KOMMUNISTISCHE PARTEI ÖSTERREICHS

<Momentum_Solidarität>

Von Kornelia Hauser (17.1.2011)

QUELLEN VON SOLIDARITÄT

1. HISTORISCHE EINBETTUNG

Aus Brüderlichkeit wurde Solidarität. Das Erbe der französischen Revolution muss durch die „Eiswüste der Abstraktion“ (Walter Benjamin) gehen und kann erst dann beim Individuum ankommen. Aus den Brüdern gleich in Gott, wurden die Brüder gleich im Staat und vor dem Gesetz.

Der Bruder war eine aus der unmittelbaren Erfahrung über-setzte Grösse, die die durch Blutsbande hergestellte Verantwortung gar nicht erst infrage stellen ließ. Die Verwandtschaf­tsverhältnisse bilden den normativen Anker, der dem Geforderten erst Halt gibt. Diese Verantwortung als Tun lässt sich im Wort „Brüderlichkeit“ mithören und zugleich erweitern: Zu dem Bruder im Blute gesellte sich der Bruder im Geiste – Geistesverwan­dtschaften können Blutsverwandtschaf­tsqualität in der Verbindlichkeit erhalten. Was in der Familie die Nestbeschmutzung ist im gesellschaftlichen Leben der Verrat am Gleichen.

Die Idee, dass das, was im kleinsten Ensemble des Sozialen – der Familie – vorausgesetzt werden kann, sich auch durchsetzen möge im größten – der Menschheit – hat vielerlei Schäden erlitten: nicht nur ist die Idee männlich eingerahmt, sie hat auch die Familie unterschätzt: nur das Bürgerkind wird in eine Familie hineingeboren, das proletarische Kind hingegen in eine Klasse (Walter Benjamin) und so verteilen sich bei der Durchsetzung der aufgeklärten Vergesellschaf­tungsformen die Ressourcen. Die Menschheitsidee wurde in Nationen eingezäumt, deren Überschreitung historisch selten nachhaltig gelang.

Die Kleinfamilie mit ihren Unmittelbarke­itsbeziehungen ist nicht nur die Brutstätte der Sexualität (Foucault), sondern auch systemisch zentraler Ort für die Reproduktion von Herrschaftsver­hältnissen. Dass sie von konservativer Seite immer weiter als „für die Gesellschaft „unabdingbar“ angerufen wird verschweigt, dass sie als Sozialverband, ohne den die Schwachen, Alten, Kranken und Nicht-Erwachsenen unversorgt blieben, gebraucht wird, da Alternativen nicht finanziert werden. Die „Generationen­solidarität“ wird hier noch ganz in Blutsbanden ohne Abstraktion gebraucht.

Der Sozialstaat, der das Versprechen realisierte, dass niemand allein verkommen müsse, war hingegen in der Logik (intelligibler) Solidarität gebaut.

Die „Brüderlichkeit“ ist eine Forderung, deren Konnotationen vom Selbstverständlichen bis zum ganz neu Herzustellenden reichen und zugleich durch ihre Aussprache wach hält, dass die Menschenrechte nicht naturhaft „angeboren“, sondern erkämpft sind und somit von jeder und jedem wieder erstritten werden müssen.

Der Begriff, das Wort, die Forderung „Solidarität“ erschließt sich schwieriger: die Flüchtigkeit einer wählbaren Moral ist darin historisch ebenso erhalten wie die teils schweren Kämpfe, sie herzustellen. Und der normative Anker ist – da auch er historisch-gesellschaftlich hergestellt werden muss – von den politischen Bedingungen, dem Stand der Befreiungskämpfe und der gesellschaftlichen Einsicht in Gerechtigkeit und Gleichheit ausgesetzt.

2. KRITIK ALS SOLIDARITÄT

Jedwede mögliche Solidarität findet in gesellschaftlichen Machtverhältnissen statt. Sie zu durchdringen ist Voraussetzung und zugleich wird die Durchdringung durch solidarisches Tun hergestellt: „Praxis macht politisch klug; Abstinenz von ihr dumm.“(1) Macht – als intelligibles und diskursives Phänomen – besteht darin, die Grenzen des Sag- und Denkbaren und vor allem des Akzeptierten und Akzeptierbaren, Gerechtfertigten zu bestimmen.(2) Die Kritik der Macht ist das Infragestellen der bestehenden Gründe und Rechtfertigungen.

