KOMMUNISTISCHE PARTEI ÖSTERREICHS

Antonio Gramsci – Persönlichkeit, Politik, Theorie – Teil 2

Von Harald Neubert (18.1.2011)

3. Gramscis schriftliche Hinterlassenschaft

Allgemeine Bemerkungen zum Werk Gramscis

Das Gesamtwerk und die Persönlichkeit Gramscis sind gerade wegen der Vielseitigkeit nur in der Einheit von Politik, Parteigebundenheit und Theorie richtig zu begreifen, so daß seine philosophischen und historischen Erkenntnisse immer auch in ihrer politischen Relevanz verstanden werden müssen. Leider wird im Umgang mit Gramscis Werk nicht immer dieser Zusammenhang berücksichtigt, sondern dieses Werk je nach Bedarf utilitaristisch in zusammenhanglose Bestandteile zergliedert.

Deshalb scheint es dringend geboten zu sein, einen Überblick und Einblick in sein Gesamtwerk zu vermitteln, zumal es nicht leicht ist, dieses sich zu erschließen. Vieles davon ist noch immer nur in italienisch-sprachigen Publikationen zugänglich. Gramscis schriftliche Hinterlassenschaft hat aufgrund der Umstände und der Abfolge seines Entstehens und aufgrund der unterschiedlichen Zweckbestimmung eine vom Autor nicht systematisierte und deshalb vom Benutzer nicht leicht zu erfassende Struktur. Von jedem, der anhand der Quellen in Gramscis Gedankenreichtum eindringen will, wird viel Mühe, Kenntnis der Geschichte, eigenes Interpretation­svermögen, Fähigkeit zum systematisierenden Denken und zur historischen Einordnung verlangt.

Im allgemeinen haben sich die Herausgeber der bisherigen, im italienischen Original vorliegenden Veröffentlichungen vorwiegend davon leiten lassen, den Zugang zum Werk Gramscis nach verschiedenen Auswahlkriterien – thematisch, chronologisch oder nach Art der Zweckbestimmung – zu erleichtern. Dennoch, oder gerade deshalb bleibt hinsichtlich der Editionstätigkeit noch sehr viel zu tun übrig, um eine Systematik des vielfach fragmentarischen und mosaikartigen Charakters seines Werkes zu erreichen. Dies gilt besonders für die Gefängnishefte, die unbestritten als Hauptwerk Gramscis gelten. Sich mit Gramscis zu beschäftigen, sein Werk für marxistisches Denken in unserer Zeit fruchtbar zu machen und zugleich von einseitigen Auslegungen, Fehlinterpreta­tionen und Instrumentali­sierungen zu befreien, ist und bleibt eine große und lohnenswerte Herausforderung.

Untergliederung seiner schriftlichen Hinterlassenschaft

Seine schriftliche Hinterlassenschaft läßt sich in sechs Rubriken einteilen:

erstens journalistische und publizistische Schriften;

zweitens Dokumente aus der parteipolitischen Tätigkeit;

drittens Studien zur italienischen Nationalgeschichte;

viertens Briefe;

fünftens Gefängnishefte;

sechstens eine Sammlung von Märchen und Fabeln „der Freiheit“

Erste Rubrik: Journalistische und publizistische Schriften

Als Journalist galt Gramsci als ein Mensch mit ausgeprägten politischen, literaturhisto­rischen, kulturpolitischen und geistesgeschichtlichen Interessen, so daß seine Vielseitigkeit bereits in den Zeitungs- und Zeitschriftenar­tikeln sichtbar wurde. Seine Beiträge für Presseorgane, darunter Literatur- und Theaterkritiken, dienten ihm parteipolitischer Aufklärung und Einflußnahme in einer Weise, daß für ihn politisches Engagement, gesellschaftliche Verantwortung, Kultur und Moral eine Einheit bildeten. Deshalb spürt man in seinen Beiträgen stets Parteinahme, Leidenschaft, Bestreben, die gesellschaftlichen Verhältnisse emanzipatorisch, das hieß für ihn zugleich sozialistisch, zu verändern. Zugleich verstand er sich als ein Berufsjournalist, der sich nur seinem Gewissen gegenüber verantwortlich fühlte, indem er seinen Standpunkt und seine Parteizugehörigkeit aus eigener freier Entscheidung zu vertreten meinte.

Rückblickend schrieb er am 12. Oktober 1931 aus dem Gefängnis an seine Schwägerin Tatjana Schucht: „Ich bin nie ein Berufsjournalist gewesen, der seine Feder an den Meistbietenden verkauft und ständig lügen muß. Ich war ein völlig freier Journalist, vertrat immer die gleiche Meinung und habe meine tiefen Überzeugungen nie verstecken müssen, um Vorgesetzten oder Seelenverkäufern zu gefallen.“[3]

Die journalistische Laufbahn begann Gramsci nach dem Ende seiner Studentenzeit 1915 als Mitarbeiter der örtlichen Zeitung der Turiner Sektion der Sozialistischen Partei, dem „Giro del popolo“ („Ruf des Volkes“), deren Leitung ihm in der Eigenschaft als Sekretär der Turiner Sektion der Sozialistischen Partei 1917 übertragen wurde. Er war somit Parteifunktionär und Journalist zugleich. Eine Vielzahl von Literatur- und Theaterkritiken schrieb er zu gleicher Zeit regelmäßig für die Turiner Ausgabe des „Avanti!“, dem Zentralorgan der Sozialistischen Partei. In seiner Doppelfunktion geriet er, indem er seine politische Selbständigkeit demonstrierte, zunehmend in einen Konflikt mit der Führung der Sozialistischen Partei. Beeindruckt und beeinflußt von der russischen Februar- und Oktoberrevolution und von den Ideen Lenins kritisierte er den Opportunismus, die politische Konzeptionslo­sigkeit und theoretische Sterilität seiner Parteiführung. Er stellte sich in den Jahren der revolutionären Nachkriegskrise mit der Losung, es in Italien so wie in Rußland zu machen, an die Spitze revolutionären Aktivitäten der Turiner und norditalienischen Arbeiterschaft (Fabrikrätebe­wegung, Betriebsbeset­zungen usw.)

