KOMMUNISTISCHE PARTEI ÖSTERREICHS

Antonio Gramsci – Persönlichkeit, Politik, Theorie – Teil 3

Von Harald Neubert (18.1.2011)

4. Anmerkungen zum heutigen Umgang mit dem Erbe Gramscis

Ein großes Interesse an Gramsci gibt es seit Jahren in Lateinamerika, aber auch in den USA. Bemerkenswert ist, daß auch rechte, konservativ Politiker und Politologen Gramscis Ideen und Kategorien auszunutzen versuchen, so die Gedanken über das Massenbewußtsein, über die Rolle von Hegemonie, von Zivilgesellschaf­t usw.

In Italien selbst wird die einseitige, nicht Politik-bezogene Nutzung des Erbes Gramscis beklagt, wie folgender Beitrag in der Zeitung der Partei Rifondazione comunista „Liberazione“ bezeug, verfaßt nach der eklatanten Wahlniederlage der Linken nach den Parlamentswahlen:

Brief einer Gruppe von Intellektuellen über die italienische Krise „Gramsci ist heute noch hilfreich“

Aus: Liberazione, 6. Mai 2008

„Ausgehend von den 90er Jahren wurde Gramsci in Italien zwar studiert …, doch wurde nicht der politische Nutzen geschätzt, den seine Denk-Methode, seine Fragestellungen und seine Analyse-Kategorien bedeuten.

Wie formiert sich ein neues öffentliches Bewußtsein? Wie muß man auf die zunehmende Passivität reagieren, die die westlichen Gesellschaften erfaßt? Wie muß man das Verhältnis von Hegemonie und Demokratie neu durchdenken? Wie ist eine historische Bewegung auf struktureller Basis zu formieren? Welches sind heute die Begriffe für eine intellektuelle und moralische Reform? Das Defizit in bezug auf die Gramscianische Kultur in der heutigen politischen Debatte besteht vor allem darin, diese Fragen nicht gestellt zu haben.

Doch verhält es sich nicht überall so. Zum Beispiel sind in der politischen Debatte in Lateinamerika diese Fragen präsent und lebendig.“

So gehe es um die Bestimmung der unmittelbaren Ziele, um das Parteikonzept, um das Verhältnis der Partei zur Klasse, zur Bewegung, zum Feminismus, zu den sozialen Diversifizierungen zwischen Nord und Süd, zwischen Arm und Reich, zwischen Zentren und Peripherien, um das Problem der Emigration, um die neuen Formen der Produktion in Anbetracht der Informationstechnik us­w.

Unterzeichnet ist der Beitrag von 15 marxistischen Intellektuellen, darunter von Giorgio Baratta, Fabio Frosini, Guido Liguori, Giuseppe Prestipino.

5. Zur Gramsci-Rezeption, zu Publikationen und Würdigungen in der BRD und der DDR

In der alten Bundesrepublik Deutschland befaßten sich die linken Bewegungen, vor allem die sogenannten 68er, mit Gramscis Ideen. Im wiedervereinigten Deutschland wurde das Interesse an Gramsci von einem Teile der linken Intellektuellen neu belebt. Doch spielten bzw. spielen theoretische Erkenntnisse und Kategoriensystem Gramscis im Selbstverständnis, in der Politik und Programmatik der PDS bzw. der vereinigten Partei Die Linke keine Rolle, wenn man von verbalen Bekenntnissen und vom Interesse einiger Intellektueller absieht.

Wie stand es um das Verhältnis zu Gramsci in der DDR? Offiziell spielte das Gedankengut Gramscis in der SED ebenfalls keine Rolle; es wurde nicht zur Kenntnis genommen. Doch ein kritisches Verhältnis zu Gramsci bestand nicht. Er wurde – wie Thälmann – als Märtyrer des Faschismus gewürdigt. Näher mit Gramsci haben sich in der DDR nur wenige Spezialisten beschäftigt.

Immerhin gab es Würdigungen Gramscis, und es wurden mehrere Schriften von und über Gramsci in der DDR publiziert:

