
Von Heidi Ambrosch (8.5.2009)
oder wie eine frauenbewegte Forderung von Frauen gegen sie instrumentalisiert wurde.
Ein Lehrstück
1. Akt:
1865 lässt Ann Maria Reeves Jarvis (USA) erstmals mit der Idee aufhören, einen Mothers Friendships Day zu gründen mit dem politischen Ziel, Mütter sollen sich treffen und zu aktuellen Fragen austauschen. 1907, nach dem zweiten Todestag ihrer Mutter führt sie ein Memorial Mothers Day Meeting durch und widmet sich nun hauptberuflich dem Anliegen, einen offiziellen Muttertag zu schaffen, indem sie Briefe an Politiker, Geschäftsleute, Geistliche und Frauenvereine schrieb. Die Bewegung wuchs sehr rasch an, der Muttertag als Feiertag am 2. Maisonntag wurde 1914 von der US-Regierung beschlossen. Zuvor, 1912 war es zur Gründung der Mother's Day International Association gekommen, um diese Initiative auch international zu verbreiten. Nachdem England den mothering day übernommen hatte, verbreitete sich der Feiertag 1917 in der Schweiz, 1918 in Norwegen, 1919 in Schweden, in Deutschland seit 1922. Zusammen mit der Pfadfinderbewegung engagierte sich in Österreich Marianne Hainisch als Initiatorin des Muttertages, der während der zweiten Amtszeit ihres Sohnes Michael Hainisch als Bundespräsident 1924 eingeführt wurde.
2. Akt:
Mit steigender Verbreitung und Kommerzialisierung des Muttertags wandte sich die Begründerin des Feiertages Jarvis von der Bewegung ab, bereute diesen ins Leben gerufen zu haben und kämpfte ab dann erfolglos für die Abschaffung des Feiertages.
In Deutschland wurde der Muttertag 1922/23 durch den Verband Deutscher Blumengeschäftsinhaber mit Plakaten Ehret die Mutter in den Schaufenstern etabliert und als Tag der Blumenwünsche gefeiert. Während der Zeit des Nationalsozialismus wurde der Muttertag mit der Idee der „germanischen Herrenrasse“ verknüpft. Gebärfreudige Mütter wurden als Heldinnen am Volk zelebriert, da sie den arischen Nachwuchs förderten. 1933 wurde der Muttertag ein offizieller Feiertag und 1934 als Gedenk- und Ehrentag der deutschen Mütter mit der Einführung des Mütterdienstes begangen. Die religiös anmutenden Feierlichkeiten (Mütterweihen) wurden in Konkurrenz zu christlichen Feiern auf sonntags um 10 Uhr angesetzt. 1938 wurde zusätzlich das Ehrenkreuz der Deutschen Mutter eingeführt, das am Muttertag 1939 erstmals verliehen wurde.
3.Akt:
Seit die Frauenbewegungen nach 1968 das Thema der unbezahlten Hausarbeit auf die Tagesordnung gesetzt haben, ist der Blick darauf immer noch verstellt, vor allem, welchen ökonomischen Wert diese unentgeldlich geleistete gesellschaftlich notwendige Arbeit hat. Während durch die Automatisierung der Anteil der menschlichen Arbeitskraft in der Industrie immer mehr zurückgeht, ist die Arbeit im sogenannten Dienstleistungsbereich gestiegen. Alte wie neue Anforderungen im Reproduktionsbereich werden, wenn nicht profitträchtig vermarktbar der gesellschaftlichen Verantwortung entzogen und ins private zu Lasten der Frauen abgeschoben.
Die Erfassung, Bewertung und Neuaufteilung aller Arbeit auf alle und ein bedingungsloses Grundeinkommen sind das Mindeste, was wir am Muttertag fordern.
4. Akt:
Den müssen wir erst gemeinsam mit all den vielen Frauen schreiben, die sich diesen Forderungen anschließen.
Fußnote
Marianne Hainisch
1870 forderte sie die Errichtung von Realgymnasien für Mädchen und die Zulassung von Frauen zum Hochschulstudium. Sie gründete aus privaten Mitteln ein sechsklassiges Lyzeum, das 1891 Öffentlichkeitsrecht erhielt. 1892 wurde das erste Gymnasium für Mädchen im deutschsprachigen Raum in der Rahlgasse in Wien errichtet. Im Jahr 1902 gründete sie den Bund österreichischer Frauenvereine, dessen Vorsitzende sie bis 1918 war. Im Jahr 1909 wurde sie zur Vizepräsidentin des Frauenweltbundes gewählt. Nach dem 1. Weltkrieg arbeitete sie für die Fürsorge und die Friedensbewegung mit Bertha von Suttner zusammen, nach deren Tod 1914 sie die Leitung der Friedenskommission im Bund österreichischer Frauenvereine übernahm.