Anfang 1919 gründete er zusammen mit Palmiro Togliatti und anderen Mitstreitern in Turin die Zeitschrift „L'Ordine Nuovo. Rassegna settimanale di cultura socialista“ („Die neue Ordnung. Wochenzeitschrift für sozialitische Kultur“). Die erste Nummer erschien am 1. Mai 1919. Titel, Programm und Inhalt der Zeitschrift waren bestimmt vom Verständnis Gramscis, daß Politik, Kultur, Ethik und Moral eine Einheit bilden müßten. In diesem Sinne ging es ihm um die Erneuerung der Sozialistischen Partei von innen heraus und auf diesem Wege um eine sozialistische Umgestaltung der italienischen Gesellschaft. Zahlreiche Artikel in der Zeitschrift stammten von Gramsci selbst. Im Dezember 1920 wurde „L'Ordine Nuovo“ in eine Tageszeitung umgewandelt, die bis Ende 1922 erschien, in den letzten Monaten, d. h. nach der Errichtung der faschistischen Herrschaft Mussolinis, illegal. Wiederum auf Initiative und unter der Leitung Gramscis wurde der Herausgabe von „L'Ordine Nuovo“ zweimal im Monat vom März 1924 bis zum März 1925 erneut aufgenommen, diesmal mit dem Untertitel „Rassegna di politica e di cultura operaia“ („Zeitschrift für Politik und Arbeiterkultur“).

Im Februar 1924 wurde – ebenfalls auf Initiative Gramscis – die Zeitung „L'Unità“ gegründet, die ab August als Organ der Kommunistischen Partei Italiens deklariert wurde und bis zum April 1925 erschien. Ihre Herausgabe stieß auf große Schwierigkeiten in Anbetracht der sich etablierenden faschistischen Herrschaft und der zunehmenden Verfolgung der Kommunisten, die de facto in die Illegalität gedrängt wurden.

Der Umfang und die thematische Breite der von Gramsci in diesen Presseorganen veröffentlichten Beiträge sind beträchtlich. Bereits zu seinen Lebzeiten gab es Bemühungen, eine Artikelsammlung in Buchform zu publizieren. Gramsci räumte in einem Brief vom 7. September 1931 ein, „daß man wenigstens fünfzehn oder zwanzig Bände zu vierhundert Seiten daraus machen könnte“, aber trotzdem hat er dies stets abgelehnt. Er meinte, die Artikel „waren für den Tag geschrieben und mußten meiner Meinung nach mit dem Tag vergehen“.[4]

Diese Feststellung traf er im März 1927, also zu einer Zeit, als er in Gestalt der Gefängnishefte den Grundstein dafür zu legen vermeinte, „etwas für ewig“ niederzuschreiben, wobei er das Wort ewig unter Berufung auf Goethe auf Deutsch schrieb.[5] Entgegen der Selbsteinschätzung Gramscis haben seine journalistischen Beiträge aus der Zeit vor 1926 nicht nur eine Bedeutung als Zeitdokumente, sondern sie enthalten zugleich auch einen die Zeit überdauernden Gedankenreichtum, der viele Aussagen in den Gefängnisheften ergänzt und erklärbar macht.

In Buchform begann in Italien die Veröffentlichung der journalistischen und parteipolitischen Artikel Gramscis erst in den Jahren nach dem zweiten Weltkrieg, und zwar teils nach thematischen, teils nach chronologischen Auswahlkriterien. Dies zu fördern war vor allem ein Verdienst Palmiro Togliattis, der nach Gramscis Verhaftung die Führung der Partei übernommen hatte.

Der Grundtenor, mit dem Togliatti die sodann in der kommunistischen Bewegung vorherrschende Gramsci-Rezeption bestimmte, bestand darin, Gramsci uneingeschränkt als Schüler Lenins, als Leninisten zu betrachten, dessen über Lenin hinausgehende bzw. Lenin korrigierende Auffassungen zu unterdrücken, einschließlich der Auffassungen, die vom Stalinschen Marxismus-Leninismus-Konzept abwichen.

Genannt seien folgende Editionen, die insgesamt eine repräsentative Auswahl bieten: Jugendschriften 1914 – 1918 (1958), Theaterkritiken aus dem „Avanti!“ 1916 – 1920 (1960), L'Ordine Nuovo 1919 – 1920 (1954), Sozialismus und Faschismus. L'Ordine Nuovo 1921 – 1922 (1966), Bemerkungen zur italienischen Situation 1922 – 1924 (1961), Die Schaffung der Kommunistischen Partei 1923 – 1926 (1971).