  • Palmiro Togliatti: Antonio Gramsci. Ein Leben für die italienische Arbeiterklasse. Berlin 1954
  • Die süditalienische Frage. Beiträge zur Geschichte der Einigung Italiens. Berlin 1955
  • Briefe aus dem Kerker. Berlin 1956
  • Guido Zamiš: Antonio Gramsci – geistiger Gründer und Führer der Kommunistischen Partei Italiens. In: Beiträge zur Geschichte der Arbeiterbewegun­g, 1/1974
  • H. Neubert: Antonio Gramsci und die Gründung der IKP. In: Neues Deutschland, 27. April. 1977
  • Internationales Gramsci- Kolloquium im Juni 1977 in Berlin an der Akademie für Gesellschaftswis­senschaften beim ZK der SED anläßlich des 40. Todestages Gramscis. Es fand auf Beschluß des Sekretariats des ZK der SED unter meiner Leitung als Direktor des Instituts für Internationale Arbeiterbewegung statt. Die Beiträge des Kolloquiums wurden veröffentlicht in: Antonio Gramsci – Revolutionär und Internationalist. Berlin 1978.
  • P. Togliatti: Der Leninismus im Denken und Handeln von Antonio Gramsci. Notizen für einen Beitrag auf einer Konferenz über Antonio Gramsci in Rom vom 11. Bis 13. Januar 1958. In: P. Togliatti: Ausgewählte Reden und Aufsätze. Berlin 1977, S. 503 – 526.
  • A. Gramsci: Zu Politik, Geschichte und Kultur. Ausgewählte Schriften. Hrsg. von Guido Zamiš. Leipzig 1980
  • Gramsci: Notizen zur Sprache und Kultur. Hrsg. von Kl. Bochmann. Weimar 1984
  • A. Gramsci: Gedanken zur Kultur. Hrsg. von Guido Zamiš. Leipzig 1987
  • H. Neubert: Theoretische Erkenntnisse Lenins und Gramscis über die Hegemonie der Arbeiterklasse und der Kampf der Kommunisten in den kapitalistischen Ländern. In: Beiträge zur Geschichte der Arbeiterbewegung, 5/1982. Dieser Beitrag wurde auch in der Sowjetunion und in Argentinien veröffentlicht: So in: Problemy mirovogo revoljucionnogo processa. Vypusk 3, Moskau 1983, und unter dem Titel: Conceptos teóricos en Lenin y Gramsci acerca de la hegemonia del la clase obrera y lucha de los comunistas en los países capitalistas. In: Cuadernos de Historia. Buenos Aires, 7/1985
  • Neubert: Antonio Gramsci -revolutionärer Arbeiterführer, Internationalist und Theoretiker. In: Einheit 7/1987
  • Neubert: Gramsci – sein Erbe ist lebendig. In: horizont, 4/1987, sowie: in: Vorwärts (Schweiz), 23. April 1987

Gramsci nach 1990 im vereinten Deutschland:

  • Antonio Gramsci: Gefängnishefte. Kritische Gesamtausgabe auf der Grundlage der im Auftrage des Gramsci-Instituts besorgten Edition von Valentino Gerratana. Hrs. vom Deutschen Gramsci Projekt unter der wiss. Leitung von Klaus Bochmann und Wolfgang Fritz Haug. Hamburg 1991 ff.
  • 1991 fand in Berlin erneut eine internationale Gramsci-Konferenz statt, und zwar unter der Leitung von Neubert als Vertreter der PDS und W. F. Haug, Professor an der FU Westberlins.
Von mir selbst wurden nach 1990 11 Bücher, Broschüren und Beiträge zu Gramsci veröffentlicht:
  • Antonio Gramsci – vergessener Humanist? Eine Anthologie. Zusammengestellt und eingeleitet von H. Neubert. Berlin 1991 Von Sozialismus und Demokratie – Antonio Gramsci. (Berlin 1991, Controvers, hrsg. Kommission Polit. Bildung der PDS)
  • Antonio Gramsci und das Schicksal des „realen Sozialismus“. In: Beiträge zur Geschichte der Arbeiterbewegung, 1/1991; nachgedruckt in: Hintergrund, Sonderausgabe 1/91
  • Die Dialektik von ziviler und politischer Gesellschaft bei Gramsci und deren Dysfunktion im „realen Sozialismus“. In: Z – Zeitschrift Marxistische Erneuerung, 7/1991
  • Zur „Machtfrage“ in der marxistischen Theorie. Der Beitrag Antonio Gramscis. Hrsg. Helle Panke e. V., Berlin 1994
  • Antonio Gramscis Gesellschafts-, Macht- und Parteikonzept. In: Vielfalt marxistischen Denkens. Berlin 1995, Hrsg. „Helle Panke“
  • Antonio Gramsci in der Tradition des marxistischen Denkens. In: Berliner Dialog-Hefte. Zeitschrift für den christlich-marxistischen Dialog. 4/1995
  • Zum 105. Geburtstag von Antonio Gramsci – Ein unorthodoxer Marxist. In: Neues Deutschland, 22.1.96
  • Die publizistischen Aktivitäten und theoretischen Leistungen Antonio Gramscis (mit einem strukturierten Überblick über seine schriftliche Hinterlassenschaft und die Abfolge ihrer italienischen und deutschen Edition), Beiträge zur Geschichte der Arbeiterbewegun­g, 2/1997
  • Zum Parteikonzept Antonio Gramscis. In: Uwe Hirschfeld: Gramsci-Perspektiven. Beiträge zur Gründungskonferenz des „Berliner Instituts für Kritische Theorie“ e. V. vom 18. bis 20. April 1997 im Jagdschloß Glienicke, Berlin. Berlin/Hamburg 1998 (Argument-Sonderband Neue Folge AS 256), S. 106
  • Buch: Antonio Gramsci: Hegemonie – Zivilgesellschaft – Partei. Eine Einführung. Hamburg 2001
  • Hegemonie erringen. Antonio Gramsci heute. In: unsere zeit – Zeitung der DKP, 11. Mai 2007

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