KOMMUNISTISCHE PARTEI ÖSTERREICHS

Wir Frauen haben Druck gemacht

"Wir haben mitgewirkt, Frauenbewußtsein zu stärken." Irma Schwager im
Gespräch.

Am 31. Mai feiert Irma Schwager ihren 80. Geburtstag. Als
Widerstandskämpferin, Kommunistin, langjährige Vorsitzende des Bundes
Demokratischer Frauen, als Initiatorin zahlreicher parteiübergreifender
Frauen- und Friedensaktivitäten und bis heute aktive Kämpferin gegen
Faschismus, Rassismus und Antifeminismus ist Irma Schwager nicht nur den
älteren, sondern auch vielen jüngeren Menschen – und nicht nur im linken
gesellschaftspolitischen Spektrum – ein Begriff.

Wie schätzt du als Widerstandskämpferin und Antifaschistin den
Regierungswechsel in Österreich ein, und wie stehst du zur
Widerstandsbewegung gegen Schwarzblau?
Die FPÖ ist eine ganz reaktionäre rechte Partei. Was sie zusammen mit der
verhaideresierten ÖVP beschließt, ist für die Frauen wirklich schlecht.
Auch das, was sie als Familienpolitik so groß schreiben, trägt in
Wirklichkeit nicht zur Emanzipation der Frauen bei, sondern führt im
Gegenteil dazu, daß die Frauen noch abhängiger werden vom Mann und von den
Kindern. Der Kinderscheck, dessen Finanzierung ja noch offen ist,
bedeutet, daß weniger Geld für Kindereinrichtungen ausgegeben wird.
Auch was die berufliche Seite der Frauen betrifft: Es ist beängstigend,
wie stark die Zahl prekärer, flexibler Arbeitsverhältnisse wächst, die für
Frauen nicht existenzsichernd sind. Sie müßten zwei, drei Tätigkeiten
haben, damit sie davon leben können. Und oft haben sie dabei nicht einmal
eine Pensionsversicherung. Das alles untergräbt all jene Errungenschaften,
die Frauen sich erkämpft haben. Alles, was diese Regierung bisher
beschlossen hat, wendet sich nicht nur gegen die arbeitende Bevölkerung
und die PensionistInnen im allgemeinen, sondern speziell gegen die Frauen.
Zur Widerstandsbewegung: Ich finde es äußerst erfreulich, daß so viele
Menschen nicht nur unzufrieden sind und schimpfen, sondern auch bereit
sind, für Veränderungen einzustehen und sich kritisch zu äußern. Ich war
so bewegt auf dieser Kundgebung am Heldenplatz – daß es möglich ist, so
viele Menschen zu mobilisieren .

Du zählst als Kommunistin zu den ganz aktiven Frauen, die stets für
Verbesserungen des weiblichen Lebenszusammenhangs gekämpft und sich für
parteiübergreifendes Zusammenarbeiten eingesetzt haben.
Im Zusammenhang mit dem Entstehen der neuen feministischen Frauenbewegung
war das erste Gemeinsame eine große Demonstration gegen den Paragraph 144,
den Abtreibungsparagraphen. Da waren junge Frauen aus der SPÖ, eine
Gruppe, die sich Rotstrumpf genannt hat, und es ist gelungen, Druck zu
machen in der Frage. Diese junge Frauengruppe hat am Villacher
SPÖ-Parteitag den Fristenlösungs-Beschluß durchgesetzt, daß also ein
Schwangerschaftsabbruch nicht mehr unter Strafe steht. Das war eine ganz
große Sache, weil wirklich seit Generationen Frauen darunter gelitten
haben. Nach dieser großen Demonstration bin ich zusammen mit einer jungen
SPlerin, die Sekreträrin im Parlamentsklub war, hinauf gegangen in ihr
Büro, um dort die Presseaussendung zu machen. Wir haben anschließend eine
Delegation beim Justizminister gehabt und die Abschaffung des Paragraphen
144 verlangt, und sie hat zu mir gesagt: Siehst du, da unten sitzen wir
täglich mit der ÖVP zusammen, und wir zwei dürfen eigentlich gar nicht
zusammenarbeiten.

