Gewalt im Alltag
16 Tage gegen Gewalt an Frauen – die
am 25. November begonnene und seit Jahren begangene UNO-Kampagne hat, wenngleich
nicht vordergründig, auch die Gewalt an alten Frauen im Blick.
Vordergründig wird in den seit Jahren weltweit begangenen öffentlichen
Aktionen gegen Gewalt an Frauen all jener Opfer gedacht, die sexuellen Übergriffen,
männlichen Gewalttaten oder Qualen durch Folter, Flucht oder Hunger ausgeliefert
sind. Weniger wird all jener Frauen gedacht, denen Gewalt im Alter angetan wird.
Schon allein durch die längere Lebenserwartung sind vorrangig sie davon betroffen.

Die
derzeit geführte Pflegedebatte erhellt einen winzigen Ausschnitt struktureller
Gewalt, die alte Menschen hierzulande erdulden müssen: knappe Ressourcen
– vor allem Frauen müssen aufgrund niedriger Löhne und höherer
Lebenserwartung mit den 690 Euro Ausgleichszulage für Alleinstehende einen
Monat lang auskommen; niedrige Pensionserhöhungen, die nicht einmal die Inflation
abdecken; Heizkostenzuschüsse, die den gestiegenen Energiekosten nicht gerecht
werden; und dann nicht wissen, woher das Geld kommen soll bei häuslicher
Pflege – also wird auf illegales billigeres Pflegepersonal aus den benachbarten
neuen EU-Ländern zurückgegriffen.
Gewalt an Alten, Kranken, Behinderten spielt immer dann eine Rolle in der öffentlichen
Diskussion, wenn gerade wieder einmal ein so genannter Pflegeskandal aufgedeckt
wurde. In regelmäßigen Abständen erreichen uns Schreckensmeldungen
über Tötungsdelikte oder Misshandlungen in Altenheimen oder Pflegeeinrichtungen.
Ob in Holland, in der Schweiz, in Deutschland, den USA, Norwegen oder hierzulande
– das Töten oder das Quälen von Schutzbefohlenen scheint zum erschreckenden
Alltag im Pflegebereich zu gehören. Meist aber geschehen die gewalttätigen
Übergriffe an dieser Personengruppe leise und still.
Passiert eine solche Gewalttat, wird medial die Grausamkeit beklagt, seltener
wird nach den Rahmenbedingungen gefragt, in denen so etwas möglich ist.
„Die geläufige Rede von der wachsenden Überalterung, den steigenden
Gesundheitskosten im Alter, dem schwelenden Generationenkonflikt, der ökonomisch
argumentierten Absage an Solidarsysteme schürt eine allgemeine Feindseligkeit
gegen biologisch Schwache, unbrauchbare Alte, chronisch Kranke. Dieses falsche
und damit (nach Kant) auch unethische Gebräu von Argumenten schafft die gefährliche
Großwetterlage für außerordentliche Spitzenleistungen der Unmenschlichkeit.“
Dies schrieb der Wiener Pflegeombudsmann Werner Vogt in seinem kritischen Tagebuch
„Reise in die Welt der Altenpflege. Ein kritisches Tagebuch“ (Edition
Steinbauer Wien 2005). Darin legt er Zeugnis ab über seine Tätigkeit
und das, was er in Pflegeeinrichtungen an Gewalt gesehen hat: „Es herrscht
eine schlechte Großwetterlage für Alte, wenn in Institutionen Gewalt
gegen sie ausgeübt wird, sei es nun verbale Gewalt, Zwangsmaßnahmen,
Ruhigstellen durch Medikamente oder strukturelle Gewalt in Form einer nicht vorhandenen
Tag-Nacht-Struktur, fehlenden Besuchs, des Dahindösens vor dem Fernseher
in einer Pseudohospitalsatmosphäre bis zum Lebensende.“
All das ist bekannt. All das ist beklagt. Und all das wird von den politischen
AkteurInnen ignoriert und allenfalls vor Wahlen thematisiert in Form von vollmundigen
Versprechen, die nicht einmal die Halbwertzeit von Koalitionsverhandlungen haben.
Bis heute ist z.B. die von Bürgermeister Häupl versprochene Pflegemilliarde
nicht in den Geriatriezentren eingetroffen, bis heute besteht weiterhin akuter
Pflegenotstand durch Einsparungen beim Personal und Ausgliederung sozialer Dienste,
bis heute muss strukturelle Gewalt im Geriatriebereich beklagt werden. Vogt: „Die
Wiener Sozialdemokratie hat sich vor zwei Jahren dafür stark gemacht, dass
der Sozialstaat in die Verfassung kommt. Sie hat das Sozialstaatvolksbegehren
intensiv unterstützt. Was hindert sie daran, soziale Ansprüche in der
Wiener Stadtverfassung festzuhalten?“
Am 10. Dezember, dem Internationalen Tag der Menschenrechte, endet die Aktionsreihe
gegen Gewalt an Frauen. Es käme einem Weihnachtswunder nahe, würde sich
bis dahin etwas an der Situation der Alten ändern.
Bärbel Danneberg