KOMMUNISTISCHE PARTEI ÖSTERREICHS

Verführung durch Choreografie

Momentaufnahme aus der Kunstperformance zur Eröffnungszeremonie in Peking (foto: http://en.beijing2008.cn)

Von Hans-Dieter Schütt (11.8.2008)

Welches (sportliche) Großereignis trachtet nicht danach denjenigen der es ausrichtet im besten Licht zu zeigen? Trotzdem ist es unmöglich nach der Eröffnungsfeier der Sommerolymiade in Peking eine Zeitung aufzuschlagen in der nicht gegeifert und Angst gemacht würde. Hans-Dieter Schütt macht sich in einem treffenden Feuilleton auf nd-online Gedanken zur einseitigen Sichtweise der Dinge von diesem Ende der Welt aus:

Wider und Für: die olympische Eröffnungsfeier, ein anderes Sportstück, Staat und Stadel
Vor Monaten, es war die Zeit der Hoch-Zeit antichinesischer Proteste, als sich das Olympische Feuer, heftig angeblasen von eingeschnürtem tibetischem Atem, durch die Welt nach Peking kämpfte, da las ich im »Neuen Deutschland« – ein Leserbrief, ein Kommentar? – von Herablassung: Diese Feuertransport-Tradition sei doch ohnehin erledigt, sei belastet, sei ein großer Makel der olympischen Vorspiele, denn schließlich war Nazi Carl Diem, Hitlers Obersportfunkti­onär, der Urheber dieser Idee.
Zu Sozialismus-Zeiten hatte ich nichts von derlei deutlicher Verachtung gegenüber der Fackel gehört. Wäre Erich Honeckers Plan, die Olympischen Spiele in die DDR zu holen, aufgegangen – hui, da hätte aber neben dem allgemeinen Begeisterungsfeuer auch die konkret getragene Fackel ein selten glühendes Lodern erlebt, so, wie sie immer dazugehörte: zu den Spartakiaden, zu den FDJ-Zügen Unter den Linden, zu den Manifestationen im öffentlichen Pathos-Raum; immer schon zählte das Feuer zur linken Ikonografie, geschrieben oder geschwungen, von Lenins »Iskra«, dem Funken, über Karl Kraus' Zeitschrift »Die Fackel« bis hin zu den Lichtdomen sonstiger Steigerungsfeiern; wir fackelten nicht lange und ließen lang die Fackeln brennen, nahmen solch Feuer regelmäßig in den Dienst des unaufhaltsamen Fortschritts. Ja, auch die Fackel ist mit daran schuld, wenn die Diktaturen in den unangenehmen Vergleich gezwungen werden. Alter Wein und neue Schläuche, und in vino veritas: Rausch bleibt Rausch.
Der Fackeltransport also war das Vorspiel, die Eröffnungsfeier der Pekinger Spiele am Freitag der eindrucksvolle Höhepunkt des Spiels von Bildermasse und Massenbild. Zunächst kann ich der Zeitung »Die Welt« sogar zustimmen, wenn sie schreibt, »wie da der Einzelne zum Tupfer in der Landschaft wurde, das hatte den totalitären Zug, den wir aus kommunistischen, faschistischen und nationalsozia­listischen Großinszenierungen kennen«. Das ist bitter wahr. Von Stalins Geburtstagfeiern in Moskau, vor dem Zweiten Weltkrieg, berichteten englische Korrespondenten, es sei eine »gigantische Choreografie« abgelaufen, »die den Zuschauer aus der Szene bannte, denn diese Schau der menschlichen Metaphern hatte einzig nur massenhaft sich ballende Teilnehmerscharen«.
Und doch belustigt, belästigt, beleidigt da ein westlicher Oberlehrerton: Gegen das von sich selbst und seinem olympischen Auftrag befeuerte China wird eine dauerbrennende Mahnkerze in die Medienfenster gestellt – das man sich etwa bei Bushs Überfall auf Irak nur ansatzweise gewünscht hätte. In den derzeit aktuellen westlichen Tönen gegen Peking – unablässige Monotonie der Geißelung – schlägt eine Arroganz durch, die keine Fähigkeit der interkulturellen Vermittlung mehr erkennen lässt. Man schaut auf Peking und plappert von Leni Riefenstahl, als seien die kulturellen Konditionen und Traditionen eines Vielmillionenvolkes und seiner unendlich langen Geschichte absolut nahtlos in die Schablone Hitlerscher Weltreich-Hysterien zu pressen. Abendland, gute Nacht!
Natürlich darf man distanziert über den ästhetischen Mechanismus eines Menschenbauste­inkastens nachdenken, der in Nordkorea, im Parteiauftrag, seit Jahrzehnten ähnliche Show-Bilder wie bei Olympia produziert; man darf anhand dessen über die unterschiedlich ausgeprägte Achtung gegenüber dem einzelnen, kleinen Wesen Mensch in Asien und Europa sinnieren – aber wer hat das Recht, von sich selber abzusehen, nur weil die sehr andere Größenordnung eines anderen Volkes ein speziell kompliziertes Verhältnis von überschießender Kollektivität und Individuum mit sich brachte?