Mögliche Solidarität bedarf also der Gründe, der Anker, die sich mit historisch und biografisch erworbenen Maßstäben verbinden, die als Erfahrungen ausgewertet und verdichtet werden, die die Lebenswelt erkunden und deren Möglichkeiten und Grenzen als ermöglichende und verhindernde gesellschaftliche Sinnhorizonte ausgewertet wurden. Mögliche Solidarität ist also an komplexe sinnlich erfahrbare und intelligible verarbeitete Voraussetzungen gebunden, wenn sie als Selbstbestimmungakt gefasst werden soll.

In der – wie Emile Durkheim dies theoretisierte – mechanischen Solidarität, die auf gemeinsamen Merkmalen beruht (wir Frauen, wir Bauern, komplizierter schon wir Arbeitenden) wird das einigende Merkmal der Brüderlichkeit nachgebildet und wie eine Verwandtschaft, die erkennbar ist behandelbar. Wir und Ihr ist eine zwar auszuhandelnde aber doch einziehbare Grenze. Die Kritik an den bestehenden Verhältnissen wird durch dieses ausgrenzende und gegenübergestellte Wir möglich und die Erkenntnis über die eigene Lage verdankt sich der Gegenüberstellung und dem Vergleich. Die organische Solidarität basiert auf einer abstrakten, nicht mehr sinnlich erfahrbaren oder sichtbaren Gemeinsamkeit, die das Angewiesensein aufeinander transportiert. Sie rekurriert auf die gesellschaftliche Arbeitsteilung, die in ihrem Herrschaftscha­rakter die voneinander abhängigen Gruppen und Individuen trennt und gegeneinander stellt. Die Kritik, die in dieser Solidarität transportiert wird, zeigt einen hohen Grad an Erkenntnis in die gesellschaftlichen Widersprüche und sie beinhaltet die Vorstellung eines Wirs, das potentiell die Menschheit umfasst. Sie ist die politische Fassung der Gattungsfrage. Jenseits ihrer Aufspaltung in „Rassen“, Klassen, Geschlechtern eint sie die Gemeinsamkeit, so dass die Aufspaltung der Gattung in „Unterschiedenes“ selbst schon als Herrschaft, die kritisiert werden muss, gefasst werden kann. Solidarität hat ihren Referenzpunkt in der Gattung, sie wird aus der Position der Abspaltung (in Klasse, „Rasse“, Geschlecht) gesprochen für das Ganze, das unteilbare Gattungswesen. Die Logik von „Gerechtigkeit“ hat denselben Referenzpunkt: das Gattungswesen, „das allseitigen Reichtum schaffen kann, aber aufgrund der Einrichtung der Gesellschaft davon ausgeschlossen ist, diese Fähigkeit im vollen Umfang zu verwirklichen und zu genießen“(3) – es muss sich solidarisieren, um „seine Persönlichkeit durchzusetzen“ (Mar­x)

Die Grundlage einer solchen Solidarität, die das „menschliche Wesen“ nicht normativ aber doch verallgemeinerbar fasst ist, die 6. Feuerbachthese von Marx, dass das menschliche Wesen kein dem Einzelnen innewohnendes Abstraktum, sondern das Ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse ist. Oder anders formuliert: „Menschen sind aus anderen Menschen zusammengesetzt, das heißt Produkte fremder Beiträge zu ihrer sozialen Geschichte. Mann kann sie gar nicht alleine denken.“(4) Diese These hütet den gesellschaftlich gewendeten Gattungsbegriff und formuliert ihn als Aufgabe, die Gattung nicht spalten zu lassen und sich ihren Entwicklungsmöglichke­iten praktisch zuzuwenden.