Einen Querschnitt durch das Schaffen Gramscis bieten verschiedene Anthologien, die neben journalistischen Arbeiten auch anderes einschließen, so eine erstmals 1957 erschienene zweibändige populäre Anthologie, eine Sammlung von Schriften zu pädagogischen Problemen unter dem Titel „Die Formierung des Menschen“ (1967), eine Sammlung unter dem Titel „Für die Wahrheit“ (1974), eine Anthologie „Das Denken Gramscis“, die seit 1963 in mehreren Auflagen erschienen ist.

Die bisher umfassendste Sammlung der politischen Schriften Gramscis aus den Jahren von 1916 bis 1926 sind in einer dreibändigen Ausgabe von 1973 sowie im ersten Band einer zweibändigen Publikation „2000 Seiten von Gramsci“ enthalten.

Zweite Rubrik: Spezifische Dokumente aus der parteipolitischen Tätigkeit Gramscis

Diese Kategorie der Schriften Gramscis ist gesondert kenntlich zu machen, wenngleich sie sich zum Teil mit den genannten journalistischen Schriften deckt. Dies hat deshalb einen Sinn, weil Gramsci mit ihnen als Autor in der Eigenschaft des gewählten und Verantwortung bekundenden Funktionärs zunächst der Sozialistischen und sodann der Kommunistischen Partei bzw. als maßgeblicher Mitautor von offiziellen Dokumenten der Parteiführung in Erscheinung tritt.

Am 8. Mai 1920 erschien in L'Ordine Nuovo ein Dokument der Turiner Sektion der Sozialistischen Partei „Für eine Erneuerung der Sozialistischen Partei“, für das Gramsci als der Sekretär dieser Sektion die Verantwortung trug. Es war an den in Mailand tagenden Nationalrat der Partei gerichtet gewesen und wurde im Juli/August 1920 in Moskau dem II. Kongreß der Kommunistischen Internationale und namentlich Lenin zur Kenntnis gebracht, ohne das die Turiner Parteigruppe Gramscis zu jener Zeit der Komintern angehörte. Lenin nahm auf dem II. Kongreß der Komintern auf dieses Dokument der Turiner Gruppe Bezug, indem er einschätzte, daß die in ihm enthaltenen Positionen „mit allen Grundprinzipien der III. Internationale durchaus übereinstimmen“­.[6]

Als ein weiteres Dokument sei ein ausführlicher Bericht über die Turiner Bewegung der Fabrikräte genannt, der eine Übersicht und Analyse der revolutionären Ereignisse gab, die seit April 1920 sich von Turin aus in Oberitalien entfaltet hatten. Er wurde ebenfalls im Juli 1920 nach Moskau an das Exekutivkomitee der Komintern gesandt.

Im Januar 1921 vollzog sich während eines Parteitages der Sozialistischen Partei in Livorno die Gründung der Kommunistischen Partei Italiens, an der Gramsci aktiv beteiligt war. An der Spitze der Partei stand Amadeo Bordiga, ein Ingenieur aus Neapel, der allerdings sektiererische Positionen vertrat. Er war für eine elitäre Partei von Berufsrevoluti­onären, lehnte grundsätzlich die Arbeit in den Gewerkschaften und die Teilnahme an Parlamentswah­len ab.

Gramsci war hingegen von Anfang an bemüht, die neue Partei im Sinne Lenins zu konsolidieren und zu stärken, sie in eine kommunistische Massenpartei zu verwandeln. Für seine Entwicklung zum Parteiführer war von großer Bedeutung, daß er von 1922 bis 1924 die Partei in Moskau beim Exekutivkomitee der Komintern vertrat und Lenin persönlich kennenlernte. Als Vertreter der KPI beim EKKI hatte Gramsci an deren IV. Kongreß (November – Dezember 1922) teilgenommen.

Unter dem Zwang, aus der neuen Lage für die Partei entsprechende Schlußfolgerungen zu ziehen, und gestützt auf die von Lenin vorgegebene Linie der Komintern, begann er bereits von Moskau aus eine gezielte Auseinandersetzung mit dem Sektierertum, Maximalismus und dem elitären Berufsrevoluti­onarismus Bordigas.

An Togliatti schrieb er am 18. Mai 1923 aus Moskau: „Man muß im Innern der Partei einen Kern von Genossen schaffen, die keine Fraktion darstellen, die ein Maximum an ideologischer Homogenität besitzen und so in der Lage sind, der praktischen Aktion ein Maximum an Einheitlichkeit der Führung zu geben.“[7]

An Mauro Scoccimarro schrieb er am 5. Januar 1924 aus Wien: „Ich habe auch ein anderes Konzept /als das Bordigas, – H. N./ von der Partei, ihrer Funktion, ihren Beziehungen, die zwischen ihr und der Masse der Parteilosen, zwischen ihr und der Bevölkerung im allgemeinen hergestellt werden müssen.“ Und in einem Brief an Togliatti und Umberto Terracini, ebenfalls aus Wien, vom 9. Februar 1924 begründet er noch ausführlicher sein Parteiverständnis und somit seine Kritik an Bordigas Konzept. „Ich denke, daß der Moment gekommen ist, der Partei eine andere Richtung als die zu geben, die sie bisher hatte. Es beginnt nicht nur in der Geschichte unserer Partei, sondern auch in der unseres Landes eine neue Phase … In unserer Partei hat man einen weiteren gefährlichen Aspekt beklagt: sich gegenüber jeglicher Aktivität der einzelnen zu enthalten, die Passivität der Masse der Partei, die stumpfsinnige Sicherheit derer, die an alles denken und alles voraussehen … Der Fehler der Partei besteht darin, in den Vordergrund und in abstrakter Weise das Problem der Organisation der Partei gestellt zu haben, woraus sich sodann ein Apparat von Funktionären herausbildete, die sich gegenüber der offiziellen Linie orthodox verhalten. Man glaubte und glaubt noch immer, daß die Revolution allein von der Existenz eines solchen Apparates abhängt, und man endet schließlich im Glauben, daß dessen Existenz die Revolution hervorbringt … Die Partei ist nicht konzipiert als das Ergebnis eines dialektischen Prozesses, in dem sich die spontane Bewegung der revolutionären Massen und der organisierende und führende Wille des Zentrums vereinen “

