiert das Allgemeine; die Frau ist der Sonderfall, deren Besonderheit darin liegt, ausbeutbar zu sein. Jawohl, Ausbeutung, das muss doch mal wieder ein öffentlicher Begriff werden. Mascha Madörin, eine bekannte feministische Makroökonomin, hat (für die Schweiz) berechnet: Würde die unterbezahlte Erwerbsarbeit von Frauen sowie die unbezahlte weibliche Reproduktionsarbeit bezahlt werden, so würde dies das Bruttonationalprodukt des Staates kosten. Das muss man sich mal vorstellen! Jenseits von Gleichheitsfloskeln lässt sich (pointiert) sagen: Frauen haben Pflichten, Männer haben Rechte.
Dennoch: Wir alle leben hier in der Komfortinsel global betrachtet. Das ergibt eine gewisse Schizophrenie insbesondere für linke ProtagonistInnen. Aber man könnte es sich hier leisten, das Geschlechterverhältnis endlich mal zugunsten der Frauen zu lösen. Das bedarf nicht nur neuer Denkungsarten, das bedarf auch neuer Modelle wie z.B. das Grundeinkommen o.ä., und das bedarf zuallererst der Arbeit an sich selbst, also der EU-Linken, wo, wenn es nicht nur um bloße Rhetorik gehen soll, diesbezüglich gehandelt werden muss. In Verbindung zu den verschiedenen Frauenpolitiken und als Vorbild! Denn welche, wenn nicht die Frauen, wissen, was es bedeutet, außen-vor zu stehen, keine Stimme zu haben. (Heute hatten ein paar Frauen Stimmrecht, aber es wird ihnen nicht wirklich zugehört.) Marx hat mal wo geschrieben: Jeder Schritt wirklicher Bewegung ist wichtiger als ein Dutzend Programme. Ein anderes Europa braucht nicht nur ein anderes Denken, sondern auch ein anderes Tätigwerden.
Bereits Simone de Beauvoir hat gesagt: Alle Feministinnen sind echte Linke, aber umgekehrt gilt das nicht. Ich finde, dies muss sich endlich ändern! Wo sonst, wenn nicht hier.
Veröffentlicht in volksstimmen, März 2009