3. QUELLEN VON KRITIK UND SOLIDARITÄT

Wenn der Begriff der Handlung (gegen seine rationalistische Vereinseitigung) sowohl als Erleiden von Etwas als auch als aktives Tun zugleich gefasst wird, ist Solidarität die Anerkennung des Ausgesetztseins eines jeden Individuums und seine Möglichkeit das Ausgesetztsein aktiv zu minimieren. Solidarität ist unter dieser Voraussetzung als Versuch von kollektiver Selbst-Vergesellschaftung zu fassen; als eine Zurückdrängung des Staates, der die individuellen gesellschaftlichen Kompetenzen in sich konzentriert und als Wohlfahrts-Gewaltstaat von oben nach unten strukturiert verteilt. Solidarität ist eine zivilgesellschaf­tliche Zurückeroberung von Definitions- und Handlungsmacht, die das Recht auf das zu Verallgemeinernde für sich reklamiert.

Die Quellen von Solidarität sind

  1. die Einsicht in die eigene verallgemeinerbare Natur: „Die Natur des Menschen ist jedoch seine Geschichte, es ist kein Rückgriff auf eine andere Natur möglich; innerhalb dieser Geschichte kann er sich als Vernunft auf sich beziehen“(5).
  2. Die Einsicht in die eigene besondere Geschichtlichkeit der eigenen Natur: z.B. als „Rasse“, Klasse, Geschlecht. Nur in der Zurichtung dieser Besonderheiten sind gesellschaftliche/so­ziale/kulture­lle Erfahrungen machbar. Alle drei Dimensionen sind jedoch verstellt durch Naturalisierun­gsdiskurse, die die Einsicht in die Geschichte der eigenen Besonderheit systematisch verhindern. Soziale Bewegungen, die diese drei Dimensionen in Politik übersetzen kritisieren somit einen wesentlichen Herrschaftsaspekt, der die Verbesonderung von Gattungsaspekten ins Natürliche verschiebt, um es dort wie „Natur“ zu bearbeiten (rechtlich als besondere Fürsorgegesetze für Frauen, medizinisch als Reproduktionsme­dizin, politisch als Genetik und Hirnforschung (politisch deshalb, weil die Forschungsergeb­nisse politisch instrumentalisiert werden).
  3. Die – seit zwei Dekaden systematisch angegriffene – praktische Erkenntnis, die wir Hegel verdanken, dass das individuelle Selbstbewusstsein sich dadurch auszeichnet, dass es sich auf sich selbst beziehen kann und dass es im anderen sich und den anderen an-erkennt, dass das Individuum sich also nur hat, indem es durch den anderen zu sich kommt. Die Definition des „Anderen“, mit dem wir uns umgeben sollen wird im Neoliberalismus deutlicher von oben formuliert – als Notwendigkeit, da sich die gesellschaftlichen Mischungsverhältnis­se nicht mehr in engen Klassengrenzen reproduzieren lassen: Wohnviertel aus denen weggezogen werden soll, wegen eines zu hohen Anteils von „Anderen“ (die seit 10 Jahren aktuelle Debatte um Integration in Deutschland); selbstbewusste Frauen, die sich fernhalten sollen von jenen, die es nicht geschafft haben (die Scheidung von Täterin und Opfer wie z.B. in Thea Dorns buch: Die neue F-Klasse); soziale Netzwerke, die in die Arbeitsbiografie integriert werden können (z.B. Barbara Ehrenreichs Buch: Qualifiziert und Arbeitslos oder Botanksi/Chiapello: Der Neue Geist des Kapitalismus). Anstelle von engen „Rasse“/Klasse/Gen­der-Definitionen lassen sich deutlicher soziale Differenzierungen finden, die jedoch alle aufgeladen sind und vor allem plausibel gemacht werden mit den alten Kategorien: Frauen mit der reproduktiven Besonderheit („deshalb“ fehlen sie in den Eliten); AusländerInnen, die religiös statt gebildet sind („deshalb“ integrieren sie sich nicht); Arbeitende ohne ausreichende Aspiration („deshalb“ sind sie erwerbslos).
  4. Es wird noch in Klassen vergesellschaftet aber es nicht mehr in Klassen erlebt. Die Vergesellschaftung durch Klassen wird gesellschaftlich negiert und ist unentwegter öffentlicher Debatte ausgesetzt, indem die Herkunft bestimmter Individuen durch staatliche Maßnahmen „bekämpft“ wird. Aber: „Durch die Abnormalität der underclass wurde das Vorhandensein von Armut normal.“(6)
  5. Das Heraustreten aus den kapitalistisch hergestellten – fast gewaltförmig auftretenden – Unmittelbarke­itsverhältnis­seen, die als Konsumgesellschaft in die Kritik geraten.(7) Die Konsumgesellschaft unterstellt die Wahlfreiheit als Kompetenz auf Seiten der KonsumentInnen. Der „Sinn“, der Gebrauchswert über den entschieden und was gewählt werden soll ist jenseits der verzaubernden Einkaufswelten verortet.

