Personen
• Allein erziehende Mutter zweier Töchter (M)
• ältere Tochter Sarah (Sa)
• jüngere Tochter Solveig (So)
Tübingen,
Im Jahr 2003
1.
8 Uhr. Mutter sitzt im Morgenmantel am Frühstückstisch in kleiner
Wohnküche. Sie hat eine Kaffeetasse in der Hand und liest die Zeitung.
Solveig kommt herein
So
Morgen! Ich muss unbedingt mit Dir reden!
M mit leicht besorgtem Unterton
M
Hallo! Was gibt´s denn so Wichtiges am frühen Morgen?
So stockend, atemlos
So
Annan kommt nach Tübingen
Er wurde eingeladen von der Stiftung Weltethos, deren Präsident dieser
Küng ist. Na, Du weißt schon!
Da keine Reaktion von Seiten der Mutter, redet sie hastig weiter
So
Weltethos will den Dialog der Religionen und Kulturen fördern! Ist das
nicht toll? Wichtiger denn je in unsrer schrecklichen Zeit!
M
Ja, ich weiß. Ich habe die Nachricht eben gelesen. Er kommt am 30. April
und spricht in der Uni. Aber, warum erzählst Du mir das? Willst Du auch
dorthin? Gute Idee, geh, besorge Dir Karten!
So zögernd
Aber nein, Mama, darum geht es nicht.
DU sollst dorthin, damit Du mich besser verstehen wirst mit dem, was ich vorhabe.
M
Was willst Du damit sagen?
So, fast unhörbar
Ich will damit sagen, dass ich in den Irak gehen werde.
2.
Mutter zieht den Gürtel ihres Morgenmantels enger. Die Farbe in ihrem
Gesicht ist verschwunden. Sie wirkt müde und alt.
M
Ich habe so etwas Ähnliches schon erwartet.
Vor kurzem bist Du achtzehn geworden. Es war ein schönes und lustiges Fest.
Der wertvolle Ring von Deinem Freund, die vielen angenehmen Gäste, das
appetitliche Buffet, die unterhaltsamen Sketche. Deiner Schulfreunde. Dein Vater
hat sich sogar Mühe gegeben und ein paar richtige Worte geäußert:
dass Du ein wildes, mutiges Kind warst und Du Dich in dieser Hinsicht kaum verändert
hast, und dass Du enthusiastisch an Dinge rangehst, von denen Du überzeugt
bist.
M wischt die Tränen weg, die jetzt aus ihren Augenwinkeln fließen.
M
BIS JETZT hast Du immer Glück gehabt im Leben mit Deinen Aktionen, Du mein
Sonntagskind.
In der Nacht auf Sonntag geboren. Eine kalte, schneereiche Woche war jenem Tag
Deiner Geburt im Dezember vorangegangen. Drei Tage vorher war ich schon mal
in der Klinik. Ich dachte, dass es losgehen würde. Bei Dir hatte ich Wehen,
was man im Fall Deiner Schwester nicht gerade behaupten konnte. Bei ihr wurde
eingeleitet, aber das weißt Du ja zur Genüge. Ich schweife ab, ja,
lass mich noch ein bisschen erzählen. Also: ich lag schon im Kreissaal,
als ich eine Gebärende hörte, die sich fürchterlich quälte.
Wie ein verendendes Tier. Hohe Schreie, leises Wimmern und das abwechselnd,
und bei mir waren die Wehen plötzlich WEG, und die Hebamme meinte, ich
sollte doch spazieren gehen, auf den Christkindlmarkt oder so. Ich zog es vor,
meine sieben Sachen zusammenzupacken und schnellstens heimzufahren. Dein Vater
war damals noch ein anwesender Vater und Ehemann. Er schaute mich zweifelnd
an und war von meiner Entscheidung gar nicht überzeugt, aber das war mir
herzlich egal. Nichts wie weg. Auf meinen Vorwurf hin, die armen Mütter
in spe so leiden zu lassen, erwiderte die Hebamme nur "Wir arbeiten ordentlich!",
und meinte wohl sich und die Gequälte.
Na ja, drei Tage später warst Du da. Du kamst ohne schlimme Schmerzen.
Sehr langdauernde Geburt und doch sonderbar leicht, abgehoben, wie unter Drogen
kam ich mir vor, obwohl ich außer der PDA nichts bekommen hatte. Waren
wohl die Endorphine. Dieser Zustand der schwerelosen GLÜCKSELIGKEIT hielt
tage-, sogar wochenlang an.
