KOMMUNISTISCHE PARTEI ÖSTERREICHS

Das dicke Ende

Von Bärbel Mende-Danneberg (27.5.2009)

Die letzten Hürden werden genommen: Nach den erarbeiteten Spezialgebieten, nach der schriftlichen Matura folgt in diesen Wochen die mündliche, banges Hoffen, aber die Gedanken sind schon fortgeflogen. Manche fahren zum Komasaufen in die Türkei, manche lassen sich mit dem Fahrschulvertrag für einen Führerschein von den betuchten Eltern belohnen, und manchen winkt die heißersehne Schönheitsope­ration, das Lippenaufspritzen, das Fettabsaugen, die Busenvergrößerung. Bin ich zu dick für den neuen Bikini? Ist der Busen zu klein?

Mädchen sind zunehmend unzufrieden mit ihrem Körper und ihrem Gewicht. Nach einer „Dr.-Sommer-Studie“ für das Jugendmagazin „Bravo“, die kürzlich in München vorgestellt wurde, findet sich fast die Hälfte der elf- bis 17-jährigen Mädchen zu dick. Tatsächlich aber seien 78 Prozent der Jugendlichen nachweislich normalgewichtig, sagte die Pädagogin Marthe Kniep. Dennoch habe der Wunsch, schlanker zu sein, eine zentrale Bedeutung. Von den Burschen sind immerhin zwei Drittel der Befragten mit ihrem Körper zufrieden. 34 Prozent aller befragten Mädchen und zehn Prozent der Jungen haben schon mindestens einmal eine Diät gemacht.

Der Schönheitswahn hat die Mädchen also nach Zeiten der kritischen Distanz zur weiblichen Körpervermarktung wieder voll im Griff. Fernsehsendungen wie Heidi Klums „Topmodel“ tragen nicht unwesentlich dazu bei, dass Mädchen unzufrieden sind mit ihrem Körper. In Zeiten der beschränkten Ausbildungsmöglichke­iten, der vagen Zukunftsaussichten und der – auch aus finanziellen Gründen – begrenzten Studienmöglichke­iten wird die Haut wieder zu Markte getragen. „Ihr habt hart gekämpft, ihr könnt stolz auf euch sein, doch nur eine kann gewinnen“, so Klum in einer ihrer letzten „Topmodel“-Fernsehauslese, „denn die Konkurrenz ist hart“. Die Heidi Klum-Diät verspricht allen Verliererinnen den Weg zur Wunschfigur in nur 14 Tagen.

Der Körperkult, den krankhaft dünne Models wie Kate Moss und untergewichtige Playmates mit Silikonbrüsten zelebrieren, fordert zu viele Opfer, betont Sven-David Müller vom Deutschen Institut für Ernährungsmedizin und Diätetik (D.I.E.T.) in Bad Aachen. Essstörungen sind oft die Folge einer hohen Außenreizabhängig­keit, so Müller weiter. In den Medien sind praktisch nur superdünne, krankhaft untergewichtige Menschen erfolgreich. Die Weltgesundheit­sorganisation WHO klassifiziert einen Body-Maß-Index unter 18,5 als Untergewicht. Lebensbedrohlich ist ein Body-Maß-Index unter 13, so Müller. In die Nähe dieser lebensbedrohlichen Zahlen kommen viele der weltbekannten Models, die bei einer Körpergröße von 1,80 Metern rund 50 Kilogramm wiegen. Das entspricht einem BMI von 15,4. Solange magere Models das Schönheitsideal bestimmen, steigt die Zahl der essgestörten Menschen.

Die Sinnfindung – synonym die Suche nach Identität, Halt, Sicherheit und Orientierung im Leben – erfolgt immer häufiger über Investitionen ins „körperliche Kapital“ (Pierre Bourdieu), versprechen diese Investitionen doch durch Eigenleistung erzielbare, spür- und sichtbare Erfolge, die wiederum soziale Anerkennung und Selbstgewissheit vermitteln, sagt der Philosoph Robert Gugutzer in seinem Essay „Körperkult und Schönheitswahn – Wider den Zeitgeist“. Kampagnen gegen Agenturen, die zaundürre Models über den Laufsteg schicken, haben also Sinn, und erleichtert nehme ich wahr, dass mein Matura-Enkelkind und ihre Schulkolleginnen Großteils normalgewichtig sind, auch wenn ich oft die Frage höre: Bin ich zu dick?

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