KOMMUNISTISCHE PARTEI ÖSTERREICHS

Vom neoliberalen Umbau des Selbst

Von Heidi Ambrosch (5.3.2009)

Linker Feminismus? – Feministische Linke?

Drohung, Sanktion, Disziplinierung und Ausgrenzung – das ist auf den Nenner gebracht, was viele in der Bewältigung ihrer prekären Lebenswirklichke­iten heute objektiv erleben. Dass dies politisch beabsichtigt und ideologisch untermauert wird, ist weitgehend unbekannt. – Heidi Ambrosch über den neoliberalen Umbau des Selbst.

Scheinbar ferngesteuert hetzen immer mehr Menschen einem imaginären Leistungs-Hochgeschwindig­keitszug hinterher, ohne die Idee von Fragen zu haben, wohin der Zug eigentlich fährt, ob man da überhaupt hin will, orientierungs- und visionslos, was denn das eigene Reiseziel wäre. Denn objektiv bleibt immer weniger Eigen-Zeit für diese Fragen, die darüber hinaus vielleicht auch erst im Gedankenaustausch mit anderen Antworten finden lassen. Abgehetzt verfolgt man vorm Fernseher das Leben der Anderen.

„Und die Andersheit der anderen fordert sie nicht auf, zu wissen wer sie sind; ganz im Gegenteil: sie verstellen diese Frage, weil die Figuren in Filmen und Serien ja auch nicht gekannt sein wollen oder müssen. Anders gesprochen: Die Einsamkeit vor den Filmen und Serien ist nicht dem Alleine-Sein, d.h. dem Fehlen von unmittelbar Anderen geschuldet, sondern dem ohne sich sein.“

Drohungen und Abkoppelungen

Jung, flexibel, innovativ, kreativ, dynamisch, gesund und fit sowieso, durchsetzungsfähig, gewinnorientiert, risikofreudig, zielstrebig – das allein macht subjektiv atemlos, Angst und erschwert das mit sich sein. Denn wer dem nicht entspricht und somit den Zug nicht erreichen kann oder mit dem Boot gar nicht erst am Bahnhof ankommt, bleibt auf der Strecke, oder noch drastischer ausgedrückt, versinkt im offenen Meer. Die globalen Auswirkungen neoliberaler Ausgrenzungs-Politiken sind um die Dimension des Zu-Tode-Kommens zu ergänzen, die ich im Folgenden nicht ausführen kann. Aber diese nicht gespielten Bilder Anderer, die in den Massenmedien selten zu sehen sind, müssen wir uns durch andere Wissenszugänge erschließen, wollen wir nachhaltig verändern. Auch das erfordert Eigen-Zeit, um die wir auch jeweils persönlich ringen sollten.

„Die Job-Revolution […] wird keine betuliche Entwicklung, die Job-Inhaber aus geschützten Positionen überleben könnten. Dramatisch wird sie für jeden, dessen persönliche Lerngeschwindigkeit und Beschäftigungsfähig­keit mit der Dynamik […] nicht mehr Schritt hält…Der Wandel hat die Berufswelt abgehängt. Kein Berufsabschluss garantiert noch Beschäftigungsfähig­keit.“ (Peter Hartz)

Beschäftigungsfähig­keit – unzweifelhaft ein neuer Begriff, den Hartz eingeführt hat und der nichts anderes meint, als dass es in der Eigenverantwortung liegt, ob man am Markt verkäuflich ist, ob ein Unternehmen einen einstellt. Ganz selbstbestimmt wird suggeriert, es liegt in deiner Hand, das eigene Leben so auszurichten, dass du zu jeder Zeit und an jedem Ort, auf jede Dauer einsetzbar wirst. Sofern diesem Menschenbild etwas Freiheitsgewin­nendes eines sich individuellen Selbst-Entwerfen-Könnens abgerungen werden mag, es endet dort, wo die gleichzeitige Abkoppelung „wohlfahrtssta­atlicher“ Sicherungen spürbar wird.

Sanktionen und Disziplinierungen

Zumutbarkeit ist das zweite Schlüsselwort der Hartzvorschläge, die in ihren sozial- und arbeitsmarktpo­litischen Dimensionen von der bundesdeutschen Politik unter einer SPD-Grün-geführten Regierung 2005 aufgenommen wurden.

„Zumutbar ist es, sich selbst Sprachen anzueignen, IT-fit zu werden, sich im Internet bewegen zu lernen, fachlichen Anschluss zu halten, mobil zu bleiben und den Blick für Perspektiven zu schärfen …. Zumutbarkeit gehört zu den zentralen Begriffen für die Gesellschaftspo­litik der Zukunft. Jeder kann bei sich anfangen und nach seinen Möglichkeiten beitragen – überbrücken, strecken, befristen und auf der Zeitachse gestalten, neue Maßstäbe, Bewertungen und Überschriften finden. Wichtig ist, dass wir verstärkt über veränderte Erwartungen sprechen.“ Denn Zumutbarkeit ist laut Hartz weiter „die Rückseite des Leistungsprinzips. Wenn der Erfolg da ist, muss nach Leistung und Anteil bemessen werden. Setzt der Misserfolg ein, gilt die Regel der Zumutbarkeit.“

