KOMMUNISTISCHE PARTEI ÖSTERREICHS

Globalisierung aus Frauensicht


(Exzerpt einer Textsammlung im gleichnamigen Buch von Ruth Klingebiel und
Shalini Randiera, Dietz-Verlag, 1998) von Heidi Ambrosch


Globalisierung umgreift eine Vielzahl miteinander verwobener Prozesse:
eine zunehmende transnationale Bewegung von Kapital, Gütern und Menschen;
eine engere Vernetzung mittels neuer Kommunikationstechnologien; eine
komplexere internationale Arbeitsteilung durch die Zerlegung der
Produktion von Waren und Dienstleistungen an verschiedene Orte; ein
rascher Fluß von Ideen, Bildern und Konsummustern sowie -objekten; ein
wachsendes Bewußtsein für Risiken und Gefahren, die die Welt als Ganzes
bedrohen; ein quantitativer Ansteig und Bedeutungzuwachs transnationaler
Institutionen sowie global vernetzter politischer Bewegungen und vieles
mehr. Es geht um die wechselseitige, horizontale wie vertikale
Durchdringung dieser Prozesse, und zwar auf nationaler, subnationaler und
transnationaler Ebene.
Ihre gegenwärtige Dynamik beruht letztlich auf einer Ausdehnung
neoliberaler wirtschaftlicher und politischer Leitvorstellungen. Sie ist
somit politisch intendiert und könnte daher auch politisch (um)gestaltbar
sein. Kennzeichnend für den gegenwärtigen Prozeß ist die zunehmende
Konzentration von Reichtum und ihre ungerechte Neuverteilung. Wie dem
UNDP-Bericht von 1997 zu entnehmen war, entspricht der Reichtum der 358
globalen Milliardäre dem Gesamteinkommen der 2,3 Milliarden Ärmsten. Mit
einem Anteil von 70% Frauen an den ärmsten 1,3 Milliarden Menschen bleibt
der Trend einer Feminisierung der Armut ungebrochen.


Frauen auf der VerliererInnenseite


Zwar stieg weltweit die Frauenerwerbsquote in den letzten 20 Jahren von
36% auf 40%, aber vier Tatsachen dürfen dabei nicht außer acht gelassen
werden:
- der Ansteig der Frauenerwerbsquote hat nicht mit dem Anstieg des
Bildungsniveaus von Frauen Schritt gehalten
- der Anstieg geht einher mit einer weltweiten Informalisierung
(Teilzeit, Heimarbeit, geringfügige...)
- weder die Lohnungleichheit noch die Konzentration auf wenige
Tätigkeitsbereiche am unteren Ende der Arbeitshierarchie (Pflege,
Erziehung, Gebäudereinigung) wurde abgebaut
- es findet eine zunehmende Polarisierung von Frauen am untersten und
oberen Ende der Hierarchie des Arbeitsmarktes statt.
Dabei verknüpfen sich diese Prozesse in dem Maße, wie die
Dienstleistungsgesellschaften erneut zu Dienstmädchengesellschaften
werden, mit der zunehmenden Migration von Frauen (von Ost- nach Westeuropa
ebenso wie innerhalb des pazifischen Raums).


Die Feminisierung der Migration


In den offiziellen Statistiken tauchen selten geschlechtsspezifische Daten
auf. Arbeitsmigration wird mit männlichen Migranten gleichgesetzt. So
werden Migrantinnen im jährlichen Bericht der OECD über Arbeitsmigration
ausschließlich in Verbindung mit Familien und Kindern erwähnt. Selten wird
berücksichtigt, daß sich weltweit immer mehr Frauen zur Migration
gezwungen sehen und es Länder und ganze Regionen gibt, wo Frauen mehr als
die Hälfte der Migrierenden ausmachen. In Europa betrug 1990 der weibliche
Anteil an der ausländischen Bevölkerung 46,3%.
Frauen erfüllen auf dem Weltmarkt im Gegensatz zu männlichen Migranten
mehrere Funktionen, die vor allem eng mit ihrem Geschlecht verbunden sind.
Geschlechtsspezifische Formen der Migration sind Heiratsmigratinnen,
Hausangestellte, Krankenschwestern, Nachtclub-Tänzerinnen und
Prostituierte. Diese spezifischen Formen von Arbeit werden mehrheitlich
unsichtbar gemacht. Traditionelle Formen der vom herrschenden
patriarchalen System als weiblich definierten Arbeit, welche Frauen in den
Industrieländern teilweise verweigern oder nicht mehr in ausreichendem
Maße übernehmen, werden weder abgeschafft noch zwischen Frauen und Männern
geteilt, sondern Frauen anderer Länder zugewiesen. Dies hat sowohl für die
Fließband- und Putzarbeit als auch für die Prostitution, die Reproduktion
der Arbeitskraft sowie auch für das Aufziehen von Kindern seine
Gültigkeit. Die durch den Schengener Vertrag beispielsweise verursachte
erzwungene illegalisierte Form der Migration hat für die Volkswirtschaft
den Vorteil, daß Migrantinnen keine sozialen Kosten verursachen. Da sie
weder durch die Arbeitslosenversicherung geschützt sind, noch überhaupt
Schutz und Grundrechte genießen. Sie stellen damit das gefügigste Segment
des Arbeitsmarktes dar.