Aus der Zeit vom Januar und Februar 1924 stammen aus Wien auch zwei Briefe an die Parteiführung in Rom, in denen er zwecks Formierung und Qualifizierung der Parteifunktionäre die Bildung einer Parteischule vorschlug. Hierzu veröffentlichte er sodann in L'Unità vom 24. Februar konkrete Vorschläge für ein Lehrprogramm und zur Gestaltung der Ausbildung.

Ein für die Geschichte der KPI sehr bedeutsames Dokument waren sodann die unter Gramscis Leitung erarbeiteten Thesen zum III. Parteitag, der im Januar 1926 im französischen Lyon stattfand. Mit ihnen wurde ein Schlußstrich unter die Auseinanderset­zungen in der Partei gezogen, die zwischen der Gruppierung Gramscis mit der Gruppierung Bordigas über den Charakter und die Rolle der Partei (demokratische Massenpartei oder elitäre Partei von Berufsrevoluti­onären), über die Einschätzung des Faschismus (eine besondere Form bürgerlicher Herrschaft oder die Herrschaft der Bourgeoisie an sich), über das Verhältnis zu Wahlen und zum Parlamentarismus (Teilnahme oder Abstinenz) und andere Fragen ausgetragen worden waren und in deren Verlauf Bordiga als Parteiführer von Gramsci abgelöst wurde. In den Thesen wurden die Lage in Italien und die Aufgaben der Kommunisten unter den Bedingungen des faschistischen Regimes behandelt.

Für die grundsätzliche Position Gramscis und der ihm verbundenen Mehrheit in der Parteiführung zu Fragen des Internationalismus und zu den Anforderungen an eine kommunistische Partei war ein Brief charakteristisch, den er im Namen der Führung Anfang Oktober 1926 an das Zentralkomitee der KPdSU schickte. In den Auseinanderset­zungen der Mehrheit der KPdSU-Führung um Stalin mit Trotzki sah er eine Verletzung der demokratischen Parteinormen und der internationalis­tischen Verantwortung der KPdSU sowie die Gefahr der Zerstörung der von den Bolschewiki erkämpften revolutionären Errungenschaften. Der Brief erreichte jedoch vermutlich nicht den Adressaten. Er war an Togliatti geschickt worden, der ihn übergeben sollte, aber wohl nicht übergab. Vielmehr antwortete er Gramsci, daß er angeblich die Lage nicht richtig einschätze, worauf Gramsci erneut seinen Standpunkt darlegte. Eine endgültige Klärung blieb aus, da Gramsci am 8. November 1926 unter Verletzung seiner parlamentarischen Immunität verhaftet wurde. (Auf diesen Brief soll weiter unten ausführlicher eingegangen werden.)

Dritte Rubrik: Studien zur italienischen Nationalgeschichte und Kultur

Die Beiträge Gramscis zu diesem Thema sind verstreut in seinen publizistischen Veröffentlichungen vor 1926, in seinen Briefen und in den Gefängnisheften zu finden. Bemerkenswert daran ist, daß für Gramsci Geschichte, Politik und Kultur (im weitesten Sinne des Wortes) zusammengehören bzw. zusammengeführt werden müssen. Die Kommunistische Partei, so meinte er, müsse zur politischen Vollstreckerin der unerledigten Probleme der italienischen Geschichte und Kultur werden. Eines der Hauptprobleme war dabei die faktische soziale, kulturelle und wirtschaftliche Spaltung des Landes zwischen dem Norden und dem Mezzogiorno (dem Süden), die bekanntlich bis heute nicht gänzlich überwunden ist. Kurz vor seiner Verhaftung begann er, seine Überlegungen und früheren Veröffentlichungen zur Nationalgeschichte zusammenzufassen und zu publizieren. Über ein unvollendetes Manuskript unter dem Titel „Einige Bemerkungen zur süditalienischen Frage“ kam dieses Projekt nicht hinaus, wenn man von den vielfältigen Bezugnahmen auf dieses Thema während seiner Haftzeit absieht. Es wurde erstmals 1930 in der italienischen Emigrantenzeit­schrift Stato operaio veröffentlicht. Die Schrift enthält bedeutsame Erkenntnisse zum italienischen Risorgimento des 19. Jh. zur Rolle des Liberalismus und der Arbeiterbewegung, zur Struktur politischer Machtverhältnis­se usw.

Eine generelle Bewertung der Arbeiten Gramscis zur Kultur findet sich in einem 1969 veröffen­tlichten zweibändigen Werk.[8] Eine Anthologie von Gramscis Arbeiten zur Literaturkritik, zur populären und folkloristischen Literatur, zur Sprache sowie seine Beiträge über das Theater mit einer umfassenden Einleitung und detaillierten Erläuterungen erschien 1975.

Ausgewählte Beiträge zu diesem Thema sind auch in Deutsch erschienen:

Antonio Gramsci: Gedanken zur Kultur, hrsg. von G. Zamiš.

