Feminisierung der Arbeit mag als theoretische Begrifflichkeit Schwächen haben. Ich halte sie dennoch für nützlich, auch weil sie den Finger auf die Schwäche vieler marxistischer Analysen zum Thema legt, Arbeit und Arbeiterklasse geschlechtsneutral zu definieren.
Mit Feminisierung der Arbeit werden unterschiedliche Entwicklungen beschrieben:
Einerseits die weiterhin steigende Zahl erwerbstätiger Frauen - auch dass Frauen in bislang männlich besetzte Domänen einziehen, denn die Wirtschaft hat den Bedarf an weiblicher sozialer Kompetenz und Kommunikationsfähigkeit entdeckt. Nicht selten aber führt die Umwandlung von Männern- zu Frauenarbeitsplätzen zur Entwertung.
Andererseits wird mit Feminisierung der Arbeit die Fragmentierung männlicher Erwerbsbiographien gefasst, wie sie bislang nur aus weiblichen Lebenslääufen bekannt war. Auch Männer können sich nicht mehr auf einen lebenslangen Arbeitsplatz und auf ein existenzsicherndes Familieneinkommen verlassen.
Letztendlich geht es um den Prozess, größere Teile der gesellschaftlichen Gesamtarbeit auf Frauen zu verlagern. Nicht nur durch die Überantwortung von sozialen Aufgaben, derer sich das neoliberale kapitalistische System zu entledigen angetreten ist. Sondern und vor allem im globalen Maßstab gesehen, durch die Verlagerung von Produktionsstätten in die dritte Welt. In den sogenannten "Sweatshops" oder "Maquiladoras"sind derzeit laut ILO-Angaben 27 Millionen Menschen in etwa 850 Exportproduktionszonen beschäftigt, 80-90 % sind Frauen. Überausbeutung, geringste Löhne und keinerlei Arbeitsschutzmassnahmen kennzeichnen die Arbeitsbedingungen. Auch im arbeitsintensiven Dienstleistungssektor finden Verlagerungen statt. Waren- und Versandhäuser, Banken und Versicherungen, Fluggesellschaften, Finanzämter lassen ihre Leistungen in Billiglohnländern buchhalterisch auf- und nachbereiten. 80 % der niedrig qualifizierten und gering entlohnten Büro- und Teletätigkeiten leisten Frauen. 3/4 jener hochqualifizierten Ingenieursarbeiten an Soft- und Hardware, deren Migration in die westliche Welt durchaus gefragt ist, leisten Männer.
Die Globalisierung der Lohnarbeit macht internationale Konventionen notwendig, sowohl was Verteilung und Einkommen betrifft, als auch über Bedingungen und Mitverantwortung bei der Verlagerung umweltsensibler Produktionen, bei der Lösung von Energieproblemen, bei der Sicherstellung der Lebensmittelproduktion und Subsistenzarbeit.
Der Begriff dient also der deskriptiven Beschreibung von Auswirkungen neoliberaler Globalisierung und führt uns zur kritischen Überprüüfung des traditionellen Arbeitsbegriffes und zur Wahrnehmung einer global neu zusammengesetzten ArbeiterInnenklasse.
Verfolgen wir die Aneignung marxistischer Kategorien anhand des Arbeitsbegriffes, so ist als Hauptlinie die ökonomistische Verengung von Arbeit als produktive Lohnarbeit festzustellen. Kaum Interesse gab es füür die Reproduktionsarbeit, obwohl sich bei den KlassikerInnen einiges zum Thema finden lässt. Vor allem aber hat die feministische Bewegung die Fragen schon vor 30 Jahren auf den Tisch gebracht.
Während die Erzeugung von Konsummittel aller Art zum Ge- und Verbrauch und die Erzeugung von Investitionsgütern - weil entlohnt - als Arbeit gewertet sind, werden Täätigkeiten zur Reproduktion der natürlichen Umwelt schon weniger, Tätigkeiten zur Reproduktion der individuellen menschlichen Persönlichkeit und Arbeitskraft - Hausarbeit und Kinderbetreuung, auch kulturelle und künstlerische Betätigung aller Art, Tätigkeiten zur geistigen Aneignung der Welt, Tätigkeiten zur Veränderung menschlicher Beziehungen und schließlich auch Tätigkeiten zur Selbstfindung nicht als Arbeit begriffen.
Gesellschaftlich existenziell notwendige Arbeit wird ignoriert und im großen Ausmaß zu Lasten der Frauen unbezahlt dem privaten und ehrenamtlichen Bereich zugeordnet.
Die Konsequenzen sind weitreichend:
Es kann so der Eindruck vermittelt werden, die Arbeit gehe uns aus; es kann so relativ reibungslos soziale Verantwortung reprivatisiert werden, indem man entweder in die alte Kiste "Hoch lebe die Familie" greift oder auch neue Slogans kreeiert, wie Elternschaftsverträge ala sozialdemokratischer Neoliberalismus. Im Gedränge um Erwerbsarbeitsplätze setzen Määnner der Verdrängung von Frauen nichts entgegen; letztendlich wird die Entwertung von Arbeit im informellen Sektor fortgesetzt, sie bleibt weitgehend unsichtbar und mit ihr ein nicht unwesentlicher Teil der ArbeiterInnenklasse.
