Wer soll bleiben dürfen

Diese Frage beschäftigt nun – im Zusammenhang mit dem „Fall Zogaj“
und 35.000 offenen Asylverfahren in Österreich – seit einigen Wochen
Medien, Politik und engagierte Menschen wie Initiativen. Und die Antworten fallen
sehr unterschiedlich aus. Das ist zumindest der erste Eindruck, den man in dieser
Debatte gewinnt. Erst ein zweites Hinschauen zeigt, dass der Verstrickung im rassistischen
Diskurs nur auskommt, wer einen ernsthaften Bruch mit dem Vor-Herrschenden vollzogen
hat, oder bereit ist, ihn zu vollziehen.
Im Kurier-Interview vom 18.10. antwortet Grünenchef Van der Bellen auf die
Frage, Wer soll auch bei negativem (Asyl) Bescheid bleiben?: „Wer
sich über Jahre integriert hat, dessen Kinder in die Schule gehen und –
wie im Fall der Familie Zogaj – tadellos Deutsch sprechen. Wenn die Leute
gut integriert sind und etwas zur Wirtschaft beitragen wollen, ist es eine Blödheit,
sie zurückzuschicken.“
So weit so gut. So weit so rassistisch. Wenn man diesen Satz nämlich ernst
nimmt, ist darin nicht nur das allgegenwärtige „Der-Wirtschaft-nützen-müssen“
enthalten, das geradezu eine Voraussetzung des Menschseins geworden zu sein
scheint, sondern darüber hinaus drei weitere Kriterien für ein Bleiberecht:
Jahrelange Integration, Schulbesuch und tadelloses Deutsch.
Die alltägliche Erfahrung lehrt uns, dass viele Ur-ÖsterreicherInnen
diese Voraussetzungen nicht erfüllen. Aber die Deportation un-nützlicher
„eigener“ (d.h. heute mit österreichischer Staatsbürgerschaft
ausgestatteter) Bevölkerungsteile ist – in unterschiedlichen Formen
auch lange Zeit vor dem Faschismus durchaus üblich – inzwischen ja
vergangenen Jahrhunderten vorbehalten.
Wie kommt es zur selbstverständlichen Argumentation rassistischer Ausgrenzung
durch – nun sagen wir – zumindest nicht reaktionäre und jedenfalls
nicht rechtsextreme PolitikerInnen, wie neben Van der Bellen auch etliche Beispiele
anderer „RealpolitikerInnen“ zeigen. Ausschlaggeben scheint eine Vorstellung
von Realität zu sein, die ohne unterwerfende – und darin erfolgreiche
– Anpassung nicht auskommt. Denn die Lebens-Realität von Menschen (nicht
nur, aber vor allem von geflohenen, asylsuchenden und immigrierten Menschen) spielt
ja offensichtlich keine Rolle.
Das aber ist in beiden Aspekten ein durch und durch patriarchales Realitätsverständnis.
Der Bruch damit ist auch aus humanitären Gründen überfällig!
Claudia Krieglsteiner