4. VERGESELLSCHAF­TUNG UND SOLIDARITÄT

Neoliberale Bedingungen vollziehen einen radikalen Bruch mit dem fordistischen Kapitalismus: war letzter ein Zeitmodell, das die Arbeitskraft zum Marktpreis verkaufen ließ, d.h. für einen Lohn, der sich auf die vergangene Zeit bezog, beziehen sich die Einkünfte auf das „Kapital Arbeitskraft“, das mit der Person ganz und gar verbunden ist. Das Individuum verpersönlicht dieses Kapital im Aussehen, im Habitus, in der Lebensführung. Sich selbst als Kapital, als Quelle von (zukünftigen) Einkünften zu sehen unterstellt das „unternehmerische Selbst“, eine Figur, die man/frau nicht ist, sondern auf Dauer gestellt wird. Sie wird mit Appellen angerufen (Althusser), sie soll sich modellieren, an sich „arbeiten“, soll sich selbst regieren; kurz: ein normatives Modell der Lebensführung praktizieren.(8)

Bis in die 80er Jahre des 20. Jahrhunderts galt die Arbeit an der Seele als eine private Aktivität der Glückssuche, die auch der Erwerbsfähigkeit zugute kam. Anti-behavioristische Konzepte (vor allem Varianten der Psychoanalyse) waren zentral.

Jetzt ist der Behaviourismus fast schon Staatspsychologie und ein Versprechen auf Glück und Zufriedenheit auf allen Feldern. Nicht Freisetzung von vorhandenen Kräften, sondern behavioristische Verhaltensmodi­fikation in allen Lebensbreichen ist die Losung. Die seit den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts andauernde Psychotherapeuti- und Sozialpädagogi­sierung der Gesellschaft leistet heute gute Dienste bei der „plausiblen“ Übernahme des Ethos der „Arbeit an sich selbst“. Den dicken Kindern wird fehlende Moral genauso angesehen wie die Folgekosten, die auf die Gesellschaft zukommen, die Bedingungen, das Milieu, die Vernachlässigung, das falsche Verhalten. Es gibt besseres Verhalten und es kann ausgesprochen werden. Es kann sogar angeordnet werden. Stellt man z.B. die angebliche Fettleibigkeit der Nachgeborenen in den Kontext der angestrebten Bildungsreformen, erhalten die überflüssigen Pfunde sofort ein anderes Gewicht. Ganztagsschulen flächendeckend. So heisst das Programm. Und da alle, wenn es um das Gewicht geht, über Bewegung sprechen, böte sich Sport an: es gibt das „positive Wirkungsversprechen des Sports“ (Körner(9)).

Die Diskurse – verwahrloste Kinder, Bildungsnotstand, soziale Vererbung werden zeitversetzt und an verschiedenen Orten geführt, enthalten Schnittmengen und nehmen erst, wenn man/frau sie nebeneinanderlegt, eindeutigere Botschaften an, die die anvisierte Selbstdiszipli­nierung der Subjekte freilegt. Disziplin ist „die Kunst der Zusammensetzung von Kräften zur Herstellung eines leistungsfähigen Apparates“ schreib Foucault bezogen auf die Abrichtung des Körpers.(10) Eine „Grammatik der Härte“ steht neben einer „Grammatik der Sorge“, die beide übergangslos in einem multiplen Selbst selbst „gesteuert“ werden sollen.(11)