So folgt der Drohung die Sanktion, in Österreich hinlänglich bekannt in den diversen AMS-Zwangsmaßnahmen oder Aussteuerungen mit dem Ziel der Disziplinierung. Es geht um Zustimmung aller zur Eigenverantwortung, sei es in der freiwilligen Selbstausbeutung in den neuen selbstständigen Beschäftigungsfor­men, den „unternehmerischen“ Ich-AGs oder mehrheitlich in den noch unselbstständigen Beschäftigungsfor­men, wo die Zustimmung zur Umwandlung dieser in flexible arbeitsrechtlich ungeschützte Beschäftigungsver­hältnisse bei gleichzeitigem Reallohnverlust erfolgen soll. Letztlich geht es um die Zustimmung, sich andernfalls selbst schuldig zu fühlen.

Zurücksetzungen und Ausgrenzungen

In diesem Hochgeschwindig­keitszug, als den wir uns die Gesellschaft vorstellen sollen, bleibt die Frage nach den Geschlechterver­hältnissen leer. „Waren Frauen im alten fordistischen Modell zuständig für die psycho-physische Balance, für Freizeit, Gesundheit, Ernährung, Erziehung, sind sie bei Hartz doppelt freigesetzt. Sie sind die Abhängigkeit vom Ernährer ebenso los wie diesen selbst. Jede kann sich nun scheinbar gleichberechtigt in die Hochleistungsge­sellschaft begeben und versuchen, die genannten Aufgaben an die Gesellschaft oder an andere ungleiche Gesellschaftsmit­glieder, MigrantInnen zu delegieren. Die Gesellschaft jedenfalls schickt sie mittels Privatisierun­gspraxen und Sozialstaatsabbau an sie zurück, so dass sich in der Bewerbung ums Olympiateam sehr viele Behinderte finden, am Start mit Einkaufstüten und Babys im Arm.“ Selbst schuld?

Kornelia Hauser analysiert die Folgen für politische Handlungskompe­tenzen, die jeglicher Verelendungsthe­orie, nach der es den Menschen erst richtig schlecht gehen muss, damit sich etwas ändert, die Schranken weist:: „Fast zwei Dritteln der Gesellschaftsmit­glieder wird mehr und mehr die Verfügung über Raum und Zeit entzogen; d.h. ihre Fähigkeit, zu planen, Zukunftsprojekte zu entwerfen wird beeinträchtigt und gestört (vgl. Bourdieu, Pierre 1998). …. die Ergebnisse der Pisa-Studie verdeutlichte: „Was den Menschen zu schaffen macht ist nicht nur die materielle Zurücksetzung, sondern ein Komplex psychischer Belastungen: Nach anfänglichen Phasen subjektiver Auflehnung und Konzentration auf die Überwindung ihrer sozialen Randständigkeit setzen sich bei den Ausgegrenzten Tendenzen einer geistigen und emotionalen Verarmung durch: Die Neugier auf die Welt jenseits ihres unmittelbaren Lebensraumes, die als feindlich und anmaßend erlebt wird, stirbt ab. Eine planende und gestaltende Einflussnahme auf die eigenen Lebensbedingungen haben die meisten in dieser Situation aufgegeben.“(Sep­pmann, Werner 2006, S. 7)

Von der Notwendigkeit einer neuen Frauenbewegung

Es scheint absurd: Es sind derer gar nicht wenig Frauen, die davon ebenso überzeugt sind wie wir KPÖ-Frauen. Die zentralen Forderungen wie die Visionen eines guten Lebens sind schon mehrmals in den letzten Jahren in unterschiedlichen feministischen Kontexten zusammengetragen worden, auch das Entsetzen, was Frauen an Sexismen heute wieder zugemutet werden kann, ohne dass massenhaft Weiberhorden hinausströmen und Plakatwände mit sexistischer Werbung entsprechend kommentieren.

Dennoch will so gar keine Idee aufkommen, wie unsere Wut im gemeinsamen, anhaltenden, bewegungsförmigen Widerstand umgesetzt werden könnte. Dabei wird es immer obszöner, wie der Reichtum größer, das Einkommen für die weibliche Mehrheit aber immer weniger wird, dass Überarbeitung viele Frauenleben kennzeichnet und gleichzeitig die Zeit, die Menschen für die Erarbeitung des Überlebensnot­wendigen aufbringen müssten, auf einen Bruchteil geschrumpft ist. Ich frage mich daher, inwieweit ich/wir selbst schon zugerichtet sind, wenn wir uns das gefallen lassen?

Aber vielleicht – gleich drei Orte im Frühjahr dieses Jahres bieten Möglichkeiten des feministischen Austausches und der Vernetzung. Nutzen wir diese, um das vielleicht doch Mögliche zu denken, in all unserer Differenz das „Wir“ in feministische Praxen zu übersetzen.

Anmerkungen:

1)

Veröffentlicht in volksstimmen, März 2009

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