Gramsci: Notizen zur Sprache und Kultur. Hrsg. von Kl. Bochmann. Weimar 1984

Antonio Gramsci – Marxismus und Literatur. Ideologie, Alltag, Literatur. Hrsg. von S. Kebir. Hamburg 1983.

Vierte Rubrik: Die Briefe Gramscis

Eine Fundgrube besonderer Art für den Gedankenreichtum, den kritischen Geist, die Erlebnis- und Gefühlswelt Gramscis sind seine zahlreichen Briefe. Sie bieten ein reichhaltiges Erkenntnismaterial für seine Auffassungen zur Geschichte, zur Kultur, Philosophie und Literatur, zur Politik im allgemeinen und zur Partei im besonderen. Chronologisch und thematisch lassen sich die Briefe in zwei große Gruppen einteilen – jene, die er vor seiner Verhaftung, also bis 1926, an seine Mitstreiter schrieb und die sich vor allem mit der Parteientwicklung und -politik beschäftigen, und jene aus dem Gefängnis an Angehörige und Freunde, die vielfältige Auskünfte über sein Leben, sein persönliches Schicksal, über seine Lebensauffassungen und seine durch Krankheit herausgeforderte mutige Selbstbehauptung, über seine philosophischen, historischen, geistig-kulturellen, literarischen Reflexionen enthalten. Ohne Kenntnisnahme der Briefe sind weder sein politisches Engagement noch seine theoretische Hinterlassenschaft vollständig zu erfassen.

Als erster hatte dies wohl Togliatti erkannt, der bereits 1947 die Publikation einer Auswahl der Gefängnisbriefe betrieb. Dieser Ausgabe folgten sodann 1964, 1965 und 1971 weitere mit einer größeren Auswahl. Die ursprüngliche Ausgabe erschien damals auch in deutscher Übersetzung, die in die von mir 1991 besorgte populäre Gramsci-Anthologie übernommen wurde, allerdings mit einigen wesentlichen Korrekturen und Erläuterungen.

Briefe aus der Zeit vor der Verhaftung wurden ebenfalls mehrfach ediert, erstmals 1962 ebenfalls von Togliatti. Von besonderem Interesse sind dabei jene Briefe, die die Herausbildung und Formierung der kommunistischen Partei betreffen.

Nachdem immer neue Briefe Gramscis sowie Briefe an Gramsci ausfindig und zum Teil publiziert wurden, gibt es nunmehr eine kritische Gesamtausgabe in drei Bänden, besorgt von A. Santucci zwischen 1992 und 1996 mit 494 Briefen von 1908 bis 1937. Eine vierbändige Ausgabe der Gefängnisbriefe mit Briefen nach 1926, die auch die an Gramsci während der Haftzeit gerichteten Briefe einschließt, ist gleichzeitig in Italien und Deutschland seit 1993 erschienen­.[9]

Fünfte Rubrik: Die Gefängnishefte

Die Gefängnishefte als in mehreren Haftanstalten niedergeschriebene Notizen zwecks späterer Weiterverarbeitung gelten ohne Zweifel als das Hauptwerk Gramscis. In ihnen tritt uns der reife Gramsci entgegen, der in der Abgeschiedenheit des Kerkers seine Auffassungen über Gesellschaft, Theorie und Politik zu Papier brachte, ohne sie der Welt kundtun zu können. Auf abenteuerliche und letztlich glückliche Weise gelangten diese Aufzeichnungen auf Umwegen aus dem Kerker nach Moskau und somit in den Besitz der italienischen Parteiführung, von der man nicht recht weiß, ob sich Gramsci zuletzt ihr überhaupt noch zugehörig fühlte.

An dieser Stelle bedarf es einer Einfügung zu Problemen im Verhältnis Gramscis zu Partei während der Gefängnisjahre.

Immerhin gibt zu bedenken, daß es weder in den Gefängnisheften noch in den Briefen aus dem Gefängnis direkte Bezugnahmen zur Partei generell, zu ihrer Politik und ihren Problemen gibt, soß aus ihnen zu entnehmen wäre, daß sich Gramsci noch immer in der Verantwortung des Führers der Kommunistischen Partei betrachtet hätte.

Angefangen hat dies mit der Auseinandersetzung mit Togliatti um den Brief an das ZK der KPdSU kurz vor seiner Verhaftung 1926. Sodann wird vielerlei Querelen während der Haft berichtet, die offenbar seine Stellung in der Partei belasteten, was allerdings auch bestritten wird.

Große und sehr nachhaltige Empörung Gramscis rief ein noch immer umstrittener Brief vom 10. Februar 1928 hervor, aus dem zu schließen war und die Gefängnisbehörden wohl auch schlossen, Gramsci gelte und agiere nach wie vor als Führer der KPI. Als Absender war Ruggiero Grieco, ein führender Genosse der Partei angegeben. Kurioserweise war dieser Brief aus Moskau abgeschickt worden, von wo ihn dann Gramsci mit normaler Post erhalten hatte, sodaß der Herkunftsort für die Gefängnisbehörden erkennbar war. Grieco selbst hielt sich jedoch zu dieser Zeit in der Schweiz auf, sodaß er diesen Brief zunächst nach Moskau geschickt haben müßte. Gramsci empfand diesen „sonderbaren“ Brief als Provokation. Empörend wäre der Brief nicht nur wegen der Briefmarke und des Poststempels, sondern wegen der Tatsache selbst, wie er an seine Frau Julia in einem Brief vom 30. April 1928 schrieb.