Verhaltensanfor­derungen zentrieren die Aufmerksamkeit auf die Kontrolle der „Arbeit an sich selbst“ und blenden die Kontrolle über die Handlungsbedin­gungen aus. Das Verhältnis zu den Verhältnissen wird in ein Selbst-Verhältnis aufgelöst. Der Soziologe Alain Ehrenberg hat den veränderten Fokus der Psychologie so beschrieben: sie richtet „ihre Aufmerksamkeit nicht mehr hauptsächlich auf Konfliktbewälti­gung, Schuldgefühle und Angst, sondern auf psychisches Versagen, innere Leere und inneren Zwang.“(12) Die Selbstdefinition der Individuen erfolgt über die Identität und nicht mehr über die Identifikation. Eine Identität, die aus inneren Ressourcen und Eigeninitiative besteht, zugleich aber kein Kern ist, sondern ein Projekt, das in viele kleinere Projekte geteilt: das lebenslange Lernen hat sowenig ein Ende wie das persönliche Wachstum. Es hält die Subjekte in mentaler Bewegung, so wie sein Körper in die Bewegung bewegt wurde.

Ehrenberg begründet dies mit dem Verschwinden der Erfahrung von Konflikten zugunsten des Zwanges „zu genügen“. Man kann seine Untersuchung über die Zunahme an Depressionen und die Abnahme von psychischen Erkrankungen, die auf Schuld gründen, als Umbau von fremdbestimmten Erfahrungen lesen: „Die Norm verletzen heißt von nun an weniger ungehorsam zu sein als vielmehr handlungsunfähig. Darin liegt eine andere Vorstellung von Individualität­.“(13)

Der theoretische Paradigmenwechsel bezieht sich auf den Begriff des Subjekts, der jetzt nicht mehr innerhalb der Disziplinarge­sellschaft – wie sie von Foucault analysiert wurde – zu theoretisieren ist, sondern in den gesellschaftlichen Institutionen des Selbst. „Die Verschiebung vom Gehorsam zum Handeln, von der Disziplin zur Autonomie, von der Identifikation zur Identität haben die Grenzen zwischen Bürger und Individuum bzw. zwischen Öffentlichkeit und Privatleben verwischt.“(14) Ehrenberg schlägt vor die zu einfache soziologische Bestandsaufnahme einer „Psychologisierung der Gesellschaft“ dahingehend zu verändern, dass das Persönliche und Psychische wie nie zuvor als gesellschaftlicher Teil, als Regulations- und Bindekraft der Gesellschaft zu begreifbar wird

5. SOLIDARITÄT UND EXKLUSIONEN

Lessenich und Nullmeier(15) machen drei Sozialfiguren der gesellschaftlichen Abspaltung aus: die Überflüssigen, die Abweichenden und die Unsichtbaren. Als überflüssig gelten diejenigen, die für die überlebensnot­wendigen Systemfunktionen keine Rolle spielen. Sie werden nicht gebraucht oder anders formuliert: die man durch Zuschreibung nicht zu brauchen meint. Sie sind nicht mehr mit dem Wort „VerliererInnen“ zu fassen, sie stehen im Abseits. Damit nicht die falschen inneren Bilder auftauchen: hier ist nicht die Rede von Obdachlosen, sondern auch älteren, dequalifizierten und demotivierten Langszeitarbe­itslosen. Im herrschenden Vokabular werden sie auch als Leistungsverwe­igerer und WertverzehrerInnen stigmatisiert.

Die Sozialfigur der Abweichenden umfasst jene Personen, die den institutionali­sierten gesellschaftlichen Normalitätsannahmen nicht in hinreichendem Maße genügen. Hier finden sich eine Vielzahl von Diskursen die ganze Landstriche mir ihren Menschen bezeichnen können (die Ostdeutschen) über „Unterklassen“ Definitionen bis hin zur Normalisierung der Körper, was dessen Pflege, Gewicht, Sexualität und Reproduktionslust angeht. Dieses Gewebe an Diskursen wird immer enger gewoben und enthält zugleich Spielbeinqualitäten, weil das was als a-normal, integrationsfrag­würdig gilt in zeitlich kurzen Schüben mal dominant mal marginal angeordnet wird. Diese Diskurse enthalten längst einen pädagogischen Imperativ, indem den Ordnungsunwilligen Ausschluss gedroht werden kann, da er schon sichtbar ist.

