KOMMUNISTISCHE PARTEI ÖSTERREICHS

Verschleierung verboten?

Von Claudia Krieglsteiner (14.5.2010)

Was verbindet Massimo Giordano, den Bürgermeister von Novara, der der Lega Nord angehört und die Vize-Präsidentin des EU-Parlamentes, die deutsche Liberale Silvana Koch-Mehrin? Beide haben es in den letzten Tagen in die Österreichische Tagespresse geschafft – mit ihrem Eintreten für ein „Burka-Verbot“.

Die Presse berichtet über die deutsche Liberale in einem kurzen Satz, dass diese als wirtschaftliberal gilt und „bisher die Ansicht vertreten hätte, dass Freiheitsrechte gewahrt bleiben müssten“. Bei Presseredakteuren raschelt’s im Karton, wenn Liberale antiliberal tun, dem Standard fällt da meistens nichts mehr auf.

Belgien hat als erstes EU-Land ein Gesetz auf den Weg gebracht, dass die Verschleierung des ganzen Körpers verbietet. Da ist übrigens nie von Frauen die Rede, obwohl es ja angeblich genau darum gehen soll, dass Frauenunterdrückung verhindert wird.

Seither wird wieder in vielen Ländern über ähnliche Gesetze diskutiert. Und es scheint wieder eine Frage zu sein, die cross-politisch über alle sonstigen Differenzen in den politischen Strömungen und zwischen Herrschenden und Zivilgesellschaft hinweg Einigkeiten und auf der anderen Seite neue Differenzen schafft.

Nun, christlich-europäisch sozialisierte Blicke reagieren irritiert auf Menschen, deren Gesicht in der alltäglichen Öffentlichkeit verhüllt, vermummt ist. Bei anderen Körperpartien ist das bekanntlich umgekehrt, aber das ist hier nicht Thema. Obwohl auch dazu, im Zusammenhang mit Werbung und weiblichen Körpern zum Beispiel, sehr viel zu schreiben wäre.

Auf Irritation könnte ein Prozess des Nachdenkens folgen, in dem die Ursachen für die Irritation und deren irrationale Aspekte erforscht werden. Dann ginge es aber wohl nicht um Politik und Medienberichte. Ich möchte es trotzdem probieren und dazu fallen mir viele Fragen ein:

Was passiert, wenn jemand mich/uns sieht (erkennen kann), aber selbst nicht gesehen wird (erkannt werden kann)? Oder ist bereits das ein Problem das nur in „unseren“ Köpfen besteht? Ist es nicht so, dass die Frauen (und ja, sicher auch die Männer) zum Beispiel in dem Stadtteil in Nairobi, den ich einmal besucht habe, in dem alle einheimischen Frauen Burka tragen, sich selbstverständlich dennoch erkennen?

Glaubt wirklich jemand, dass man durch die staatlich – erzwungene – Enthüllung, Frauen auf dem Weg ihrer Emanzipation stärken kann?

Wenn es darum geht, gegen eine Menschen– und insbesondere Frauen– verachtende Auslegung und Praxis einer Religion anzugehen, warum setzt man mit Verbotsgesetzen dann ausgerechnet am Körper der Frauen an? Kennen wir diese Methode nicht aus anderen Diskursen gut genug, um dagegen immunisiert zu sein?

Wie verhalten sich Verhüllung und allgegenwärtige Vermarktung zueinander? Kann die Erbitterung mit der gegen die Verschleierung von Frauen angeschrieben wird, damit zu tun haben, dass seit Jahrhunderten gilt, dass Ware gut sichtbar ausgelegt werden muss?

Und überhaupt: Ist die Tarnkappe, ist die Fähigkeit sich unsichtbar machen zu können nicht im Märchen – so wie beim Militär – eine in hohem Ansehen stehende Kunst?

Irritiert diese Möglichkeit nicht erst, wenn sie Eine beherrscht, der sie nicht zusteht? Eine Fremde. Eine, die signalisiert, dass sie sich nicht anpassen will. Was heckt so Eine aus, unter ihrem Schleier?

In Frankreich versucht die Justizministerin Alliot-Marie mit einem Gesetzesentwurf die Einwände (von den in Frankreich aktiveren MigrantInnen-Bewegungen?) zu berücksichtigen.

Der Text lautet, dass wer eine Person „wegen ihrer Geschlechtszu­gehörigkeit“ zur Gesichtsverhüllung zwingt, sei es durch „Gewalt, Drohung, Macht- oder Autoritätsmis­sbrauch“ soll mit bis zu 15.000 Euro oder einem Jahr Haft bestraft werden. Auf den ersten Blick, scheint das zumindest nicht gegen die Frauen/Opfer vorgehen zu wollen. Auf den zweiten Blick frage ich mich dann aber, ob es – mit Ausnahme des berühmten Pullovers, den Kinder anziehen müssen, wenn der Mutter zu kalt ist – nicht in Frankreich so wie in ganz Europa verboten ist, Menschen mit „Gewalt, Drohung, Macht- oder Autoritätsmis­sbrauch“ zu etwas und sei es zu einer bestimmten Kleidung zu zwingen.

Also auch dieser Vorschlag nur eine verschleierte Variante des Bedienens von Antiislamischen Ressentiments?

Und zuletzt die Frage an uns alle: Heißt Politik denn nicht immer auch Prioritäten zu setzen? Gegen welche Verschleierungen müsste dann aber am dringlichsten vorgegangen werden? Wie sichtbar und erkennbar sind denn Konzernentsche­idungen, wie transparent politische Zusammenhänge. Wer verschleiert Geldflüsse und heckt hinter Rauchvorhängen Maßnahme aus, die immer mehr Menschen in die Armut treiben und die globalen Ungerechtigkeiten ins Unfassbare steigern?

Allseitige Enthüllung! Und der Reihe der Prioritäten nach, bitte.

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