In einem späteren Brief an seine Schwägerin Tatjana Schucht vom 5. Dezember 1932 wurde er noch deutlicher. Er erinnerte daran, daß Tatjana den Brief als „kriminell“ bezeichnet hatte. Der Untersuchungsrichter des Mailänder Militärtribunals, so erinnert sich Gramsci selbst, hatte ihm gegenüber geäußert: „Abgeordneter Gramsci, sie haben Freunde, die offenbar wünschen, daß sie eine ganze Zeit im Zuchthaus verbleiben.“ Als dieser ihm den Brief übergeben und ihm einige Stellen daraus vorgelesen habe, habe er außerdem darauf aufmerksam gemacht, daß der Brief für Gramsci „katastrophal“ sein könne. Es könne sich, so meinte Gramsci in seinem Brief an Tatjana, um einen „kriminellen Akt“ oder um „unverantwortliche Leichtigkeit“ oder um beides handeln. Wie dem auch sei: „Es bleibe die objektive Tatsache, die ihre Bedeutung hat.“

Ein Mithäftling Gramscis, Athos Lisa, sandte 1933 denunzia­torische Berichte über ihn nach Moskau an Togliatti, in denen er ihm ein Abweichen von der Parteilinie zum Vorwurf machte. Dies hatte folgenden Hintergrund von strategischer Bedeutung. Gramsci hatte in der Kerkerhaft mit seinen kommunistischen Genossen Bildungszirkel veranstaltet, in denen er unter anderem Auffassungen vertrat, die von der Komintern-Linie im Kampf gegen den Faschismus abwichen. Er war der Meinung, daß die Partei in Italien auf der Grundlage eines breiten Bündnisses der antifaschistischen Parteien als Alternative zum Faschismus eine „Konstituante“, das heißt eine Verfassungsgebende Versammlung, anstreben müsse, womit er de facto die unmittelbare Orientierung auf die sozialistische Revolution (als unverzügliche Alternative zum Faschismus) ablehnte. Man müsse sich nach dem Sturz des Faschismus seiner Meinung nach auf eine Übergangsperiode orientieren, da eine revolutionäre Situation kaum zu erwarten sei. Die Diskussion im Kerker sei schließlich, so fügte Lisa hinzu, abgebrochen worden, da keine Einigung zu erzielen war.

Die Gefängnis-Aufzeichnungen Gramscis sind das Ergebnis einer intensiven, disziplinierten und gut organisierten Arbeit, in der sich nicht nur der breite geistige, politische und moralische Horizont Gramscis wiederspiegelt, sondern auch seine Lebenskraft, eine Arbeit, die ihrerseits beitrug, diese Lebenskraft lange Zeit unter schweren Bedingungen aufrechtzuerhalten. Gramsci verfaßte sie zwischen Februar 1929 und der zweiten Hälfte des Jahres 1935. Die fortschreitende Zerrüttung seines Gesundheitszus­tandes ließ die Kraft zur Weiterführung seiner Arbeit versiegen.

Am 27. April 1937 ist er sodann an den Folgen der Kerkerhaft in einer römischen Klinik verstorben.

Wie schon erwähnt, erkannte die IKP, namentlich Togliatti, nach dem zweiten Weltkrieg den unschätzbaren Wert der schriftlichen Hinterlassenschaft Gramscis für die Partei und darüber hinaus für die italienische Kultur der Zwischenkriegszeit, so daß schon Ende der 40er Jahre mit der auszugsweisen Veröffentlichung begonnen wurde. Dies geschah nach thematischen Gesichtspunkten.

So erschienen

  • 1948 „Der historische Materialismus und die Philosophie Benedetto Croces“
  • 1949 „Die Intellektuellen und die Organisation der Kultur“
  • 1949 „Das Risorgimento“
  • 1949 „Bemerkungen zu Machiavelli, zur Politik und zum modernen Staat“
  • 1950 „Literatur und nationales Leben“, unter Einschluß seiner zwischen 1916 und 1920 im „Avanti!“ veröffentlichten Theaterkritiken,
  • 1951 „Vergangenheit und Gegenwart“.

Vieles davon wurde sodann wiederholt publiziert.

  • Eine kritische Gesamtausgabe erschien im Auftrage des Gramsci-Instituts der IKP und besorgt von Valentino Gerratana in vier Bänden und ausgestattet mit einer Einführung, einem umfangreichen Apparat in Gestalt von Kommentaren, Registern, bibliographischen Angaben 1975. Sie umfaßt insgesamt 3369 Seiten und bringt die 29 Hefte (handschriftlich etwa 3000 Seiten) in strenger Reihenfolge, unabhängig von der inneren thematischen Struktur, sofern diese nicht mit der Hefteinteilung bei Gramsci selbst identisch ist, und unabhängig von der realen Zeitabfolge der Arbeit Gramscis in ihnen. Dies war die Grundlage für eine revidierte sechsbändige Ausgabe von 1977.

An dieser Stelle scheint es angebracht, zur Arbeitsweise Gramscis und der Struktur seiner Gefängnishefte einige Erläuterungen zu geben.

