KOMMUNISTISCHE PARTEI ÖSTERREICHS

Verkehrte Muttertagwelten

Von Bärbel Danneberg (11.5.2013)

Machen wir uns nichts vor: Muttertag stresst. Mütter erwarten Dankbarkeit, sie sind zu Tränen gerührt, wenn die unbeholfen gemalten Herzchen überreicht werden, und dann später, im hohen Alter, umsorgen, pflegen wir sie und in manchen Fällen werden Mütter wieder zu Kindern, wenn sie ihr Gedächtnis im Stich lässt. Verkehrte Rollen.

Natürlich führen wir wieder unsere Mütter am Sonntag irgendwohin. Oder wir gehen ins Pflegeheim, Mutter wartet. Muttertag. Hoffentlich ist sie nicht enttäuscht, wenn wir ziemlich bald diesen Ort der Endlichkeit wieder verlassen werden. Ob sie uns erkennt? Wir werden sie in die Anstalts-Konditorei führen, in der sie sich mit Kakao bekleckern wird und Eis mit Schlag verlangt. Die klebrigen Finger wird sie sich in den neuen Morgenmantel wischen oder in die Haare ihrer Urenkelin. Verstohlen werden wir die Angehörigen an den Nachbartischen beobachten und betroffen feststellen, dass nicht nur wir unsere gepflegten Sorgen haben.

Verkehrte Rollen auch hier: Mehr als 40.000 Kinder pflegen ihre kranken Angehörigen, eine Tatsache, auf welche die Interessengeme­inschaft für pflegende Angehörige schon seit langem aufmerksam macht. Jetzt scheinen sie ein bissel gehört zu werden. Um diese Kinder und Jugendlichen künftig besser zu unterstützen, werden nun die Pflege-Hausbesuche genutzt, die es jährlich ohnehin gibt, sagt Sozialminister Rudolf Hundstorfer: Von 440.000 Pflege­geldbezieher würden 20.000 zur sogenannten Qualitätskontrolle zu Hause besucht. Wenn nun unter diesen besuchten Menschen Kinder und Jugendliche seien, werde man ihnen gewisse Unterstützung anbieten, so Hundstorfer. Außerdem soll Kindern die „Auszeit“ von der Pflege näher gebracht werden. Damit sie etwa auf Schulskikurs mitfahren können, ohne sich Sorgen um Mutter oder Vater machen zu müssen, wird bis zu vier Wochen pro Jahr eine Ersatzkraft gefördert.

Dass Kinder neben der Schule oder Matura sich um die kranke Mutter oder den gebrechlichen Vater kümmern müssen, ist ein Skandal. In dem Film „Mehr als ich kann“*) haben wir auch eine Maturantin zu Wort kommen lassen, die schildert, welchen Stress sie hatte, mitten in der Matura auf das Handyläuten warten zu müssen, das ihr sagt, wie es um ihren kranken Vater steht.

*)“Mehr als ich kann – ein Film über den Pflegealltag im Verborgenen“, von Herbert Link unter Mitarbeit von Bärbel Danneberg, Birgit Meinhard-Schiebel, Monika Wild, 2011

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