Der Gruppe der Unsichtbaren ist es nicht möglich, ihre persönlichen oder auch partikularen Bedürfnisse, Positionen und Interessen im gesellschaftlichen Zusammenhang Geltung zu verschaffen. Sie können im Sinne des Wortes keine Zeichen setzen.

6. EIN NEUER SOLIDARITÄTSBEG­RIFF

Thomas Seibert formuliert die Aufgabe so: „Traditionell zielte Solidarität auf die Vereinheitlichung und Vereinigung der Vielen, auf die Herstellung eines alle einzelnen umfassenden Bandes und war deshalb ein Prinzip des Einschlusses, der Identität. Wenn ich dem entgegenhalte, dass Solidarität immer dem oder der Anderen gilt, dann meine ich damit in einem radikalen Sinn, dass sie dem oder der gilt, die nicht mir gleich sind, die nicht zur Gemeinschaft der Gleichen gehören. Sie ist damit kein Prinzip der Identität, sondern eines der Differenz, der Vielheit und nicht der Einheit. Deshalb ist die kommende Internationale nicht das, was alle Nationen einschließt und vereinheitlicht, sondern dass, was aus den Nationen auf- und ausbricht, was sie durchquert und sich davonmacht, was ins Freie und Andere fortzieht. Sie ist die Internationale des Anderen.“(16)

zur Verfügung gestellt für die Vorbereitung des KPÖ-Frauensemiars, Februar 2001: „Solidarität unter anderen Umständen“ , in Krug/NÖ

Anmerkungen:

(1) Dath, Dietmar: Maschinenwinter. Wissen, Technik, Sozialismus. Eine Streitschrift. Frankfurt/M. 2008, S. 15

(2) Vgl. Frost, Rainer: Der Grund der Kritik. Zum Begriff der Menschenwürde in sozialen Rechtfertigun­gsordnungen. In: Jaeggi, Rahel u. Tilo Wesche (Hg.): Was ist Kritik? Frankfurt/M 2009 (s. 150–164, hier: S. 158)

(3) Dath, a.a.O., S. 27

(4) Dath, a.a.O., S. 71

(5) Heydorn, Hans-Joachim: Über den Widerspruch von Bildung und Herrschaft. Werke Band 3. Wetzlar 2004: S. 241

(6) Bauman, Zygmunt: Leben als Konsum. Hamburg 2009, S. 179

(7) vgl. exemplarisch: Bauman, Zygmunt: Leben als Konsum. Hamburg 2009

(8) vgl: Bröckling, Ulrich; Das unternehmerische Selbst. Soziologie einer Subjektivierun­gsform. Frankfurt/M. 2007. Ders., Krasmann, Susanne und Thomas Lemke: Gouvernementalität der Gegenwart. Studien zur Ökonomisierung des Sozialen. Frankfurt/M. 2000

(9) Swen Körner: „Dicke Kinder – revisited“. Zur Kommunikation juveniler Körperkrisen. transcript Verlag, Bielefeld 2008.

(10) Michel Foucualt: Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses. Frankfurt/M. 1976, S. 212

(11) vgl. Ulrich Bröckling: Das unternehmerische Selbst. Frankfurt/M.2007, S-65–73

(12) Alain Ehrenberg: Depression. Die Müdigkeit, man selbst zu sein. In: Carl Hegmann (Hg): Endstation Sehnsucht. Kapitalismus und Depression I. Berlin S. 124

(13) ebd. , S. 104

(14) ebd., S. 137

(15) Lessenich, Stephan und Frank Nullmeier (Hg.): Deutschland eine gespaltene Gesellschaft. Frankfurt/M. 2006. S. 12–15

(16) www.labournet.de/…seibert.html

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