Er benutzte zur Niederschrift normale Schulschreibhefte. In einem Brief vom Februar 1932 schrieb er an seine Schwägerin Tatjana Schucht: „Du solltest Hefte von normalem Format nehmen, wie Schulhefte und nicht zu umfangreich, höchstens vierzig bis fünfzig Seiten, so daß sie nicht notwendigerweise zu einem immer wirreren Sammelsurium vermischten Inhalts werden. Ich möchte diese kleinen Hefte gerade dafür haben, diese Notizen neu zu ordnen, indem ich den Stoff aufteile und so System hineinbringe “[10]

Er hatte ihr bereits in dem schon erwähnten Brief vom 19. März 1927 die Idee und ein erstes Programm seiner beabsichtigten Aufzeichnungen skizziert, indem er zum Ausdruck brachte, „etwas für ewig“ niederschreiben zu wollen.

Gramsci arbeitete so, daß er gelegentlich gleichzeitig mehrere Hefte beschrieb, sodaß er verschiedene Themen parallel und ineinander verwoben abhandelte und daß Äußerungen zu ein und demselben Thema nicht zusammenhängend und nicht in direkter Aufeinanderfolge in den Heften erscheinen. Dadurch ist in der Ausgabe Valentino Gerratanas, die die Reihenfolge der Hefte als Grundlage nehmen, weder eine thematische Geschlossenheit noch eine genaue chronologische Abfolge der Niederschriften gewährleistet.

Inzwischen gibt es Forschungen, denen zufolge die Texte nach inhaltlichen und chronologischen Gesichtspunkten entsprechend einer inneren Logik anders zu ordnen wären, als das bisher geschah. Ob dies zum Tragen kommt, ist ungewiß. Immerhin kündigte der Direktor des römischen Gramsci-Instituts, G. Vacca, schon 1990 an, daß eine nationale Gesamtausgabe aller Arbeiten Gramscis entsprechend den neuesten textkritischen und anderen Erkenntnissen geplant sei, deren Patronat der italienische Staatspräsident zu übernehmen bereit wäre. Es ist nicht bekannt, ob dieses Unternehmen bisher in Angriff genommen wurde.

Als von Gramsci selbst gewählte Themen, nach denen er seine Niederschriften gruppierte, seien die folgenden genannt: Vergangenheit und Gegenwart; Risorgimento; Machiavelli; Benedetto Croce; Philosophie der Praxis; Fordismus und Amerikanismus; Literatur.

Wie schon erwähnt, hat Gramsci mit den Gefängnisheften in thematischer Hinsicht kein systematisches Werk hinterlassen. Es lassen sich in vielen Fällen auch keine eindeutigen Definitionen von Begriffen, die er verwendet, finden. Die Nutzung der Gefängnishefte verlangt deshalb Kenntnis des Gesamtwerkes und Kombinationsver­mögen. Leider bietet dies auch die Möglichkeit, unterschiedlicher Interpretation von Gramscis Auffassungen sowie die Möglichkeit, sein Werk wie einen „Steinbruch“ auszubeuten.

Sehr treffend hat sich zu dieser Problematik Joseph A. Buttigieg, ein in den USA lebender ausgewiesener Gramsci-Herausgeber und –Forscher über die Gefängnishefte geäußert: „Bei dem besonderen Charakter der Gefängnishefte wird selbst ein aufmerksamer Leser sich kaum genötigt fühlen, nach der Bedeutung eines jeden kleinen Fragments zu fragen; schließlich hat man es hier nicht mit einem Roman oder einer ausgearbeiteten ‚wissenschaftlichen‘ Darlegung zu tun, bei der man annehmen darf, daß jedes Element einer mehr oder minder präzisen Darstellungsabsicht zuzuordnen ist. Gleichzeitig ist es aber mehr als wahrscheinlich, daß die Leser an den vollständigen Text der Hefte mit einer zumindest generellen Vorstellung von den darin eingeknüpften großen Themen und zentralen Motiven herangehen; sie werden also geneigt sein, jedem dieser flottierenden Bruchstücke (und sei es provisorisch) einen Ort in einer der umfassenden Kategorien wie ‚Hegemonie‘, ‚Kultur‘, ‚Theorie der Intellektuellen‘ etc. zuzuweisen.“[11]

Es gibt auch ein weiteres Problem, das die Sprache und die Begriffe in den Gefängnisheften betrifft. Gramsci mußte bei seinen Formulierungen auf die Gefängniszensur Rücksicht nehmen, so daß er mancherlei Umschreibungen, Modifizierungen der Namen (Iljitsch statt Lenin, Wissarion statt Stalin usw.) usw. verwendet.

In seinen Gefängnisheften benennt er zum Beispiel auch den Marxismus als Philosophie der Praxis, was vielerlei Diskussionen und Interpretationen provozierte. Die einen waren der Meinung, Philosophie der Praxis sei lediglich eine Tarnbezeichnung, so auch Togliatti, um die Gefängniszensur zu überlisten, andere nahmen an, Gramsci hätte sich vorsätzlich vom Begriff des Marxismus losgesagt, so daß er unter Philosophie der Praxis keineswegs Marxismus verstanden hätte. W. F. Haug dürfte das Problem richtig erfaßt haben, wenn er hierzu anmerkt: „Vielleicht kann man sich darauf einigen, daß der Name ’Philosophie der Praxis’ mehrere Funktionen in sich vereinigt, daß er so auch die Funktion einer Tarnung mit der des substantiellen Programmbegriffs verbindet, allerdings unter der Dominanz eines Erneuerungspro­jekts.“[12]

