Erste Gedanken zum Programm der neuen Regierung
Wir sind unmissverständlich zurück im Zeitalter der großen
Koalition, in der die Sozialdemokratie ihren letzten Funken an Glaubwürdigkeit
verspielt. Den Ausgang der Geschichte kennen wir schon.

Nach Monaten des Verhandelns gibt es nun eine neue Regierung. Kein Grund zur Freude,
so scheint es, speziell für die vielen Tausenden WählerInnen der SPÖ,
denen per Medien gerade verkauft wird, dass kein einziges der Wahlversprechen,
für das sie ihre Stimme abgegeben haben, eingelöst wurde. Ganz so ist
es aber nicht, außer dass natürlich die Zuteilung der "wichtigen"
Ministerien an die ÖVP ein schlechtes Licht - zumindest auf Gusenbauer &
Co.s Verhandlungsgeschick - wirft.
Ein genauer Blick auf das Regierungsprogramm lässt jedoch erkennen, dass
da sehr wohl einige SP-Vorstellungen eingeflossen sind, nur, dass diese nicht
unbedingt das Prädikat "sozial" verdienen. Das erklärt zumindest
die Zurückhaltung der SPÖ-Parteispitze, wenn es um die Reklamation der
eigenen Einflüsse im Regierungsprogramm geht. Kindsweglegung nannte man das
mal.
Dabei gäbe es gerade im Bereich "Frauenpolitik" einiges, das sich
die SPÖ in aller Öffentlichkeit auf ihre Fahnen heften könnte,
ohne sich dafür schämen zu müssen. Aber vielleicht sind die Herren
und Damen der neuen Kanzlerpartei nach sieben Jahren Opposition noch zu Macht-entwöhnt
und müssen erst wieder lernen, ihre "Siege" - und seien diese noch
so klein - als solche zu verkaufen.
Wieder ein Frauenministerium
Als solcher eignet sich - aus frauenpolitischer Sicht - allemal, dass es wieder
ein eigenes Frauenministerium geben wird. (Über die Person, die das Amt der
Frauenministerin bekleidet, enthalte ich mich vorerst jeglichen Kommentars.) Das
bedeutet, dass Frauenanliegen in der öffentlichen Debatte wieder mehr Gewicht
bekommen werden. Dazu gehören Themen wie: Gewalt und Gewaltschutz, Frauenförderung
und -gleichstellung, Einkommensgerechtigkeit, der Ausbau von frauenspezifischen
Beratungseinrichtungen und geschlechtersensibler Medizin.
Einem Herzensanliegen der SPÖ-Frauen, nämlich der Forderung nach einer
flexiblen Regelung des Kindergeldbezugs, wurde stattgegeben. Das bedeutet, dass
Eltern nunmehr die Wahlmöglichkeit haben, ob sie dieses drei oder eineinhalb
Jahre lang beziehen wollen. Der monatliche Betrag erhöht sich dabei von €
436,- auf € 800,- (wo sind die restlichen € 72,- geblieben). Gewünschter
Nebeneffekt: Frauen bleiben nicht mehr so lange dem Berufsleben fern, dass der
Wiedereinstieg unmöglich oder zumindest wesentlich erschwert wird. Und einen
weiteren Vorteil hat dieses Modell, nämlich dass es kostenneutral - oder
heißt das noch immer aufkommensneutral - ist. Kindergeld hieß aber
mal Karenzgeld, war eine Versicherungsleistung und daher auch von Migrantinnen
beziehbar.
Im Regierungsprogramm heißt es weiters: "Familie wird in all ihren
vielfältigen Formen von uns respektiert und unterstützt". Die durch
die Maßnahmen der blau-schwarz-orangen Regierungskoalition skeptisch gewordene
Schreiberin fragt sich angesichts solcher Töne natürlich: Was heißt
das? Bedeutet es auch, dass z.B. die Initiative "Ehe ohne Grenzen" ihre
wöchentlichen Proteste vor dem Innenministerium einstellen kann, weil die
nicht-österreichischen EhepartnerInnen von österreichischen StaatsbürgerInnen
plötzlich nicht mehr von Abschiebung bedroht sein werden? Und heißt
das, dass homosexuelle Paare nunmehr auch den Status von familienfähigen
Menschen erhalten? Keine Ahnung.
Gewalt gegen Frauen bekämpfen
Der Bekämpfung des Menschenhandels, der überwiegend Frauenhandel ist,
wird besonderes Augenmerk gewidmet, jedoch fehlt die zentrale Forderung, dass
von Frauenhandel Betroffene vor Abschiebung sicher sind, auch über das jeweilige
Verfahren hinaus. Löblich jedenfalls, dass für die betroffenen Frauen
zahlreiche unterstützende Maßnahmen - reichend von mehr Notwohnungen
über medizinische Versorgung bis zur zivilrechtlichen Prozessbegleitung -
angedacht werden.
Als Relikt der Politik der vergangenen Ära erhalten hat sich die Weiterführung
der "Maßnahmen gegen traditionsbedingte Gewalt" und der Schutz
von Betroffenen von Zwangsheirat. Dabei wird unterstellt, dass es traditionsbedingte
Gewalt nur in Gesellschaften von Zuwanderungsländern gäbe, indirekt
behauptet, dass Gewalt - von österreichischen Männern an Frauen ausgeübt
- nichts mit Tradition zu tun hätte.
Was soll sich im Bereich "Arbeitswelt" tun?