Du warst ein fröhliches, selbstbewusstes Kind. Alles ging Dir leicht von
der Hand, hattest nie sonderlich Probleme..
M stockt, reibt sich zum wiederholten Mal die Augen. Sie reißt Papier
von der Küchenrolle ab und schnäuzt sich.
So schaut ihre M entsetzt an.
So
Mama, was willst Du mit Deinen Uraltgeschichten bezwecken? Möchtest mich
damit weich kochen, so dass ich hier bleibe in der heilen Welt dieses Ministädtles?
M weint lautlos und putzt sich ab und zu die Nase.
So
Ach so. Ich verstehe, Du siehst mich schon unter dem Leichentuch begraben
- wie in Deinem Gedicht. Dort heißt es doch so schön brutal:
So ´s Stimme mit leicht ironischen Unterton wird tragend im Rezitieren
Ich sehe--- die weißglitzernde Wüste als Leichentuch, alles Lebende
unter sich begrabend
Ich rieche--- süßliche Verwesung in sengender Mittagshitze, keinen
Unterschied machend zwischen Freund und Feind
so wie der Schmerz nicht unterscheidet
M unterbricht So und schaut sie verwundert an
M
Du erstaunst mich immer mehr.
So
Ich hab´s in der Schule zum Besten gegeben. Auswendig wirkt besser als
abgelesen. Freut Dich doch, oder?
M verzieht das Gesicht, lächelt mühsam
So rezitiert weiter
Ich kenne--- die Trauer über die heutigen Opfer und die von Morgen, die
noch gar nicht geboren sind und nicht einmal das Recht und die Chance auf einen
gesunden Körper haben,--- nachdem ihre Väter mit genverändernden
Waffen konfrontiert wurden.
M unterbricht
Aber auch:
Ich beobachte--- mein spielendes Kind, heiter, mit seiner kleinen Welt im Reinen.
Und mir kommen die Tränen angesichts meiner momentanen Hilflosigkeit und
der verdammten Ungerechtigkeit dem Kind DORT gegenüber, dem wirklichen
Opfer, das keine Möglichkeit hat, sich zu wehren. Das letzte Glied in der
Kriegs-, Hunger- und Flüchtlingskette.
Ich fühle--- das Leid mit allen um ihre Kinder betrogenen Frauen dieser
Welt.
M stockt und wendet sich an So
Ich möchte keine von diesen Frauen sein. Wir leben hier noch geschützt,
Gottseidank. Wir müssen uns doch nicht mutwillig in Gefahr begeben! Glaubst
Du nicht, dass man auch von AUßEN etwas bewegen kann? Ist es notwendig,
Deine noch kaum gelebte Existenz aufs Spiel zu setzen?
So trotzig
Typischer Generationenkonflikt! Du auf der sicheren, bequemen Seite mit einem
moralischen Mitleidmäntelchen umgeben, so wie viele aus Deiner Generation,
und ich, die es einfach nicht mehr ERTRÄGT. Diese Bilder, diese dumme Propaganda,
diese Durchhalteparolen an die armen Kreaturen, die sich noch Menschen nennen.
Ist doch ein Witz! Einerseits hohe moralische Werte, hier unter unserem Dach,
in der Literatur, die ich gerade lese, und auch in der Schule, andererseits
sind die Menschen nicht einmal zum Einfachsten fähig: sich gegenseitig
zu achten. Stattdessen hauen sie sich lieber die Köpfe ein und misshandeln
sich in einer Form, die wir uns nicht einmal vorstellen können!
3.
Sa betritt die Wohnküche, stutzt, sieht zu ihrer M und zu So
Sa
Ich glaube, ich verschwinde gleich wieder. Dicke Luft, was?
So
Typisch Sarah. Konfliktscheu und harmoniebedürftig wie immer!
M scharf
Lass Sara in Ruhe.
Sa bleibt am Küchenbuffet stehen, gießt eine Tasse Kaffee ein
Sa
Na, wieder eines Eurer tiefschürfenden Diskussionen, bei denen zum Schluss
dann nur wieder geschrien wird.
M und So schweigen
Sa
Oder hat sich mein sanftes Schwesterlein über Nacht geändert? Na ja,
mir auch egal. Muss gleich verschwinden. Habe meine Schlussbesprechung wegen
L. A.! WOW, wie ich mich freue, von diesem Kleinkaff wegzukommen!
Sa schaut ihre M lauernd an
M streicht ihre graublonden Haare zurück
M
Du willst auch gehen, ich weiß.