Haug verweist dabei auch auf einen weiteren von mir 1991 hervorge­hobenen, nicht unwesentlichen Aspekt der Wortwahl Gramscis, da es mir wichtig schien, Gramsci in seiner Einheit als Theoretiker und revolutionärer Politiker zu begreifen: „Daß er den Marxismus als Philosophie der Praxis bezeichnete, hatte seinen Grund nicht nur darin, daß er die Gefängniszensur zu hintergehen suchte, sondern dies geschah eben auch deswegen, weil er den eigentlichen Sinn der Philosophie beziehungsweise der Theorie, wie dies bereits Marx in seinen Thesen zu Feuerbach getan hatte, in ihrer praktischen Anwendbarkeit, in ihrer revolutionierenden Wirkung sah.“[13]

Aufzeichnungen einen Denkprozeß in verschiedenen Stufen mit neuen Einsichten und Korrekturen offenbaren, liegen sie uns in drei Fassungen vor, die – eben wegen des Prozeßcharakters seiner theoretischen Reflexionen – kenntlich gemacht werden mußten und bei der korrekten Nutzung beachtet werden sollten.

Es handelt sich um eine Fassung A als Erstaufzeichnung, die sodann als Fassung C in überarbeiteter Form (von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen) vorliegt; und um eine Fassung B als diejenige, die nur in einer, in der ursprünglichen Niederschrift überliefert ist. Dabei erscheinen mehrere Texte der Fassung A in der überarbeiteten Fassung C in einem veränderten Kontext.

Bis 1991 wurden nur Auszüge der Gefängnishefte in deutscher Übersetzung veröffentlicht. Erst seit 1991 wurde auf Initiative und unter der Leitung von W. F. Haug eine deutsche Ausgabe der Gefängnishefte auf der Grundlage der kritischen italienischen Edition Gerratanas publiziert.

Im Unterschied zu ihr, in der textkritische und Anmerkungsapparat in einem gesonderten letzten Band zusammengefaßt ist, schließen in der deutschen Ausgabe alle Bände diesen, und zwar ergänzt durch redaktionelle Erläuterungen für den deutschen Leser, ein. Der 6. Bd. hingegen wich in gewissem, korrigierendem Sinne von der italienischen Ausgabe ab. Die Hrsg. waren inzwischen bemüht, neuere Forschungen zur Struktur der Niederschriften Gramscis sowie eigene Erkenntnisse zu berücksichtigen. Dies betrifft u. a. eine umfassendere Kommentierung vieler dem deutschen Leser nicht leicht zu erschließender Bezüge im Werk Gramscis wie auch Fragen der Übersetzung, die generell aufgrund vieler sprachlicher Eigenheiten bei Gramsci eine besondere und nicht immer zur Zufriedenheit zu lösende Aufgabe ist.

Sechste Rubrik: Sammlung von Märchen und Fabeln „der Freiheit“

Gramsci hat, offenbar während der Gefängnishaft Märchen und Fabel zusammengetragen, darunter Märchen der Gebrüder Grimm und Legenden aus Italien.

Was Grimms Märchen anbelangt, wird deutlich, daß Gramsci nicht nur Goethe auf Deutsch las, sondern wohl auch die Philosophen Kant und Hegel. Daß er sich auch mit Grimms Märchen beschäftigt hat, ist kaum bekannt. Von ihnen hat er eine ganze Reihe ins Italienische übersetzt, so u. a. „Von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen“, „Der Wolf und die sieben Geißlein“, „Aschenputtel“, „Rotkäppchen“, „Die Bremer Stadtmusikanten“, „Schneewittchen und die sieben Zwerge“, „Hans im Glück“, „Der Froschkönig“, „Die zwölf Brüder“, „Brüderchen und Schwesterchen“, „Hänsel und Gretel“, „Dornröschen“, „Rumpelstilzchen“, „Der Hund und der Sperling“, „Der Zaunkönig und der Bär“.

[3] Antonio Gramsci – vergessener Humanist? Eine Anthologie. Berlin 1991, S. 209

[4] Ebd., S. 197

[5] Ebd., S. 125

[6] Lenin: Thesen über die Hauptaufgaben des Zweiten Kongresses der Kommunistischen Internationale. In: Lenin: Werke, Bd. 31, S. 187

[7] Dieser Brief wie auch die folgenden Briefe sind abgedruckt in: P. Togliatti: La formazione del gruppo dirigente del partito comunista italiano nel 1923 – 1924. Rom 1962

[8] Gramsci e la cultura contemporanea. 2 Bde., Rom 1969; Bd. 2 enthält eine von E. Fubini zusammengestellte Bibliographie zum genannten Thema.

[9] A. Gramsci: Gefängnisbriefe. Kritische Ausgabe in vier Bänden. Hrsg. von U. Apitzsch, P. Kammerer, Aldo Natoli u. Mimma Quercioli. Hamburg 1993 ff., Bd. 1: Briefwechsel mit Julca Schucht; Bd. 2: Briefwechsel mit Tatjana Schucht; Bd. 3: Briefwechsel mit Tatjana Schucht (Fortsetzung); Bd. 4: Briefwechsel mit Angehörigen der Casa Gramsci

[10] Gramsci – vergessener Humanist?, a. a. O., S. 221

[11] Joseph A. Buttigieg: Gramscis Methode. In: Das Argument. Zeitschrift für Philosophie und Sozialwissenschaf­ten. 1/1991, S. 9 f.

[12] Wolfgang Fritz Haug: Einleitung. In: Gefängnishefte, Bd. 6, S. 1209

[13] Antonio Gramsci – vergessener Humanist? Eine Anthologie. 1917 – 1936. Berlin 1991, S. 8 f.

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