Weshalb denn nicht?
Es hat die Eisenstädter Erklärung gegeben, die es SPÖ-Mitgliedern verboten
hat, mit KommunistInnen zusammenzuarbeiten. Und so war es auch nicht
möglich, mit den Frauenorganisationen der Parteien eine Gemeinsamkeit
herzustellen. Erst mit dem Entstehen der feministischen Frauenbewegung
konnte das etwas durchbrochen werden. Das hat dazu beigetragen, daß die
Frauen in den anderen Parteien auch stärker aufgetreten sind. Etwa was die
Reform des Ehe- und Familienrechts betrifft: Wir haben seit der Zweiten
Republik bei jedem Justizminister vorgesprochen, das Ehe- und
Familienrecht, das aus dem Jahr 1811, also aus der Postkutschenzeit
stammte, zu reformieren: Der Mann war das Oberhaupt der Familie, und er
hat den Wohnsitz bestimmt oder ob die Frau berufstätig sein darf. Die
Mutter hat nicht das Recht gehabt, einen Paß oder einen Lehrvertrag zu
unterschreiben, auch wenn sie das Kind ganz allein erhalten hat. Der Druck
der Frauen in allen Parteien wurde stärker, und es ist dann auch gelungen,
Mitte der 70er Jahre stückweise diese Reform im Ehe- und Familienrecht
durchzusetzen.

Der gemeinsame Kampf der Frauen war also stärker als die Parteiräson und
hat für Frauen etwas bewirkt?
Bei den jungen Frauen hat diese politische Ausgrenzung schon Kritik
hervorgerufen. Die Älteren haben sich angepaßt. Es hat jahrelang gedauert,
bis gemeinsame Delegationen zu den Ministern oder Briefe zustande kamen,
um auf diese Weise zu versuchen, Frauenfragen durchzusetzen. Und doch
haben wir was in Bewegung gebracht, auch mit den Aktionseinheiten zum
Internationalen Frauentag. Wir haben zwar nicht unser Ziel erreicht, eine
große überparteiliche Frauenorganisation zu schaffen, aber wir haben
mitgewirkt, Frauenbewußtsein zu stärken.
Ein großer Durchbruch kam mit Johanna Dohnal, weil sie wirklich zur
Öffnung auch uns Kommunistinnen gegenüber bereit war. Wir sind zwar nie in
den Österreichischen Frauenring aufgenommen worden, obwohl wir sämtliche
Kriterien erfüllt haben. Aber die Johanna Dohnal hat uns immer zu ihren
Enqueten eingeladen, auf denen es möglich war, sich inhaltlich
auseinanderzusetzen. Fragen der berufstätigen Frauen haben dort eine große
Rolle gespielt – und die alte Frage der Kinderbetreuung. Da ist ja richtig
mit uns Pingpong gespielt worden: Die Regierung hat gesagt, das ist Sache
der Länder, die Länder haben gesagt, das ist Sache der Gemeinden, die
Gemeinden haben gesagt, sie haben kein Geld dafür.

Du warst Präsidentin des Bundes Demokratischer Frauen Österreichs, du
warst Mitglied des Zentralkomitees der KPÖ und hattest viele andere
politische Funktionen in deinem Leben – wie fing dein politisches
Engagement eigentlich an?
Es gab einmal eine Zeit, in der fast jeder Mensch politisiert wurde: 1933
sind in Deutschland die Nazis an die Macht gekommen, und diese Gefahr war
lange vor 1938 auch für Österreich sichtbar. Ich erinnere mich genau an
den Tag des Einmarschs deutscher Truppen. In der Nacht hat man schon diese
SA-Truppen in voller Wichs durch die Straßen marschieren gehört. Mit dem
38er Jahr wurden die ersten Transporte nach Dachau zusammengestellt. Ich
bin mit 18 Jahren nach England gefahren, aber nie dort angekommen, weil
ich bei einem Freund, der illegal nach Belgien gegangen war, geblieben
bin. Dort haben Kommunisten einen Zirkel gebildet – das war eine
freundschaftliche, solidarische, warme Atmosphäre dort. Ich habe begonnen
zu verstehen, daß man nicht nur Opfer ist, daß man sich nicht nur wehren
kann, sondern auch muß. Ich habe dann unter den Soldaten Widerstandsarbeit
für ein freies Österreich geleistet und wurde später in Gurs interniert.
Meine Eltern sind in Wien geblieben, beide und zwei Brüder sind im
Holocaust zugrunde gegangen.
Nach 1945 war es so: Nie wieder darf so ein Krieg kommen, nie wieder
Faschismus. Das war, möchte ich sagen, ein Wunsch vieler Menschen auch
über die Kommunistische Partei hinaus.

Danke für das Gespräch.

Interview: Sylvia Köchl

Termintip:
Ein Fest für Irma: Dienstag, 30. Mai 2000, ab 19 Uhr im 7stern,
Siebensterngasse 31, 1070 Wien.

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