M hält sich an der Tischkante, als fiele es ihr schwer, aufzustehen
und wankt aus der Küche
Sa
Heute ist wohl nicht Euer Tag, wie? Aber was meint sie mit AUCH?
Na ja, egal. Stell Dir vor, ich habe mir schon eine dufte Penthouse-Wohnung
gemietet mit allem Drum und Dran mitten in der City. Ein eigenes Auto benötige
ich allerdings, da mein Büro relativ weit entfernt ist. Um in L. A. von
A nach B zu kommen, you need your own car. Wenn heute alles glatt läuft,
bin ich in zwei Wochen weg!
So
Ich auch!
Sa
Hast Du dann noch Schulferien?
So kühl
Das spielt keine Rolle.
Sa schaut misstrauisch
Was willst Du damit sagen? Wo fährst Du überhaupt hin?
So müde
Interessiert Dich denn mein Ziel wirklich?
Sa
Von welchem Ziel redest Du überhaupt? Meinst Du Deine Reise, oder das Ziel,
Mutter langsam aber sicher in die Klapsmühle zu bringen?
So zornig
Das sagst gerade Du! Du mit Deiner Angepasstheit, mit Deiner Ignoranz und Borniertheit
dem Weltgeschehen gegenüber ...
Sa
... womit wir wieder bei Deinem Lieblingsthema wären. Du denkst, sämtliches
Elend der Welt auf Deinen Schultern tragen zu müssen und gehst allen damit
tierisch auf den Wecker, und Du bemerkst dies überhaupt nicht. Dein Sendungsbewusstsein
ist unerträglich. Du kannst ja auch nicht die Klappe halten. Der verhätschelte
kleine Wirbelwind, der Du einmal warst, die verwöhnte kleine Prinzessin
flippt seit geraumer Zeit aus und hat nichts mehr anderes im Kopf als den Weltfrieden
und das Kindersterben und was weiß ich noch alles.
Sa wird durch das Klirren einer von So auf den Boden geworfene Tasse unterbrochen
So
Mensch, ich werde Hosiannah singen, wenn Du endlich hier die Fliege gemacht
hast. Nicht ICH bin unerträglich, sondern DU mit Deiner verdammten Arroganz
und Deiner Besserwisserei und Deinem abgrundtiefen Neid mir gegenüber!
So hält inne
Aber das gehört nicht hierher.
Was hierher gehört ist die Tatsache, dass die verwöhnte Prinzessin
mit einem Konvoi des Roten Kreuzes in den Irak geht.
So macht eine Pause, um ihren Worten mehr Gewicht zu verleihen.
So
Ich habe mich als Hilfskraft beworben, und sie haben mich tatsächlich genommen.
Den Erste-Hilfe-Kurs habe ich schon hinter mir. In zehn Tagen soll es losgehen.
Jetzt bist Du sprachlos, nicht wahr?
So und Sa schauen sich wortlos an. So holt einen Besen und fegt die Scherben
weg
4.
Sa leise
Ich bin zehn Jahre älter,- und Du weißt genau, was Du willst, oder
Du vermittelst zumindest den Eindruck. Ich weiß überhaupt noch nicht,
was im Leben wichtig ist, bzw. was ich wirklich will. Seit einiger Zeit habe
ich das Gefühl, dass ich schwimme, mit dem Strom, aber wohin?
Sa lacht schrill
Hast Du schon was von der "Quarterlife-Crisis" gehört? Mutter
ist in der Midlife-Crisis oder in den Wechseljahren. Das deckt sich so ziemlich.
Und Du bist eine Spätpubertierende. Somit gibt es für jedes Lebensabschnittsproblem
eine Benennung. Ist das nicht apart.
Sa kichert
Sa
Mein Architekturstudium hat mir viel Spaß gemacht. Das war´s dann
auch schon mit dem fun. Die Arbeitsrealität schaut völlig anders aus.
Einfach grausam, was die Architekten heutzutage hinzuklotzen wagen. Da machst
Du Dir Gedanken über eine neue Wohnanlage in Passivhaus- Bauweise- wenn
Dir das was sagt-
So nickt unmerklich
Sa
- und der Entwurf wird vom Tisch gefegt. Den Zuschlag bekommt dann ein Großkotz
von einem Architekten mit immer demselben blöden Schema F. Aber was interessiert
Dich das.
So
Merkst Du, dass wir uns im Kreis drehen und ähnliche Probleme haben?
