Eine prächtige Dokumentation bildeten die Arbeiten und Projekte verschiedener Pflichtschulen im Haus der Begegnung in der Brigittenau. Doch es gab keinen erfreulichen Anlass für die Eltern und LehrerInnen. Im vollbesetzten Saal ging es nämlich um die geplanten Einsparungen im Pflichtschulsektor.
Mit ihrer Unterschrift unter den Finanzausgleich zwischen Bund und Ländern haben Bürgermeister Häupl und die frühere Finanzstadträtin Ederer grünes Licht gegeben, auch in
Wien die Kürzungen im Bildungsbereich umzusetzen. Konkret geht es um Einsparungen bei den LehrerInnen. Auch wenn seitens des Stadtschulrates derzeit heftigst kalmiert wird, es müssen ohnehin "nur" 500 LehrerInnen eingespart werden die offizielle Zahl lautet nach wie vor 1.450. Das bedeutet: Ein bis zwei befristet angestellte JunglehrerInnen pro Schule mittlerer Größe könnten durch das Sparprogramm ab Herbst ihren Job verlieren. Die Tätigkeit von für Integration zuständigen BegleitlehrerInnen pro Klasse wird eingeschränkt.
Das bedeutet vor allem weniger Zeit für die Kinder. Und Zeit ist das, was diese sich am meisten wünschen. Ein kleines Rechenbeispiel: "Nur" 500 LehrerInnen weniger heißt pro Woche 10.000 Stunden weniger Zeit zum Zuhören, zum Verstehen, zum Diskutieren. "Mit dieser Kürzung werden wir in der pädagogischen Entwicklung um 20 Jahre zurückgeworfen", war das niederschmetternde Resümee der Diskussion. Eine Vertreterin behinderter Kinder meinte: "Statt uns mit weiteren Verbesserungen zu befassen, müssen wir uns jetzt gegen Verschlechterungen zur Wehr setzen. Das Sparprogramm beinhaltet eindeutig neue Diskriminierungen für behinderte Kinder."
Josef Reichmayr, Direktor der Integrativen Lernwerkstatt Brigittenau (der einzigen öffentlich-rechtlichen Pflichtschule, in der nach dem Montessori-Prinzip unterrichtet wird) befürchtet, durch die Einsparungen ein Drittel weniger LehrerInnen als bisher zur Verfügung zu haben: "All unsere Aufbauarbeit wird dadurch zunichte gemacht." Er sieht eine Parallele zu jener Geschichte, wie die Katze Dreibein ihren Namen bekam. Das dumme Tier war in einem Strohballen mit einer Pfote hängen geblieben und wusste keinen anderen Ausweg, als sich selbst zu verstümmeln.
Kein Wunder, dass sich die Anwesenden verhöhnt fühlen, wenn der Unterzeichner des Finanzausgleichs, Bürgermeister Häupl, derzeit plakatieren lässt: Gute Bildung darf kein Privileg sein!
Gertraud Kermani