Ein wesentliches migrationsförderndes Element stellen Direktinvestitionen
in die exportorientierte Produktion einiger Länder Asiens, Afrikas und
Lateinamerikas dar, was seit Ende der 60er Jahre mir der Durchsetzung
einer Neuen Internationalen Arbeitsteilung einherging. Die Folge war die
Schaffung sogenannter Freier Produktionszonen und Weltmarktfabriken, in
denen unter ökonomisch günstigsten Bedingungen zu möglichst niedrigen
Arbeitskosten für den Export produziert wird. Dabei wird die Frauenarbeit
für die Produktion von Massenkonsumwaren in den multinationalen
Unternehmen eingesetzt, denn 80% der Produktionsarbeit in den
Exportindustrien dieser Ländern wird von Frauen verrichtet. Gleichzeitig
vernichten diese Investitionen vielfach Subsistenzgrundlagen. Wenn die
Arbeit der Frauen nach kurzer Zeit nicht mehr gefragt oder ihre
Arbeitskraft verschlissen ist, bleibt kaum mehr die Möglichkeit in die
traditionelle Dorfökonomie zurückzukehren.


Nachhaltige Entwicklungspolitik ist gefordert
(Brundtland-Kommission 1987)


Unter nachhaltiger Entwicklung verstehen wir eine Form der Entwicklung,
die den Bedürfnissen der heutigen Generationen entspricht, ohne daß sie
die Möglichkeiten der künftigen Generationen gefährdet, ihre Bedürfnisse
zu befriedigen. (...) Nachhaltige Entwicklung heißt, daß die
Grundbedürfnisse aller befriedigt werden und daß alle die Möglichkeit
erhalten, ihre Wünsche nach einem besseren Leben zu erfüllen.


Frauen und politische Entscheidungsmacht


Im globalen Schnitt haben Frauen immer noch nicht mehr als 6-10% der
Führungspositionen in Parlamenten, Regierungen und Ministerien inne. Weit
über diesen Schnitt liegen dabei lediglich die skandinavischen Staaten mit
einem durchschnittlichen Frauenanteil von 36,2% in Parlamenten, 33,3% in
Regierungen und 20,3% auf subministerieller Ebene. In den übrigen
Weltregionen variieren diese Durchschnittswerte zwischen 1,4 und 13,7%.
(Gilt auch für die UNO)
Die eher geringen Differenzen zwischen Entwicklungsländern und
Industriestaaten hinsichtlich der politischen Repräsentanz von Frauen
sprechen gegen die These, daß vorrangig der niedrige sozio-ökonomische
Status von Frauen für ihren Ausschluß aus den Sphären
institutionalisierter Politik verantwortlich sei. Die Verfügungsmacht über
materielle Ressourcen, angemessene Bildung, der Erwerb politiknaher
Kompetenzen sowie der Aufbau von Beziehungsnetzen in entsprechenden
Berufskontexten stellen zwar eine Bedingung der Möglichkeit politischer
Teilhabe dar, sie garantieren aber keinesfalls gleiche politische
Beteiligung (siehe auch ehem.sozialistische Länder). Der Hinweis, daß die
gesellschaftliche Geschlechterideologie in der einen oder anderen Form
(durch rigide Normen oder durch verinnerlichte Stereotypen) Einfluß auf
das politische Verhalten von Frauen hat, bleibt als Erklärungsmuster
ungenau. Zu hinterfragen ist die Tatsache, daß in der politischen Sphäre
die Geschlechterhierarchie strukturell verankert ist. In einem derartig
geprägten politischen Raum sind nur bestimmte Handlungsformen, Stile und
Strategien zulässig, anerkannt und erfolgreich. Der internationale und
historische Vergleich zeigt, daß politisches Engagement von Frauen mit
Regelmäßigkeit ansteigt, wo politische Strukturen und damit feste
Reglements zur Verteilung von Macht ins Fließen geraten, wie in
revolutionären oder transformatorischen Systembrüchen. Dieser Wandel
überdauert zumeist nicht die Konsolidierungsphase.