Typische Frauenarbeit soll besser bewertet, Frauenkarrieren, insbesondere im Wissenschafts-
und Forschungsbereich sollen besonders gefördert, die Frauenbeschäftigungsquote
insgesamt von 62% auf 65% angehoben werden. Insbesondere, wie ersteres vonstatten
gehen soll, darauf kann frau schon sehr gespannt sein. Lebt diese Gesellschaft
doch von schlecht bis unbezahlter Frauenarbeit.
Politik bleibt neoliberal
Dass dieses Regierungsprogramm den Stempel des Neoliberalismus trägt - wenngleich
Herr Cap das Wort "modern" bevorzugt, um es zu kennzeichnen - wird am
Detail sichtbar, ebenso an der Ressortaufteilung zwischen ÖVP und SPÖ.
Um sinnvoll Sozialpolitik machen zu können, dürften Arbeits- und Wirtschaftsministerium
einerseits, Sozialministerium andererseits sich nicht in unterschiedlichen Händen
befinden.
Was uns da (Erwin Buchinger als neuer Sozialminister hat dieses "koalitionsfähige"
Modell schon Anfang Dezember vorgestellt) als "bedarfsorientierte Grundsicherung"
zum Zweck der Armutsbekämpfung verkauft wird, ist näherer Betrachtung
und all unseres Misstrauens wert. Niemand in Österreich soll weniger als
€ 726,- im Monat / 14 Mal im Jahr zur Verfügung haben - das meint zunächst
PensionistInnen und SozialhilfeempfängerInnen, deren Monatseinkommen unterhalb
dieser "Armutsgefährdungsgrenze" liegt.
Für SozialhilfeempfängerInnen gilt jedoch zusätzlich, dass Voraussetzung
für die Zuerkennung der Leistung die "Arbeitswilligkeit" ist. Dementsprechend
sollen alle arbeitsfähigen SozialhilfeempfängerInnen von nun an durch
das AMS betreut werden - was zusätzlich den Vorteil der Entlastung
von ohnehin überstrapazierten Gemeindebudgets hat.
"Langzeitarbeitslose werden in gemeinnützige Arbeitsprojekte eingebunden
und zur Weiterbildung verpflichtet", heißt es lapidar. Damit nämlich
sichergestellt ist, dass es sich um kein arbeitsloses Grundeinkommen handelt.
Wem die Rolle der NutznießerInnen dieser gemeinnützigen Gratisarbeit
zugedacht ist, wäre auch noch mal eine eigene Debatte wert. Jedenfalls zeigt
sich, dass der höchst eigenartige Vorschlag, Studierende könnten sich
ihre Studiengebühren durch gemeinnützige und soziale Arbeit verdienen,
genau diesem Ungeist entspricht, demnach Menschen in erster Linie ArbeitssklavInnen
zu sein haben. Dass aber gerade die Schwächsten in dieser Gesellschaft, die
sich am wenigsten artikulieren und wehren können. Und: "die Zumutbarkeitsbestimmungen
werden praxisnäher gestaltet" - wessen Praxis da gemeint ist, kann Herr
Bartenstein vielleicht beantworten.
Was da installiert werden soll - unter dem harmlos klingenden Ausdruck des "One-Stop-Shops"
(O-Ton Buchinger) - ist jedenfalls nichts anderes als die Ausdehnung der bekannten
AMS-Zwangsmaßnahmen mit denen Arbeitslose - in einem System, in das Arbeitslosigkeit
einprogrammiert ist, weil sie ihre Funktion darin hat - seit Jahr und Tag schikaniert
werden, auf SozialhilfeempfängerInnen.
Fragt eigentlich noch irgendwer, wohin dieser Arbeits- und Produktivitätswahn,
diese Mobilisierung der letzten Reserven, führen soll und auch, wem er dient?
Geld für Prestige statt allgemeine Bildung
Eine ähnliche Skepsis kommt auf, wenn frau weiß, dass € 400 Mrd.
für den Bereich Forschung, bloß die Hälfte davon für den
Bereich Bildung zur Verfügung stehen werden - im Klartext: prestigeträchtige
Forschungsprojekte werden unterstützt - ob sie gesellschaftlich sinnvoll
sind, ist dabei sekundär -, Bildung im Sinne von Allgemeinbildung wird zweitrangig,
denn es wird um die Anpassung des "SchülerInnenmaterials" an arbeitsweltliche
Realitäten gehen. Welche Zuteilungseffekte und -aufgaben dem Schulsystem
dabei zukommen, ist wohlbekannt. Dabei hätte Bildung den Zweck, uns zu befähigen,
die Welt, in der wir leben, zu verstehen und uns zu ermächtigen, sie zu verändern.
Und sie könnte einen Hunger stillen, der nicht-materieller Art ist. Die Biografie
der neuen Bildungsministerin - sie ist gelernte Betriebswirtin, Mitglied des Aufsichtsrats
in mehreren Unternehmen und Vorstandsmitglied von zwei Banken, darüber hinaus
Lehrbeauftragte der Wirtschaftsuniversität - lässt jedenfalls befürchten,
dass die Schulpolitik der nächsten Jahre einer weiteren Ökonomisierung
unterzogen wird.
Das und vieles mehr lässt sich kritisieren. Jedenfalls sind wir unmissverständlich
zurück im Zeitalter der großen Koalition, in der die Sozialdemokratie
ihren letzten Funken an Glaubwürdigkeit verspielt. Den Ausgang der Geschichte
kennen wir schon.
Hilde Grammel