Meint man Kritik an solchen so maßlosen wie ergreifenden Choreografien à la Peking wirklich ernst, dann muss man auch den Mut aufbringen, den chinesischen Monumentnerv aufs Prinzip herunterzurechnen, und das ist ein generell überkommenes, veraltetes Prinzip, das auch in uns lebt. Dann steht nämlich auch jeder deutsche Parteitag mit seinen öden Führer-Feiern und applausberauschtem Huldigungsritus zur Diskussion, jede Latscherei auf rotem Teppich und vor Ehrenformationen, Frankreichs klimpernde, flugschauerliche Kostümparade zum Nationalfeiertag; jegliche Parade muss dann als Beleidigung des Individuums gelten, und über die ins Millionenfache gehenden Uniformierungen eines genormten Berufslebens in Amt, Verwaltung, Bank- und Beratungswesen soll gar nicht geredet werden. Nichts ist im Zeitalter der prononciert aufgerufenen Individualität so verbreitet wie die Masseninszenierung einer reibungslosen Einpassung. »Freiheit heißt«, sagt Heiner Müller, »die Augen zumachen zu dürfen vor dem Metropolis, in dem Millionen im Takt, in Reih und Glied durch ein unsichtbares Maschinendasein stampfen – wer nur hat dies Bild gebaut, in dem wir Steinchen sind fürs Massen-Mosaik, das Hitler und Stalin überlebte?« Elfriede Jelinek schrieb und Einar Schleef inszenierte das legendäre »Sportstück« nicht im Blick auf parteidiktatorische Selbstdarstellun­gen, sondern wegen des Zusammenhangs »von kapitalistischem Leistungsdruck, durchrhythmisiertem Körperwahn und darübergeschmiertem Trugbild der Lockerheit und Ideologiefreiheit«.
»Wie da Mensch in Mensch gefügt wurde«, schrieb »Die Welt« über die Eröffnung – aber es sei ergänzt: Wie da doch auch Mensch in Mensch gefügt wird, wenn es um Bilder andernorts geht. Wenn ein Staat, eine Partei, eine Armee, eine Staats- oder Stadelkultur ihr wirkungsgeiles Bild entwerfen.
Roger Willemsens Bemerkung am Freitag in »Kulturzeit« auf 3sat, mit jenem kleinen Mädchen, das im Stadion Chinas Hymne sang, beginne eigentlich schon die Menschenrechtsver­letzung, sei dann bitteschön auch jedem Bundespräsidenten und jedem anderen Repräsentanten ins Stammbuch geschrieben: Kinder in den Arm zu nehmen, sie zu küssen und sie als Belege der Warmherzigkeit zu benutzen – es gehört nach wie vor zu den inszenierten Wirklichkeitsberührun­gen im politischen Geschäft, das ein alter Zirkus der gestanzt rituellen Bilder ist. Zirkus, der wie jeder Popanz auf unsere Verführbarkeit durch Choreografie setzt. Davon lebt jedes soldatische Gelöbnis, jede Gala der Musi'.
Zum Spiel mit der Macht gehört das mächtige Spiel, das zur Volkskunst wird, aber Volkes Kunst wird es immer sein, wach zu bleiben für die Wahrheit: dass ihm vielleicht nur aufgespielt wird, um zu verbergen, wie ihm mitgespielt wird. Was etwa Beethovens und Schillers »Ode an die Freude« emotional in uns freisetzt, das ging als Rezept ins weltweite Veranstaltungswesen ein, und das war und ist nirgends frei vom Wunsch nach Manipulation und Hypnose. Wer Kleists Gedanken über das Marionettentheater liest, begegnet auch dem Handwerk modern gesteuerter Massenkultur, deren letzter zerflatternder Ausläufer die Fanmeile ist. Oder Florian Silbereisens Musikantentum; statt China freilich nur deutsche Pappchinesen.
Aller Umschlag ins Neue bedarf einer vorhergehenden Maßlosigkeit. Vielleicht war die Eröffnungsfeier in Peking die letzte ihrer Art. Aber olympischer Geist spricht kaum aus der unverhohlenen Demagogie, mit der westlich deutsche Kommentare diese Show als »beängstigend«, »nicht eben beruhigend« bezeichnen; China demonstriere »krampfhaftes Verlangen nach Anerkennung«, in den letzten Jahren seien solche Eröffnungen »stets eine harmlose Sache« gewesen, »diesmal ist es anders« (noch einmal »Die Welt«). Und das Hissen der chinesischen Staatsflagge durch Militär des Landes wurde von einer hysterischen Kommentierung begleitet, als habe Chinas Armee die Spiele in Geiselhaft genommen. Dies kommt vom stieren Blick, der vorrangig sieht, was man propagieren will. Nur zwei Beispiele aus der Historie lassen eine frühere Akribie der Anklage vermissen: Bei den Winterspielen in Turin hissten Gardisten der alpinen Ehrengarde die Fahne, und bei den Sommerspielen in München 1972 hatte die Bundeswehr die olympische Fanfare geblasen …
» … diesmal ist es anders« Ja, ganz anders, denn China ist anders als der Kölner Karneval, den man doch, ist man nur unwirsch genug gestimmt, ebenfalls als beängstigend und nicht eben beruhigend bewerten darf. Zum Glück ist der deutsche Humor keine Großmacht. Deutsche sind eher dort Spitzenathleten, wo Humor und Gelassenheit aufhören.

Quelle: nd-online

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