Geschlechterstruktur politischer Systeme


Sowohl ehrenamtliche wie auch professionelle politische Arbeit erfordern
ein hohes Maß an Zeiteinsatz und Zeitflexibilität. Beratungen, Sitzungen,
Parteiversammlungen an Abenden und Wochenenden, unvorgesehene Termine und
Terminänderungen, Wahlkämpfe und Reisen sind an der Tagesordnung. Eine
solche Arbeitsweise ist nur schwer vereinbar mit der gleichzeitigen
Übernahme von Haus- und Familienarbeit, insbesondere mit der Versorgung
von Kindern und anderen Familienangehörigen. So läßt sich auch empirisch
ein Zusammenhang zwischen Geburtenrate und politischer Repräsentanz
nachweisen. Auch die Tatsache, daß Frauen auf kommunaler Ebene regelmäßig
besser vertreten sind, hängt unter anderem mit der geschlechtsspezifischen
Arbeitsteilung zusammen. Häufig ist die kommunale Politik kein full time
Job und läßt sich eher mit Familienarbeit verbinden.
In jedem gesellschaftlichen Handlungszusammenhang, jeder Institution oder
Organisation gibt es darüber hinaus informelle Normen,
Handlungsanweisungen und Spielregeln, deren Kenntnis und Befolgung eine
wesentliche Voraussetzung für angemessenes und erfolgreiches Handeln
darstellt. Die Kenntnis und Anwendung dieser Normen zeichnet den einzelnen
als Zugehörigen aus, vermittelt ihm Kontakte und Anerkennung und stattet
ihn dadurch mit erheblichen Ressourcen aus. Je nachdem, wie stark in einer
Gesellschaft also männliche und weibliche Geschlechterstereotypen
ausgeprägt sind, sind diese Ressourcen für Männer leichter verfügbar als
für Frauen. Die Männlichkeit dieser informellen Kultur politischer
Institutionen wird durch die vielfältigen männlich codierten Rituale und
Symbole des politischen Alltagshandelns angezeigt: vom männlichen
Schulterklopfen und Bruderkuß, von der mit Männlichkeit assoziierten
raumgreifenden Körperpräsentation und Gestik, über die männliche Uniform
des in vielen Teilen der Welt einheitsgrauen Anzugs, die nahezu rituellen
gemeinsamen Beislbesuche, die Fußballspiele und die gemeinsame Jagd bis
zur weitverbreiteten Praxis der anzüglichen Zwischenrufe in öffentlichen
Versammlungen oder zum konsensstiftenden Austausch sexistischer Witze.
Frauen werden einem doppelten Legitimationszwang ausgesetzt: Sie müssen
sich selbst wie ihrer Umwelt gegenüber beweisen, daß sie - obwohl Frau und
daher gewissermaßen illegitimerweise in der Politik - dennoch für die
Regelung der öffentlichen Angelegenheiten geeignet sind und sie - obwohl
Politikerin - dennoch richtige Frauen sind.


Zu den schärfsten KritikerInnen der derzeitigen Entwicklung gehört
zweifellos die internationale Frauenbewegung . Unter diesem Sammelbegriff
wird eine Vielzahl von Akteurinnen zusammengefaßt: diverse lokale,
regionale, nationale und transnationale Frauen-NRO; Aktivistinnen der
Frauenbewegungen sowie anderer sozialer Bewegungen; AkademikerInnen und
Institutionen der Frauenforschung. In ihrer Suche nach Alternativen muß
die internationale Frauenbewegung sich einerseits mit dem ökonomischen
Fundamentalismus des neoliberalen Modells, andererseits mit
rückwärtsgewandten Utopien des religiös-politischen Fundamentalismus
beschäftigen. Und sie muß sich mit Zukunftsfragen auseinandersetzen. Wenn
weltweit zwei Drittel aller Analphabeten Frauen sind und lediglich 1% der
Weltbevölkerung Zugang zum Cyberspace haben - wovon Frauen vermutlich
weniger als die Hälfte ausmachen - müssen die Formen, die Gestaltungsmacht
und die Auswirkungen dieser Veränderungen auf die globalen
Kommunikationsprozesse unter Frauen reflektiert werden.
Es fehlen allerdings noch entsprechende Netzwerke, die einen
Vermittlungsprozeß durchführen, der zu einem direkten Austausch zwischen
nationalen Frauenbewegungen und den Organisationen der internationalen
Frauenbewegung führt.
Internationale Vernetzung erfordert ein Denken in Verbindungen und Respekt
vor Verschiedenheit und kulturellen Besonderheiten. Respekt vor der
Vielfalt ist ein politisches Prinzip, dessen Anwendung Bewegung erzeugt.
Gekennzeichnet ist es nicht durch Verneinung der Gemeinsamkeit, sondern
durch Bejahung der Unterschiede. Das Paradigma der Vielfalt wendet sich
gegen universelle, homogenisierende Wahrheiten, die blind sind gegenüber
der Pluralität von Kulturen und die blind sind gegenüber den komplexen
patriarchalischen und politischen Realitäten von Frauen: Neben dem
Geschlecht spielen Rasse, Klasse, Kaste, Sexualität, Nationalität,
Religion, Alter, Behinderung eine Rolle, um nur einige zu nennen.

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