Es ist überfällig Forderungen zu entwickeln, die auf qualitative Veränderungen in der Arbeitswelt abzielen, auf echte Autonomie der Arbeitenden bei der Gestaltung ihrer Arbeitszeit. Statt den informellen Arbeitsmarkt weiter auszuweiten, wäre dringend erforderlich, einen einheitlichen zu etablieren, mit gleichen Rechten und Chancen und einem Normalarbeitsverhältnis zwischen 25 und 30 Stunden.
Scheinbar freiwillig unterwerfen sich die Menschen kapitalistischen Orientierungsmustern, um ihre soziale Existenz zu sichern. Die Disziplinierungseffekte sind allgegenwärtig:
In der Unsicherheit um den Erwerbsarbeitsplatz. 55 % der ÖsterreicherInnen fühlen sich von mööglicher Arbeitslosigkeit bedroht. In der Unsicherheit über die materiellen Existenzgrundlagen, ca. 1,5 Millionen Menschen leben in einem Zustand der längerfristigen Prekarisierung.
Die Reaktion sind individuelle Anpassungsstrategien, wie die Reduzierung von Krankenständen, die Übernahme reaktionärer Weltansichten, AusländerInnen gefährden meinen Arbeitsplatz oder die Weitergabe des Druckes an die nächst Schwächeren, Frauen und Kinder.
Zu den gefährlichsten Wirkungsfaktoren im Prozess der ideologischen Disziplinierung gehört wahrscheinlich die Indoktrination von Wertmustern rassistischer, sexistischer, sozialdarwinistischer Denkweise. Die beispiellose Hysterie der letzten Wochen hat erschreckend vorgeführt, wie die Übernahme funktioniert und polarisiert, aber auch politisiert.
Ohnmacht ist ein weit verbreitetes Gefühl, gegen die da oben, lässt sich nichts ausrichten. Der überzeugende Wurf für eine machbare alternative gesellschaftspolitische Entwicklung fehlt. Wut üüber korrupte Gewerkschaftsspitzen, die nicht mehr in der Lage sind zu mobilisieren, verstärkt das Gefühl der Orientierungslosigkeit. Korruptions- und Privilegienskandale überdecken die grundlegenden Eigentumsverhältnisse, den Widerspruch zwischen jenen, die gesellschaftlich notwendige Arbeit leisten und jenen, die daran immer mehr verdienen.
Mit der Differenzierung innerhalb der ArbeiterInnenklasse muss wahrgenommen werden, dass sich sowohl Inhalt als auch Orte sozialer Interessenskämpfe verschoben haben und weiter verschieben. Dazu kommt auch, die einseitige Aufkündigung der Sozialpartnerschaft, die Entscheidungsabgabe an die EU-Gremien.
Eine verengte Sicht auf die unmittelbaren sozialökonomischen Interessenskämpfe in Betrieben oder auf kommunaler Ebene übersieht die möglichen Ansatzpunkte sozialen Widerstands außerhalb. Gewerkschaftlicher Interessenskampf ist nicht auf den ÖGB zu beschränken. Das Netzwerk gegen die Armut hat das Thema Mindestsicherung, die internationale attac-Bewegung die Tobin-Steuer ernsthaft in Diskussion gebracht. Die Anti-Globalisierungsbewegung rückt die eigentlichen Akteure im weltpolitischen Geschehen in den Mittelpunkt. Das Frauenvolksbegehren hat es geschafft, die Forderung nach einem gesetzlichen Mindesteinkommen oder die eigenständige Pensionsabsicherung von Frauen in die öffentliche Debatte zu bringen. All diese Bewegungen sind Bewegungen des sensibelsten Teils der ArbeiterInnenklasse ohne zu ignorieren, dass sie eine neue Qualität erhalten würden, wenn sich die Gewerkschaften aktiv einbringen und mobilisieren würden.
Frauen als handelnde Subjekte begreifen, heißt vor allem die Frauen- und Lesbenbewegung, feministische Standpunkte ernst zu nehmen. Und ich zitiere gern an dieser Stelle einen Mann, unseren Gewerkschaftsvorsitzenden Manfred Gross, der in seinen Anmerkungen zur Konferenz schreibt:
"Im übrigen ist zu vermerken, dass das Ignorieren von Fragestellungen und Widersprüüchen, die von Feministinnen aufgeworfen und angesprochen werden, nichts an deren Existenz ändert."
Die Zustimmung zum Frauenvolksbegehren hat gezeigt, dass Frauenanliegen mobilisieren können. Der feministische Widerstand, der Zusammenschluss von Frauen/Lesbenprojekten und -initiativen, feministischen Theologinnen trägt schon seit einigen Jahren anti-neoliberale und anti-patriarchale Positionen vor. Die feministische Frauen- und Lesbenbewegung ist ein organisierter Teil der ArbeiterInnenklasse und zugleich verlässliche und unverzichtbare Partnerin der fortschrittlichen Organisationen der ArbeiterInnenbewegung. Feministischen Themen, Frauenanliegen Priorität einzuräumen, heißßt Engels Aussage ernst zu nehmen: ..."dass der Grad der weiblichen Emanzipation, dass Maß der allgemeinen Emanzipation ist."
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