Seltsam, wir leben unter einem Dach, und ich wusste gar nicht, dass Du Deinen
heiligen Architekten gegenüber so kritisch bist und Dich die Architektur
so anstinkt.
Sa
Falsch! Ich bin froh, dass ich mich für dieses Studium entschieden habe.
Das ist aber auch alles, was ich SICHER weiß.
So
Die Stunde der Wahrheit ...
Sa
Mach Dich nur lustig! Im Grunde bin ich mir nicht einmal sicher, ob die Entscheidung,
nach Amerika zu gehen, die Richtige war.
So
Tja, das merkst Du dann spätestens, nachdem der erste Selbstmord-Attentäter
in Los Angeles zugeschlagen hat.
Sa
Du widerliche Zynikerin
So
Und weiter verstehe ich überhaupt nicht, wie man als seriöse Öko-Architektin
ernsthaft daran glaubt, in den Staaten alternativen Bauweisen frönen zu
können. Jeder Idiot weiß mittlerweile, dass die American people die
größten Energieverschwender des Globus sind!
Sa
Ich ärgere mich maßlos, mit Dir überhaupt geredet zu haben.
So
Pech! Aber nur noch ein bisschen Geduld ... dann hat sich auch dieses Problem
von alleine gelöst ...
Sa schnaubt verärgert durch die Nase und läuft hinaus.
Sie rennt an ihrer Mutter vorbei, zögert kurz, dreht sich um, gibt ihrer
Mutter einen flüchtigen Kuss und streicht über ihre Wange.
Sa sanft und leise
Adieu, geliebte Mama, ich muss fort. Heute wird es spät. Vielleicht komme
ich auch gar nicht heim und bleibe bei Peter.
Sa verschwindet zur Haustür hinaus.
5.
M schüttelt den Kopf, murmelt
Peter? Zu ihm? Sind wohl die Abschiedswehen. Sie liebt ihn nicht und trotzdem
hängt sie an ihm. Ob er wohl schon weiß, dass sie Tübingen verlässt.
So unterbricht ihre Gedanken
Gerade DU müsstest mich am besten verstehen! Du mit einer solchen Vergangenheit!
M schaut So verwirrt an und hat sichtlich Mühe, den Faden wieder zu
finden.
So
Du warst doch nicht nur Salonkommunistin. Das Wort gefällt mir. Wohl treffend
für Deine Generation. Und sieh sie Dir heute an: von Salonkommunisten zu
Sesselfurzern mutiert!
So kichert
M
Ich war noch nie in einem Kriegsgebiet, aber dies weiß ich genau: Wenn
Du einmal dort gewesen bist, wirst Du nie mehr die Bilder vergessen. Dein Leben
lang werden sie Dich verfolgen. Du wirst nachts schweißgebadet aufwachen.
Du wirst schreien im Traum. Und Dir wird bewusst werden, dass Du das Geträumte
selbst ERLEBT hast, und diese Realität wird für immer in Deinem Kopf
sein und Dich niemals mehr verlassen.
M sieht So ernst an.
M
Du bist noch so jung. Du kannst dem Grauen nichts entgegensetzen, keine Lebenserfahrungen,
kein schlimmer Verlust, gar nichts! Die Soldaten sind ungefähr in demselben
Alter. Was glaubst Du, in welcher psychischen Verfassung sie zurückkommen!
M leise
Wenn sie überhaupt zurückkommen ...
Du willst dies alles auf Dich nehmen, obwohl Dich keiner zwingt!
So
Ich habe einen freien Willen. Ich kann nicht weiter in den Spiegel schauen,
wenn ich hier noch weiter untätig herumsitze, Däumchen drehe und tolle
Parolen auf den Demos schwinge, während DORT Menschen verrecken!!
Und Du, liebe Mutter, beklage Dich nicht über mich! Das ist alles Deine
Erziehung! Ich mache nichts weiter, als die hehren Werte, wie Zivilcourage und
Anstand, in die Tat umzusetzen! Du wirst mich nicht daran hindern, das RICHTIGE
zu tun.
So hat plötzlich Tränen in die Augen
So
Ich habe mich entschieden. LASS MICH BITTE GEHEN--- IM GUTEN!
M nimmt So in die Arme, streichelt ihren Kopf. Lange stehen die Frauen wortlos
in dieser Position da.
M nach einigen Minuten fast unhörbar
M
Auch Du gehst weg von mir.
Ich bin allein-
vielleicht für immer.
Sylvia Dürr